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Das Zwei-Grad-Ziel gerät außer Reichweite

BildNoch eine Woche bis zum Klimagipfel. Zum 19. Mal trifft sich die UN-Klimadiplomatie zu ihrer Weltkonferenz, diesmal in Warschau. Kurz davor warnen Wissenschaftler: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Welt das Zwei-Grad-Ziel noch erreicht, wird immer kleiner. Das geht aus dem heute veröffentlichten "UNEP Emissions Gap Report 2013" hervor. Teil 4 unseres Warschau-Countdowns.

Aus Berlin Benjamin von Brackel

Knapp eine Woche vor dem UN-Klimagipfel in Warschau warnt das UN-Umweltprogramm (UNEP) mit drastischen Worten vor einem Scheitern der Verhandlungen. Von einer "alarmierenden Situation", "unzureichenden Zusagen" und "schlechten Nachrichten" war während der Vorstellung des UNEP-Berichts in Berlin die Rede. In dem Bericht legen 70 Wissenschaftler aus 17 Ländern dar, wie weit die Weltgemeinschaft vom selbst gesteckten Zwei-Grad-Ziel entfernt ist.

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Sehr schlechte Nachrichten: Niklas Höhne, Jochen Flasbarth, Joseph Alcamo, Mónica Araya und Gabriel Haufe (von links) stellen "UNEP Emissions Gap Report 2013" vor. (Foto: Benjamin von Brackel)

Das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Nötig wäre eine Senkung der Emissionen schon vor 2020. Zu dem Zeitpunkt sollten diese dann ein Maximum von 44 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr nicht überschreiten. "Im Moment geht der Trend in die andere Richtung", sagte UNEP-Direktor Achim Steiner, der aus Nairobi zugeschaltet war. Noch wachse der Jahresausstoß an Treibhausgasen weiter an, heißt es im Bericht. 2010 lag er über der Marke von 50 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent. Würden die Staaten gar nichts tun, könnte er bis 2020 auf 59 Milliarden Tonnen pro Jahr ansteigen – und immer noch auf 56 Milliarden Tonnen, sollten die Staaten ihre Versprechen erfüllen.

Es gibt auch Hoffnung

Wenn die Staatengemeinschaft vom Zwei-Grad-Pfad abweiche, drohe eine Kostenlawine auf sie zuzurollen, sagte UNEP-Chefwissenschaftler Joseph Alcamo. Und dann müsste man etwa auf die Abscheidung von CO2 und Speicherung in der Erde setzen. "Je länger wir warten, desto abhängiger werden wir von solchen unerprobten Technologien", so Alcampo.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die Klimaziel-Versprechen der Staaten, auf denen die Studie basiert, stammen aus dem Jahr 2010. Seitdem hat sich aber einiges getan. Erstmals haben die Wissenschaftler auch aktuelle Gesetze, Verordnungen und Pläne der einzelnen Staaten zu Klimazielen analysiert. "Es sind deutliche politische Aktivitäten auf dem Weg", sagte Niklas Höhne, Direktor des Energieberatungsunternehmens Ecofys und einer der Autoren der Studie.

Über hundert Länder haben laut Höhne Erneuerbare-Energien-Ziele verabschiedet. Und zwei Drittel der Emissionsverursacher haben eine Klimastrategie aufgelegt. Vor allem der jüngste Fünfjahresplan und die aktuellen Klimamaßnahmen Chinas gäben Anlass zur Hoffnung, sagte Höhne gegenüber klimaretter.info, aber auch Nordafrika mit seinen Erneuerbare-Energien-Plänen sowie Brasilien und Südafrika. All diese einzelnen Anstrengungen könnten "dazu beitragen, die Lücke zu schließen".

In afrikanischen Ländern wie Ghana oder Marokko gebe es einen großen Willen, den Umstieg auf Erneuerbare anzugehen, doch oft fehle das Geld, sagte Achim Steiner. Genau das sei ein gutes Beispiel, wo ein internationales Klimaabkommen Sinn machen würde. "Wo ist aber die technologische und finanzielle Unterstützung?", fragte der UNEP-Chef.

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Schon in Doha im vergangenen Jahr war die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels ein Hauptthema – wenn auch versehentlich zum Kampf für "mehr als zwei Grad" aufgerufen wurde. Noch können wir drunterbleiben, sagen die Wissenschaftler. (Foto: Nick Reimer)

In dem Licht wirkt die deutsche Debatte um die Zukunft der Kohle seltsam rückwärtsgewandt. Gastgeber Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts, fordert deshalb von der kommenden Bundesregierung, Subventionen für fossile Energien abzubauen und die EU-Klimapolitik zu revitalisieren. Zumindest die Entscheidung der Koalitionsverhandler für das sogenannte Backloading sei ein "ermutigendes Zeichen", wenngleich es auch nur ein "erster Schritt auf dem Weg zu einem langfristigen robusten Mechanismus" sein könne. Deutschland brauche sich jedenfalls im internationalen Vergleich nicht zu verstecken mit seinem Klimaziel, 40 Prozent der CO2-Emissionen bis 2020 einzusparen – trotz Atomausstieg. "Das ist das ambitionierteste Klimaschutzziel, das es in der Welt gibt", sagte Flasbarth.

Allzu großes Vertrauen scheinen die Wissenschaftler in den UN-Klimagipfel in Warschau allerdings nicht zu setzen. Denn im nächsten Jahr, so verriet UNEP-Chefwissenschaftler Alcamo schon, sei das Überthema des nächsten Berichts: Wie passen wir uns an den Klimawandel an, wenn wir nicht handeln? 

 

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Der Warschau-Countdown:

1. Klimadiplomatie: Ring frei für Runde 19 
2. Warum Warschau so wichtig ist: Ein Plädoyer für mehr Realismus
3. Die COP 19 und ihr Gastgeber: "Noch ist Polen nicht verloren"

 

[Erklärung]  
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