"Wer nicht umdenkt, geht unter"

BildDer neue Weltklimavertrag ist der Startschuss für eine CO2-arme Weltwirtschaft, sagt Sandrine Dixson-Declève, Direktorin der Prince of Wales's Corporate Leaders Group, einem Bündnis aus 23 Unternehmen wie EDF, Coca-Cola, Philips und Unilever. Wer weiter in fossile Unternehmensmodelle investiert, müsse sich warm anziehen – und könne auf lange Sicht nur verlieren. Teil 1 der Serie "Was der Klimavertrag wert ist".

Bildklimaretter.info: Frau Dixson-Declève, der neue Weltklimavertrag sieht eine schrittweise Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis 2050 vor. Die Unternehmen werden jedes Wort im Text unter die Lupe nehmen. Welches ist das wichtigste?

Sandrine Dixson-Declève: Langfristziel – das gibt Unternehmen die Sicherheit, die sie für ihre langfristigen Investitionen brauchen: in die Infrastruktur, die Energieversorgung, die Produktentwicklung. Es geht darum, all diese Investitionen in eine CO2-arme Produktionsweise zu verlagern. Für kürzere Investitionen ist vor allem die Überprüfung der Klimaziele im Fünf-Jahres-Rhythmus wichtig.

Wie wird die Börse auf das Abkommen reagieren?

Wir haben große Hoffnung, dass die Märkte positiv reagieren – weil der Vertrag den Marktteilnehmern die Sicherheit gibt, die sie für ihre Investitionen brauchen. Es gibt schon vereinzelte positive Rückmeldungen aus der Wirtschaft. Die Frage ist, ob den Märkten wirklich so bewusst ist, was hier passiert ist – das ist meine große Sorge.

Es wird also nicht gleich zu Kapitalverschiebungen am Markt kommen?

Nicht gleich in der ersten Woche nach Paris. Aber der Vertrag ist ein klares Signal für die Zukunft: CO2-intensive Anlagen sind einfach keine Option mehr. Vorstände, Aktienhändler und Fondsmanager müssen nun umdenken.

Erneuerbare Energien kommen aber nur ein einziges Mal im Vertrag vor.

Das spielt keine Rolle – ab heute ist es unumkehrbar: Der Zug hat den Bahnhof verlassen. Wir bewegen uns ganz sicher auf eine emissionsarme Wirtschaft zu. Das ist ein Wendepunkt, ein historischer Moment, der langfristig alles ändern wird. Können Technologien da nicht mithalten, fallen sie raus. Unternehmen müssen sich nun breiter aufzustellen – oder sie werden untergehen.

Vieles, was Sie sagen, erinnert an die Divestment-Bewegung.

Die Einflüsse auf den Markt sind vielschichtig. Divestment wird dabei eine wichtige Rolle spielen, also Wertpapierbestände, die sich auf die kohlenstoffarme Wirtschaft konzentrieren. Entscheidend ist, wie viele Unternehmen für diese Reise an Bord kommen. Ich finde es besser, wenn darunter weniger Verlierer und mehr Gewinner sind.

Welche Rolle spielt dabei Asien?

Man darf nicht vergessen, dass es immer noch kohlenstoffreiche Wirtschaftssysteme in den Entwicklungsländern gibt. Wir müssen dafür sorgen, dass das Kapital auch zu ihnen gelangt. Fundamental wichtig sind etwa die 100 Milliarden an Klimahilfen, um öffentliche Investitionen freizusetzen. Allerdings dürfen wir nicht vergessen: Der asiatische Markt investiert schon heute mit am meisten in kohlenstoffarme Technologien. China ist heute schon der größte Markt für grüne Anleihen.

BildSandrine Dixson-Declève engagiert sich für den Übergang in eine CO2-arme Weltwirtschaft.  (Fotos: Götze)

Gab es schon während der zwei Wochen der UN-Klimakonferenz ein Beispiel für eine Verlagerung der Investitionen?

Es gab all die Deklarationen im Rahmen der RE100: Viele der einflussreichsten Konzerne haben versprochen, ihre Investitionen in Richtung erneuerbare Energien zu verlagern. Auch haben viele Investoren angekündigt, ihre Wertpapierbestände auf Dekarbonisierung auszurichten, zum Beispiel die französische Geschäftsbank BNP Paribas. Entscheidend für die Verlagerung von Investitionen ist auch eine völlig neue Beziehung zwischen Produzenten von kohlenstoffarmen Technologien und Pensionsfonds.

Interview: Susanne Götze und Benjamin von Brackel

 

Die klimaretter.info-Serie: Was der Klimavertrag wert ist

Teil 1 – Sandrine Dixson-Declève: "Wer nicht umdenkt, geht unter"
Teil 2 – Kumi Naidoo: "Das ist nicht der Moment für Triumph"
Teil 3 – Anders Levermann: "Paris war ein enormer Erfolg"
Teil 4 – Reimund Schwarze: "Zwei Grad sind eine Risiko-Risiko-Abwägung"
Teil 5 – Hubert Weiger: "Riesenjubel und Riesenwiderspruch"
Teil 6 – Andreas Knie: "Die Wahrheit ist ziemlich brutal"
Teil 7 – Eva Bulling-Schröter: "Auf den Paris-Vertrag festnageln"
Teil 8 – Stefan Krug: "Erster Schritt zu globaler Energiewende"

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

 

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