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Der Gandhi des Klimagipfels

Yeb Saño ist zur Ikone des UN-Klimagipfels in Warschau geworden. Der Verhandlungsführer der Philippinen will fasten, bis sich die Staaten auf Hilfe für die vom Klimawandel am meisten betroffenen Staaten einigen – aus Solidarität zu seinem Land, das vom Tropensturm Haiyan verwüstet wurde.

Aus Warschau Kathrin Henneberger und Benjamin von Brackel

Der Mann des UN-Klimagipfels in Warschau sitzt mit müden Augen hinter seiner Brille im großen Saal des Warschauer Nationalstadions und redet der Welt ins Gewissen. Der Verhandlungsführer der Philippinen Yeb Saño erzählt von seinem Heimatland, wo der Taifun Haiyan eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat; eine halbe Million Menschen sei obdachlos, die Landschaft habe sich in ein Ödland aus Schlamm, Schutt und voller Leichen verwandelt; auch seine Heimatstadt sei getroffen. "Die dortigen Verwüstungen rauben mir den Atem", sagt Saño.

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In Warschau ständig umringt von einer Medienmeute. (Foto: Benjamin von Brackel)

Dann kommt er auf den Klimawandel zu sprechen und die Treibhausgasemissionen, die in der Welt ungebremst in die Luft geblasen werden. "Lasst uns diese Dummheit stoppen", appelliert Saño. "Lasst uns Warschau als den Ort in Erinnerung behalten, an dem wir diese Dummheit gestoppt haben." Weil er seine Tränen nicht mehr unterdrücken kann, versteckt er sein Gesicht hinter seinem roten Taschentuch; die Kameras bleiben unbarmherzig auf ihn gerichtet und er füllt die beiden Leinwände im Saal. Applaus setzt ein, viele stehen auf, jubeln ihm zu. "We stand with you!", skandieren NGO-Vertreter.

Die Kameras schwenken auf den Präsidenten der UN-Klimakonferenz, den polnischen Umweltminister Marcin Korolec, der mit düsterer Miene dasitzt und ein seltsames Antibild zu Saño abgibt. Betroffene und Bremser stehen sich gegenüber. Um der Situation Herr zu werden, ruft Korolec zur Gedenkminute auf.

Ungewissheit über die eigene Familie

Spätestens seit Saño in Warschau erklärt hat, fasten zu wollen, bis die Staatengemeinschaft sich auf die Hilfe der vom Klimawandel am meisten betroffenen Länder geeinigt hat, ist er zur Ikone des Gipfels geworden; er wandelt durch die Hallen und Gänge wie eine Art Gandhi der Klimaschutzbewegung, oft umringt von jungen Aktivisten, die aus Solidarität mit ihm ebenfalls fasten und als Zeichen dafür handgroße rote runde Stoffkreise am Pullover geheftet tragen. Nicht zu essen sei nichts gegen die Leiden in seinem Heimatland, sagt Saño. Seine Familie konnte er in den ersten Tagen nicht erreichen, ob sie überlebt hatten oder nicht, wusste er nicht. Dann bekam er Kontakt zu seinem Bruder, der ihm berichtete, wie er Tote mit seinen eigenen Händen begrub.

Naderev Saño, der lieber Yeb genannt werden möchte, wuchs in einer Revolutionsfamilie auf und bezeichnet sich selbst als Aktivist für den Frieden. Seine Universitätsabschlüsse in "Community Development" haben den Schwerpunkt Katastrophenmanagement im Klimawandel. Der Vater eines sechs Jahre alten Mädchens und eines neun Jahre alten Jungen setzt sich seit 1997 auf internationaler Ebene für Klimaschutz ein und hat sich früh mit Umwelt-NGOs vernetzt, stets auf der Suche nach Verbündeten gegen die Übermacht die Industrienationen. Zusammen mit dem WWF hat er lokale Schutzgebiete in seinem Heimatland durchgesetzt. Seit 2010 leitet er die Delegation seines Landes bei den Klimaverhandlungen. "Bitte, keine Verzögerungen mehr, keine Ausreden mehr", rief er 2012 auf der Konferenz in Doha den Delegierten der anderen 191 Länder zu; auch damals kurz nachdem ein Taifun über den Philippinen gewütet hatte. "Ich frage uns alle hier: Wenn nicht wir, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, wo dann?"

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Wie eine Ikone ragt Yeb Sano beim Klimagipfel in Warschau aus der Menge. (Foto: Kathrin Henneberger)

Ein Jahr später erlebt Yeb Saño jetzt ein schrecklichen Déjà-vu. Die nächsten zwei Wochen will er versuchen, den Industrieländern Zugeständnisse etwa für den Green Climate Fund abzuringen. Die Medienaufmerksamkeit ist ihm sicher. Während sich die Kameraleute und Reporter am Dienstag im Eingangsbereich des Stadions vor ihm um den besten Platz balgen, halten Aktivisten hinter ihm Transparente in die Höhe und rufen "Climate Justice now!" Saño faltet seine Hände vor der Brust und beginnt ruhig seine Forderung in Richtung der vielen Kameras zu stellen. 

"Ich hoffe, dass das tragische Ereignis in meinem Heimatland die Verhandlungen vorantreibt, sodass wir ein gutes Ergebnis erzielen", sagte er und versucht dabei nicht resigniert zu klingen. Auf Yeb Saños Twitter-Account ist zu lesen: "You must be the change you want to see in this world."

 
Sehen Sie auch:
Yeb Saño im Gespräch mit klimaretter.info


  

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Alle Beiträge zur COP 19 in Polen
finden Sie in unserem Warschau-Dossier
 

 

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