"Erster Schritt zu globaler Energiewende"

BildDas Pariser Abkommen ist ein erster, wenn auch zaghafter Schritt zu einer globalen Energiewende, sagt Stefan Krug von Greenpeace zum neuen Weltklimavertrag. Dass sich erstmals alle Staaten der Welt zum Klimaschutz verpflichtet haben, sei ein riesiger Fortschritt. Teil 8 der Serie "Was der Klimavertrag wert ist".

BildStefan Krug leitet seit 2003 die Politische Vertretung von Greenpeace Deutschland in Berlin. Der studierte Historiker und Romanist war als Korrespondent für eine Nachrichtenagentur tätig, bevor er 1995 zu Greenpeace kam. Er arbeitet vor allem zur Klima- und Verkehrspolitik sowie zu Querschnittsfragen wie Wachstum und Nachhaltigkeit.

klimaretter.info: Herr Krug, die Welt hat einen neuen Klimavertrag. Ist das aus Ihrer Sicht ein guter Vertrag oder ein eher mangelhafter Vertrag?

Stefan Krug: Der Vertrag ist ein historischer Schritt. Zum ersten Mal haben sich alle Staaten der Welt gemeinsam zum Klimaschutz verpflichtet. Diese Verpflichtungen sind unterschiedlich stark, je nachdem ob es reiche, große Länder sind oder arme, wenig entwickelte Länder. Aber alle sind im Boot. Das ist ein gewaltiger Fortschritt.

Strittig bis zum Schluss waren die Finanzen. Was steht jetzt drin?

Der Vertrag bestätigt klar, dass vor allem die Industriestaaten in der Pflicht sind, die Entwicklungsländer bei ihren Klimaschutzbemühungen zu unterstützen und ihnen bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu helfen. Bestätigt wird auch, dass ab 2020 – wie vor sechs Jahren in Kopenhagen vereinbart – jährlich 100 Milliarden Dollar fließen sollen. 2025 soll dann ein neues Ziel für Finanzhilfen beschlossen werden.

Allerdings konnten die Entwicklungsländer ihre Forderung nach regelmäßiger Aufstockung der Finanzhilfen nicht durchsetzen.

Es gab Streit bis zum Schluss über den Überprüfungsmechanismus. Was ist das?

Damit man beurteilen kann, ob und wie Länder Klimaschutz betreiben, braucht man ein einheitliches Regelsystem. Dieses Überprüfungssystem wollten die USA sehr stark, vor allem gegenüber dem weltgrößten Emittenten China, ihrem größten Konkurrenten.

Jetzt ist ein System herausgekommen, das erste Schritte in diese Richtung geht. Es ist noch nicht ganz das starke System, das die Amerikaner und auch die Europäer wollten. Aber man kann sagen, es wird in Zukunft eine vereinheitlichte Form der Berichterstattung und der Überprüfung geben – von Klimaschutzmaßnahmen, aber auch von Finanzhilfen.

Hart gerungen wurde um den Begriff "Dekarbonisierung". Was steht jetzt im Vertrag?

Der Begriff Dekarbonisierung ist aus dem Vertrag herausgestrichen worden. Das Ziel, die Wirtschaft zu dekarbonisieren – also im Laufe des Jahrhunderts aus den fossilen Energiequellen Öl, Kohle, Gas auszusteigen – war auf dem G7-Gipfel von Elmau beschlossen worden und wurde in Paris erst ganz am Schluss gestrichen. Vor allem die ölexportierenden Staaten, aber auch China und Indien waren strikt dagegen.

Und jetzt?

Jetzt ist eine Formulierung gewählt worden, die sagt, wir müssen quasi "netto null" Emissionen haben.

Also "CO2-neutral"?

Ja, bloß nicht nur auf Kohlendioxid bezogen, sondern auf alle Treibhausgase. Das ist ein wichtiger Unterschied. Das heißt, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sollen alle Emissionen, die es dann noch aus der Industrie, der Wirtschaft, dem Verkehr, der Landwirtschaft geben sollte, durch entsprechende Senken – beispielsweise Wälder oder Moore – neutralisiert sein.

Da steckt durchaus ein Risiko drin. Es könnte auch auf Kohlendioxidverpressung, also die unterirdische Lagerung von CO2, oder auf das Anlegen großer Biomasseplantagen hinauslaufen. Aber das muss nicht so kommen. Das "Netto-Null-Ziel" ist eine klare Ansage, dass es in der Mitte des Jahrhunderts schon eine vollständige Dekarbonisierung durch erneuerbare Energien geben muss.

Was bedeutet der Vertrag für die deutsche Gesellschaft?

Deutschland kann sich durch diesen Vertrag in den Zielen seiner Energiewende bestätigt sehen. Der Vertrag ist ein erster, wenn auch zaghafter Schritt zu einer globalen Energiewende. Der Kurs Deutschlands, aus der Atomkraft auszusteigen, jetzt auch die Kohle ins Visier zu nehmen und sich gleichzeitig ehrgeizige CO2-Minderungsziele zu setzen, war der richtige Kurs.

BildMit solarthermischen Kraftwerken wie diesem lässt sich in sonnenreichen Gegenden bereits jetzt wettbewerbsfähig Strom produzieren. (Foto: Bilfinger SE/Flickr)

Deutschland ist Vorreiter und bleibt Vorreiter, auch wenn viele Dinge noch nicht gut laufen. In Paris hat die Welt zum ersten Mal anerkannt, dass erneuerbare Energien eingesetzt werden sollen, vor allem in Entwicklungsländern. Das ist ein ganz entscheidender Punkt.

Deutschland hat noch vier Jahre Zeit, um sein Klimaziel zu schaffen. Nach 25 Jahren sind erst 28 Prozent erreicht, zwölf Prozent fehlen noch. Ist das Ziel überhaupt noch erreichbar?

Das ist auf jeden Fall möglich. Aber nur dann, wenn der politische Wille vorhanden ist, endlich mit der Verzögerung der Energiewende aufzuhören. Das heißt vor allem, dass die Kohlekraftwerke, besonders die alten, heruntergefahren werden müssen. Für Braunkohle und Steinkohle muss es in Deutschland einen klaren Ausstiegsplan geben. Der Ausbau der Erneuerbaren darf nicht länger abgebremst werden.

Und wir müssen mehr in das Einsparen von Energie investieren, auch politisch. Dann ist das 40-Prozent-Ziel ohne Probleme zu schaffen.

Also energetische Gebäudesanierung sowie Einsparungen im Verkehrsbereich ...

Genau. Gebäudedämmung und der Verkehrsbereich, aber auch die Landwirtschaft, sind die Stiefkinder der Energiewende. Die müssen jetzt endlich mutig angepackt werden.

Interview: Nick Reimer und Verena Kern

Die klimaretter.info-Serie: Was der Klimavertrag wert ist

Teil 1 – Sandrine Dixson-Declève: "Wer nicht umdenkt, geht unter"
Teil 2 – Kumi Naidoo: "Das ist nicht der Moment für Triumph"
Teil 3 – Anders Levermann: "Paris war ein enormer Erfolg"
Teil 4 – Reimund Schwarze: "Zwei Grad sind eine Risiko-Risiko-Abwägung"
Teil 5 – Hubert Weiger: "Riesenjubel und Riesenwiderspruch"
Teil 6 – Andreas Knie: "Die Wahrheit ist ziemlich brutal"
Teil 7 – Eva Bulling-Schröter: "Auf den Paris-Vertrag festnageln"
Teil 8 – Stefan Krug: "Erster Schritt zu globaler Energiewende"

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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