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Vom Taifun aufs Konferenzparkett

Das Porträt: Eine von 10.000

In einer Serie stellt klimaretter.info Akteure der Weltklimakonferenz vor. Heute: Maria Theresa Nera-Lauron (45) ist Mitglied der philippinischen Regierungsdelegation auf der UN-Klimakonferenz. Sie lädt alle zur nächsten Taifunsaison nach Manila ein, die immer noch nicht glauben, dass der Klimawandel längst Realität ist.

Vollbild-VorschauMaria Theresa hat sich verspätet. "Erstmal musste ich zu Hause aufräumen", sagt die 45-jährige Philippinerin. Zwar wütete der Taifun Haiyan nicht ganz so schlimm in Manila. "Aber trotzdem gab es einige Schäden in unserem Viertel." Seit Samstag ist Maria Theresa Nera-Lauron nun in Warschau. Und friert. "Bei uns auf den Philippinen sind jetzt 29 Grad", sagt die zierliche Frau. Verständlich, dass ihr Polens Hauptstadt bei null Grad wie uns der sibirische Winter vorkommen muss.

Maria Theresa Nera-Lauron ist Mitglied der philippischen Regierungsdelegation auf der Welt-Klimakonferenz. "Sagen wir: Ein halbes Mitglied." Denn eigentlich ist die Expertin der Nichtregierungsorganisation IBON nicht direkt an den Verhandlungen beteiligt. "Meine Aufgabe ist es, die Arbeit der Regierung zu überwachen." In Warschau soll ein neuer Weltklimavertrag auf den Weg gebracht werden, der 2015 in Paris beschlossen werden soll und erstmals alle Staaten verpflichtet, ihren Treibhausgas-Ausstoß zu verringern. Auch den der Philippinen.

Gegründet wurde IBON zu Beginn der Marcos-Diktatur Anfang der 70er Jahre von der Kirche. "Damals ging es darum, rauszufinden, was hinter den Lügen des Regimes steht", sagt Maria Theresa Nera-Lauron. Als junge Frau hat sie sich beispielsweise gegen die Unterdrückung an den Universitäten eingesetzt. Und landete prompt im Gefängnis. Zwar ist die Militärjunta längst Geschichte, der Auftrag aber ist geblieben. "Ich sitze mit am Regierungstisch, um dann der Zivilgesellschaft zu Hause zu berichten, wie in Warschau um unsere Zukunft verhandelt wurde."

Ihr werde auf dem Verhandlungsparkett sehr viel Mitgefühl entgegengebracht, sagt die kaum 1,40 Meter große Frau. "Alle fragen mich, ob es auch in meiner Familie Opfer gegeben hat." Tatsächlich lebt die eine Hälfte ihrer Familie im besonders betroffenen Süden, wo die Zahl der Todesopfer mittlerweile auf 4.011 angestiegen ist, 1.600 Menschen werden noch vermisst. "Wir hatten aber Glück", sagt Maria Theresa Nera-Lauron. Keiner ihrer Verwandten ist vermisst, schwer verletzt oder wurde gar in den Tod gerissen.

Wobei Glück in diesen Tagen auf den Philippinen relativ ist: "Die eine Verwandtschaft sind Kaufleute, ihr Laden ist komplett zertrümmert. Die anderen sind Bauern. Sie haben die ganze Ernte und ihre Bleibe verloren." Ein halbwegs normales Leben wird im nächsten halben Jahr für keinen von ihnen möglich sein.

Taifun Ondoy als Trauma

Auf dem Terminkalender steht jetzt ein Strategietreffen der philippinischen Regierungsdelegation. Es gibt bei der Klimakonferenz mehr als ein Dutzend Verhandlungsstränge. Einer beschäftigt sich beispielsweise mit Finanzfragen, ein anderer mit Anpassungsmaßnahmen, einer behandelt das Kyoto-Protokoll, einer soll den Zukunftsvertrag aushandeln. "Alles ist miteinander verwoben", sagt Maria Theresa. Ein Zugeständnis in dem einen Verhandlungsstrang kann die Position in einem anderen verbessern. Deshalb kommen die Unterhändler regelmäßig zusammen, um den Stand auf dem Verhandlungsparkett abzugleichen.

"Wir stehen hier enorm unter Druck. Die Menschen zu Hause verlangen endlich konkrete Beschlüsse", sagt Maria Theresa Nera-Lauron. Mitte der zweiten Woche der Weltklimakonferenz sieht es nicht danach aus. "Tatsächlich berät die Konferenz, wie die Tagesordnung der nächsten Konferenz aussehen soll." Dabei sei genug geredet worden: "Der Taifun Haiyan zeigt doch, dass die Zeit der Worte vorbei sein muss. Wir brauchen Taten!"

Das erste, was sie dachte, als die Behörden vor dem Sturm warnten, war das, was Maria Theresa den "Mutterkomplex" nennt: "Haben wir genug Trinkwasser, sind die Handys alle aufgeladen, reicht das Brot?" Vier Kinder hat sie, zwei schon große und vierjährige Zwillinge. "Der Taifun Ondoy ist eines meiner Traumata." 2008 war Ondoy über Manila hinweggefegt und hatte in 24 Stunden so viel Regen mit sich gebracht, wie sonst im ganzen Monat fällt. Auch Maria Theresas Familie stand damals bis zum Hals in den Fluten.

