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Börsen setzen auf Klimakatastrophe

BildHeute beginnt der Klimagipfel: Zum 19. Mal trifft sich die UN-Klimadiplomatie zu ihrer Weltkonferenz, diesmal in Warschau. Die Welt steht kurz vor dem Klimabankrott, die Emissionen müssen im Rekordtempo sinken. Ein globales CO2-Budget würde das möglich machen – doch damit wäre klar: Die Weltbörsen sitzen auf einer CO2-Blase. Teil 9 unseres Warschau-Countdowns.

Aus Bangkok Christian Mihatsch

In 18 Jahren ist es so weit. Dann hat die Menschheit seit Beginn der Industrialisierung knapp 3.000 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre entsorgt. Damit hat sie ihr CO2-Budget aufgebraucht, wenn sie die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzen will, wie der Weltklimarat IPCC in seinem neuesten Bericht aufzeigt.

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Christiana Figueres leitet die UN-Klimaverhandlungen. Wenn es um die CO2-Emissionen der Staaten geht, hält sie nichts von neuen Rechenmethoden. (Foto: UNFCCC)

Doch der Klimabankrott kann noch vermieden werden, hat zuletzt die Unternehmensberatung PwC ausgerechnet. Dazu müsste die CO2-Intensität der Weltwirtschaft jedes Jahr um sechs Prozent abnehmen. Das bedeutet, dass die Menschheit in zehn Jahren nur noch halb so viel CO2 pro Euro Wirtschaftsleistung emittieren darf. Das Problem: Im vergangenen Jahr ist die CO2-Intensität der Weltwirtschaft gerade mal um 0,8 Prozent zurückgegangen.

Vor diesem Hintergrund treffen sich ab heute wieder die Klimaverhandler dieser Welt, dieses Mal in der polnischen Hauptstadt Warschau. Dort warten zwei Aufgaben auf die mehreren Tausend Delegierten. Zum einen suchen sie nach Wegen, um die Treibhausgas-Emissionen in den unmittelbar vor uns liegenden Jahren zu begrenzen. Und zum anderen wollen sie bis 2015 einen neuen Weltklimavertrag aushandeln, der 2020 in Kraft treten soll. Dieser neue Vertrag soll das Kyoto-Protokoll ersetzen und dann nicht nur für die Industriestaaten, sondern für alle Länder verbindliche Emissionsziele vorgeben.

Das CO2-Budget werde dabei aber keine Rolle spielen, sagt Christiana Figueres, die Chefin der UN-Klimaverhandlungen. "Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Politisch wäre es sehr schwierig. Ich weiß nicht, wer den Stift halten würde", sagt Figueres mit Blick auf die Aufgabe, nationale CO2-Budgets festzulegen, die für jedes Land eine absolute Emissionsobergrenze entsprechend ihrer Einwohnerzahl vorgeben.

Aktienkurse der großen Energiekonzerne stark überbewertet

Reto Knutti, ein Klimawissenschaftler an der ETH Zürich, hatte das CO2-Budget im IPCC-Report gegen den Widerstand von Ländern wie Saudi-Arabien durchgesetzt. Diese Länder wollten die Erwähnung des CO2-Budgets verhindern, weil sich damit relativ einfach nationale Budgets errechnen lassen. Mit dem globalen CO2-Budget lässt sich aber auch relativ einfach überprüfen, ob die bekannten Vorräte an Kohle, Öl und Gas überhaupt noch verbrannt werden dürfen, wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden soll. "Es ist unangenehm einfach", sagt Knutti über das CO2-Budget für die Welt.

Genau diese einfache Rechnung macht aber die Umweltorganisation Carbon Tracker auf: Würden alle bekannten Vorräte an fossilen Energien gefördert und verbrannt, entstünden dadurch 2.860 Milliarden Tonnen CO2. Gleichzeitig geht Carbon Tracker von einem noch verbleibenden globalen CO2-Budget von 975 Milliarden Tonnen aus. Will man den Klimawandel also tatsächlich begrenzen, darf nur noch ein Drittel der bekannten Reserven gefördert werden. Der Widerstand Saudi-Arabiens wird da verständlich.

Aber nicht nur die Ölscheichs haben ein Problem mit den unförderbaren und damit wertlosen Brennstoffen, sondern auch die Kapitalmärkte. Denn im Börsenkurs der großen Energiekonzerne ist der Wert ihrer Reserven mitberücksichtigt. Außerdem investierten die Firmen letztes Jahr weitere 674 Milliarden Dollar in die Erschließung neuer Vorkommen – die wertlos sind, wenn es die Menschheit mit dem Kampf gegen die Klimakrise ernst meint. Kurz: Die Weltbörsen sitzen auf einer CO2-Blase. Die britische Großbank HSBC warnt, dass rund die Hälfte des Wertes der Energiekonzerne auf dem Spiel steht – die Hälfte von 4.000 Milliarden Dollar, denn so viel sind die 200 größten Energiefirmen an der Börse wert.

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Würden die Börsen das Zwei-Grad-Ziel einpreisen, wäre ein beispielloser Kurssturz bei Ölfirmen die Folge. Im Bild eine Nordsee-Bohrplattform der deutschen Firma Wintershall. (Foto: Wintershall)

Jens Peers vom Vermögensverwalter Natixis meint dazu: "Es ist schockierend, die Zahlen in diesem Bericht zu sehen, denn sie sind größer als die Leute begreifen. Das Risiko ist massiv, doch viele Vermögensverwalter meinen, sie hätten eine Menge Zeit. Aber ich glaube, sie liegen falsch." 

