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Dem Kohle-Gipfel aufs Dach gestiegen

"Wer regiert Polen? Wer regiert die Welt?" Das fragten Greenpeace-Aktivisten heute in Warschau anlässlich des Kohlegipfels, zu dem die polnische Regierung parallel zur Klimakonferenz geladen hatte. Beim Kohlegipfel verschreibt sich die angereiste Industrie vollmundig dem Klimaschutz – durch neue Kohlekraftwerke und CCS. Das zementiere nur die fossile Energiewirtschaft, schimpfen Kritiker.

Aus Warschau Joachim Wille

Sie kamen plötzlich, und die Polizei ließ sich austricksen. Es war ein Coup der Extraklasse. "Wer regiert Polen? Die Kohle-Industrie oder das Volk?" – ein Banner mit dieser Aufschrift hing am Montagmorgen plötzlich an der Fassade ausgerechnet des polnischen Wirtschaftsministeriums im Zentrum von Warschau. Greenpeace war obenauf, um gegen den "Kohle und Klima"-Gipfel zu protestieren, der zur selben Stunde im Ministerium begann.

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Vor dem Umweltministerium versammelten sich Aktivisten von verschiedensten Organisationen, um gegen den Kohlegipfel zu protestieren. (Foto: Falk Hermenau)

Ein paar Leute der Umweltorganisation hatten die mit der Sicherung des Ministeriums beauftragten Polizisten mit einer Protestaktion auf der anderen Seite des stattlichen Gebäudes abgelenkt. So konnten die Aktivisten, die mit einem Feuerwehr-Leiterwagen vorgefahren waren, schnell auf das Dach klettern. Dort ließen sie das Banner herunter und postierten sich an der Dachkante gut sichtbar mit den Flaggen der größten Kohle-Länder – darunter Australien, USA, Polen und Deutschland. "Es ist ein Skandal, dass Polen ausgerechnet parallel zum großen UN-Klimagipfel den Rahmen für eine Kohle-Konferenz gibt", kommentierte Greenpeace-Experte Martin Kaiser. Die Kohle-Industrie könne nicht Teil der Lösung sein. "Es gibt keine saubere Kohle."

Rund 90 Prozent des polnischen Stroms stammen aus der Kohle

Nicht nur Greenpeace war angerückt. Umweltschützer, Vertreter von Ärzteverbänden, polnische Bürger, deren Gemeinden vom Erdboden verschwinden sollen, weil Braunkohle-Tagebaue erweitert werden sollen, protestierten gegen den Gipfel im Ministerium. Sie verteilten Atemschutz-Masken, führten kritische Sketche auf, skandierten Slogans. Eine riesige aufblasbare Plastiklunge hatten sie mitgebracht – ein Symbol dafür, dass die Kohle-Verbrennung nicht nur den Klimawandel befeuere, sondern durch Feinstaub und Gifte wie Blei und Cadmium auch für Gesundheitsschäden und vorzeitige Todesfälle verantwortlich sei. "Die durchschnittliche Lebensdauer der Polen liegt wegen der Kohle sechs Jahre niedriger als bei sauberer Luft", sagte Polens früherer Vize-Umweltminister Michał Wilczyński später auf der Pressekonferenz der Kohlegegner.

Drinnen im Wirtschaftsministerium sah man die Sache selbstredend ganz anders. Der Gipfel-Gastgeber, Polens Vizepremier und Wirtschaftsminister Janusz Piechociński, unterstrich, wie wichtig Stein- und Braunkohle auch zukünftig für die Energieversorgung des Landes sei. Derzeit produziert Polen etwa 90 Prozent seines Stroms daraus. Auch der Veranstalter, der Welt-Kohle-Verband WCA, ließ keinen Zweifel daran, dass er für sich eine gute Zukunft sieht. Der in der Erdkruste noch reichlich vorhandene Brennstoff sei dringend nötig, um die Energieversorgung der wachsenden Weltbevölkerung sicherzustellen, meinte WCA-Chef Milton Catelin. Er räumte allerdings ein: "Auch die Emissionen müssen gesenkt werden."

Das wiederum sei machbar. Die WCA-Strategie: Alte, ineffiziente Kohlekraftwerke, wie sie in Entwicklungsländern oder auch in Osteuropa noch laufen, sollten durch moderne Meiler mit höheren Wirkungsgraden ersetzt werden. "Allein das könnte den CO2-Ausstoß des gesamten Energiesektors weltweit um 20 Prozent vermindern", sagte Catelin. Eine weitere Hauptrolle in den Debatten im Ministerium spielte die – allerdings ebenfalls umstrittene – Hoffnungstechnologie CCS, bei der das CO2 aus dem Kraftwerks-Abgas abgetrennt und tief in der Erde endgelagert werden soll. Sie könne aber mit den Kosten der erneuerbaren Energien konkurrieren, hieß es.

Die Kohlegegner freilich halten beide Strategien für untauglich. All das zementiere die fossile Energiewirtschaft, denn neue Meiler blieben dann 40 bis 60 Jahre am Netz – "das passt nicht zu den Klimaschutzzielen", sagte in Warschau Mona Bricke vom deutschen Bündnis Klima-Allianz

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Wer regiert Polen? Wer regiert die Welt? – Die fossile Industrie oder das Volk? (Foto: S. Ehlerding)

Den Versuch, zwischen den unvereinbaren Positionen zu vermitteln, die im Ministerium und außerhalb vertreten wurden, machte UN-Klimachefin Christiana Figueres. Sie erschien persönlich beim Kohle-Gipfel, was ihr übrigens im Vorfeld harsche Kritik von Greenpeace und Co eingebracht hatte. Sie betreibe "Greenwashing" der fossilen Lobby, warf man ihr vor. Vor den versammelten Kohlefreunden im Saal war sie zwar im Ton verbindlich. Das sofortige Abschalten alle Kohlemeiler, wie es manche Umweltgruppen forderten, sei unrealistisch, sagte Figueres. Doch die Branche müsse sich schnell verändern. "Der Großteil der Kohle-Reserven muss in der Erde bleiben", forderte sie. Und den Kohle-Konzernen empfahl sie, dringend, zu diversifizieren und in die erneuerbaren Energien einzusteigen. Nach Figueres' Rede gab es Applaus im Ministerium. Man ist halt höflich.

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Alle Beiträge zur COP 19 in Polen
finden Sie in unserem Warschau-Dossier
 

 

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