Hat denn der Klimawandel überhaupt etwas mit Taifunen wie Haiyan zu tun? Schließlich gab es schon immer Tropenstürme auf den Philippinen! Maria Theresa stutzt einen Augenblick und wird dann richtig wütend. "Haiyan ist der stärkste je registrierte Sturm in der Menschheitsgeschichte. 2010 versank Pakistan in den Fluten. Gleichzeitig litt Russland unter extremer Hitze mit tausendfachem Waldbrand. Die Rekordflut in Thailand 2011, gleichzeitig der heißeste Sommer in den USA, der Hurrikan Sandy, der 2012 erstmals auf New York zuraste. Das ist doch alles kein Zufall!"

Maria Theresa Nera-Lauron macht eine Pause und gewinnt ihr Lächeln zurück. "Ihr hattet doch bei euch in Deutschland im Sommer auch schon wieder eine 'Jahrhundertflut'. Das lief bei uns im Fernsehen. Also: Wie nennt ihr die Häufung von Wetterextremen, wenn nicht 'Klimawandel'?"

Fluten als philippinischer "way of life"

Natürlich, Fluten und Taifune gehören von alters her zum Leben der Filipinos. "Fluten sind unser 'way of life', wir haben gelernt damit umzugehen", sagt Maria Theresa. "Aber das, was sich in den letzten zehn Jahren bei uns abspielt, sind eben keine Fluten wie seit alters." Sondern unbeherrschbare Angriffe auf die Menschen. 31 Tropenstürme seien in diesem Jahr bereits über die Philippinen hinweggefegt. "Wer immer noch denkt, dass der Klimawandel eine Fiktion in der Zukunft ist, den lade ich gern zur nächsten Taifunsaison nach Manila ein."

Zur Aktivistin ist sie wegen Shakespeare geworden. Maria Theresa hat englische Literatur studiert. "Ich habe die Welt damals durch die romantischen Augen von Romeo und Julia gesehen." Als sie aber dann die Augen auf den Alltag richtete, habe der sich als alles andere als romantisch entpuppt. "Das hat in mir wohl den Willen entfacht, die Welt zu ändern, sie besser zu machen."

Deshalb müsse endlich etwas geschehen. Yeb Saño, der philippinische Verhandlungsführer und in Warschau "Chef" von Maria Theresa Nera-Lauron, ist in den Hungerstreik getreten. "Lasst uns das Verbrennen von Öl und Kohle stoppen", appelliert Saño. "Lasst uns Warschau als den Ort in Erinnerung behalten, an dem wir diese Dummheit gestoppt haben."

Am Dienstag präsentierte Saño auf dem Klimagipfel 605.367 Unterschriften zu einem Aufruf, den der philippinische Verhandlungsführer zu Beginn des Gipfels initiiert hatte: "Ich rufe Sie dazu auf, die Bekämpfung der Verschmutzung nicht länger schleifen zu lassen und keine Finanzierungsversprechen mehr zu brechen", heißt es in der Online-Petition. Die Regierungen der Welt müssten "die neue Klima-Realität erkennen."


Maria Theresa Nera-Lauron in einem Warschauer Café oben und hier auf dem Warschauer Plac Zamkowy, dem Schlossplatz. Zeit für einen Stadtbummel hatte sie bislang nur für dieses Porträt von klimaretter.info. (Fotos: Reimer)

Warschau erscheint dafür in diesen Tagen als der unwirtlichste Ort. "Wenn ich am Morgen in die ersten Verhandlungen gehe, ist es noch dunkel, und wenn ich aus der letzten komme, schon wieder." Ihr Herz und ihre Hoffnungen sind zu Hause auf den Philippinen, wo die Rettungskräfte immer noch nach Vermissten suchen. Am liebsten würde sie sofort wieder abreisen, um etwas Sinnvolles zu tun. Zum Beispiel Trümmer beiseite schieben. "Meine Aufgabe ist aber hier", sagt Maria Theresa und verspricht, ihr Bestes zu geben, um die Zeit in Europa als sinnvoll bezeichnen zu können.

Aufgezeichnet von Nick Reimer

Einige von 10.000 – Porträts vom Klimagipfel in Warschau 
Raju Pandit Chhetri, 32, Delegierter aus Nepal
Dipti Bhatnagar, 23, Umweltschützerin aus Mosambik
Jayanthi Narajan, 59, Indiens Umweltministerin
Maria Theresa Nera-Lauron, 45, philippinische Delegierte
Vitumbiko Chinoko, 37, Agrarexperte aus Malawi
Kjell Kühne, 34, Aktivist aus Mexiko
Marcin Korolec (44), polnischer Klimagipfel-Präsident

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Alle Beiträge zur COP 19 in Polen 
finden Sie in unserem Warschau-Dossier

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