Dabei gibt es auch andere Warnzeichen, wie James Leaston von Carbon Tracker sagt. China hat angekündigt, dass der Kohleverbrauch in fünf Jahren sein Maximum erreicht hat, aber die Kapitalmärkte hätten dies noch nicht berücksichtigt. "Ich weiß nicht, warum die Märkte China nicht glauben. Wenn die chinesische Regierung ankündigt etwas zu tun, dann tut sie es in der Regel auch."

Für Nicholas Stern, den Autor des Stern-Reports über die Kosten des Klimawandels, ist der Fall daher klar: Die Börsen glauben nicht, dass die Menschheit etwas gegen den Klimawandel unternimmt. "Sie können das nicht glauben und gleichzeitig meinen, die Energiekonzerne seien vernünftig bewertet."

Was passiert, wenn die Märkte sich einer Fehlbewertung bewusst werden, hat die Welt hingegen in den letzten Jahren mehrfach erlebt: Die Blase platzt und Börsen, Banken, ja ganze Länder stürzen ab. Aus diesem Grund hat die Ratingagentur Standard & Poor’s angekündigt, die Bewertung von Energiekonzernen noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch die Bank of England hat sich bereits mit der Frage befasst.

Streit um die historische Klimaschuld

Ein weiteres Problem bei der Festlegung von CO2-Budgets sind die Emissionen aus der Vergangenheit, denn CO2 verbleibt für Jahrhunderte in der Erdatmosphäre: Würde man das CO2-Budget der Welt für die Zeit seit dem Beginn der Industrialisierung gemäß der Bevölkerungszahl auf die verschiedenen Länder verteilen, hätten die USA ihr Budget bereits im Jahr 1936 aufgebraucht und Deutschland im Jahr 1963, wie Ding Zhongli, der Vizepräsident der chinesischen Wissenschaftsakademie, ausgerechnet hat. Einige Entwicklungsländer vertreten daher die Idee, dass die Industriestaaten für ihre bisherige Überbeanspruchung des CO2-Budgets bezahlen sollen.

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Beim CO2-Budget würden vor allem die US-Amerikaner schlecht wegkommen, denn ihre Durchschnitts-Emissionen sind jenseits von Gut und Böse. (Foto: Oxfam)

Doch auch dieser Idee erteilt Figueres eine Abfuhr: "Es ist nicht das erste Mal, dass jemand mit der Erwartung einer Entschädigung an den Verhandlungstisch gekommen ist. Aber ich sehe keinen Platz für eine derartige Maßnahme." Zudem ändert sich die Lage schnell: "Im Jahr 2020 werden die gesamten Emissionen der Entwicklungsländer diejenigen der Industriestaaten überholt haben", sagt Todd Stern, der Leiter der US-Delegation. "China zum Beispiel ist bereits heute der zweitgrößte historische Emittent."

Außerdem glaubt Stern, dass ein Weltklimavertrag, der den Ländern klare Emissionsvorgaben macht, einer schnellen Reduktion des CO2-Ausstoßes eher hinderlich ist. "Ein System mit strikten Regeln und Strafen sieht vielleicht auf dem Papier gut aus. Aber es würde mit großer Sicherheit den Ehrgeiz der Verpflichtungen mindern und die Beteiligung der Länder reduzieren." Sterns Befürchtung: Wenn die Regierungen bei Nichterreichung ihrer Einsparziele Strafen gewärtigen müssen, werden sie sich nur zu kosmetischen Reduktionen verpflichten. Stattdessen schlägt Stern ein System mit "Normen und Erwartungen" vor, die die Staaten "erfüllen wollen, um ihr Ansehen in der Welt zu mehren." Wie immer setzen die USA also darauf, dass die Länder sich freiwillige Emissionsziele setzen, und hoffen, dass diese dank des Gruppendrucks ehrgeizig genug ausfallen, sodass schließlich das CO2-Budget eingehalten werden kann.

Reduktionszusagen gegen Finanzzusagen

Eine andere Art von Budget hat derweil der Chef der chinesischen Delegation im Blick. Xie Zhenhua hat Flexibilität bei den Verhandlungen signalisiert, vorausgesetzt die Industriestaaten halten ihr Finanzierungsversprechen. Diese hatten in den Jahren 2010 bis 2012 je zehn Milliarden Dollar für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern bereitgestellt und für die Zeit ab 2020 gar 100 Milliarden pro Jahr versprochen. Für die Zeit von 2013 bis 2020 gibt es aber keine Zusagen.

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It's the economy ... Protest gegen ausbleibende Klimapolitik bei einer Großdemo im australischen Melbourne. (Foto: Takver/flickr.com)

Allzu große Hoffnungen auf schnelle Finanzzusagen darf sich Xie aber nicht machen sagt Franz Perrez, der Leiter der Schweizer Delegation: "Die Finanzierung ist Teil eines Gesamtpakets. Erst muss klar sein, wie hoch die Emissionsreduktionen der Entwicklungsländer ausfallen, bevor wir Geld zusagen. Die Schweiz ist aber durchaus bereit mehr zu investieren." Wenn sich damit der Klimabankrott abwenden lässt, ist das eine gute Investition. 

  

BildDer Warschau-Countdown:

1. Klimadiplomatie: Ring frei für Runde 19
2. Warum Warschau so wichtig ist: Ein Plädoyer für mehr Realismus
3. Die COP 19 und ihr Gastgeber: "Noch ist Polen nicht verloren"

4. Wissenschaftler warnen: Das Zwei-Grad-Ziel gerät außer Reichweite
5. Mobilisieren oder ignorieren: Die Klimabewegung vor Warschau
6. Kyoto II mit viel Verspätung: Die neue Verpflichtungsperiode
7. Flucht vor der Klimakatastrophe: Über Verluste und Schäden
8. Wissenschaft auf neuen Pfaden: Vier Klima-Szenarien

[Erklärung]  
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