"Das ist nicht der Moment für Triumph"

BildDer Beschluss über den neuen Weltklimavertrag ist nur ein Zwischenstopp, sagt Greenpeace-Chef Kumi Naidoo. Wenn die Staaten ihre Klimapläne nicht schnell genug umsetzen, könnten noch mehr Menschen durch die Folgen des Klimawandels ihre Heimat und ihre Lebensgrundlagen verlieren. Für Klimaschützer gebe es keine Atempause. Teil 2 der Serie "Was der Klimavertrag wert ist".

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klimaretter.info: Herr Naidoo, wir haben einen neuen Weltklimavertrag. Wird nun alles gut?

Kumi Naidoo: In den vergangenen zwanzig Jahren ging es beim Klimaschutz verdammt langsam voran. Wir haben die Welt in eine gefährliche Lage gebracht. Es ist höchste Zeit für ein globales Engagement. Das Klimaschutz-Rad dreht sich langsam, aber in Paris hat es sich gedreht. Es ist ein großer Erfolg, dass wir nun einen Bezug auf das 1,5-Grad-Ziel haben. Allerdings haben wir Ziele der einzelnen Staaten auf dem Tisch, die uns in eine Drei-Grad-Welt führen. Das ist ein eklatanter Widerspruch.

Wem nützt und wem schadet das Abkommen?

Arme Länder werden nicht ausreichend im neuen Vertrag berücksichtigt. Die betroffenen Menschen in den vom Klimawandel bedrohten Regionen bleiben außen vor. Hier wurde nicht genügend getan. Ein Erfolg ist, dass dieses Abkommen die fossile Industrie auf die falsche Seite der Geschichte setzt. Der Vertrag allein wird uns allerdings nicht aus dem fossilen Joch befreien, in dem wir uns gerade befinden. Aber er hilft dabei.

Erneuerbare Energie ist die einzige Technologie, die im Vertrag erwähnt wird. Das ist der Moment ihres Durchbruchs. Aber wir sind nicht naiv: Unsere Regierungen unterstützen die fossile Industrie jährlich mit über fünf Billionen US-Dollar. Es ist klar, dass diese Lobby auch versucht hat, die Verhandlungen zu beeinflussen.

Aber die hat sich am Ende ja nicht durchsetzen können ...

Das ist nicht der Moment für großen Jubel und Triumph. Wir haben schon zu viele Menschen durch die Folgen des Klimawandels verloren. Viele weitere befinden sich in großer Gefahr aufgrund der steigenden Temperaturen. Wir müssen jetzt wirklich schnell handeln. Die Uhr tickt und das Zeitfenster, das uns für den Klimaschutz bleibt, könnte sich schnell schließen.

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Nicht ausreichend im Pariser Vertrag berücksichtigt: Benachteiligte Menschen wie die Geflüchteten aus Somalia. (Foto: Brendan Bannon/UNHCR)

Es bleibt also keine Atempause für Umweltaktivisten wie Sie?

Wir haben immer gesagt, dass es nicht um einen Weg nach Paris geht, sondern dass die 21. Weltklimakonferenz nur ein Zwischenstopp ist. Der Vertrag ist der Beginn einer großen Wende. Jetzt müssen wir unsere lokalen Kämpfe verstärken und dafür sorgen, dass die Länder ihre nationalen Klimaziele auch wirklich umsetzen.

Seit 2009 ist der südafrikanische Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Kumi Naidoo Chef von Greenpeace International. Nach dem Klimagipfel will er den Posten abgeben

Interview: Susanne Götze und Benjamin von Brackel

Die klimaretter.info-Serie: Was der Klimavertrag wert ist

Teil 1 – Sandrine Dixson-Declève: "Wer nicht umdenkt, geht unter"
Teil 2 – Kumi Naidoo: "Das ist nicht der Moment für Triumph"
Teil 3 – Anders Levermann: "Paris war ein enormer Erfolg"
Teil 4 – Reimund Schwarze: "Zwei Grad sind eine Risiko-Risiko-Abwägung"
Teil 5 – Hubert Weiger: "Riesenjubel und Riesenwiderspruch"
Teil 6 – Andreas Knie: "Die Wahrheit ist ziemlich brutal"
Teil 7 – Eva Bulling-Schröter: "Auf den Paris-Vertrag festnageln"
Teil 8 – Stefan Krug: "Erster Schritt zu globaler Energiewende"

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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