Schwerpunkte

G20 | E-Mobilität | Wahl

"Zwei Grad – eine Risiko-Risiko-Abwägung"

BildDie Erderwärmung soll auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden, steht im neuen Weltklimavertrag. Auch das 1,5-Grad-Ziel wird erwähnt. Doch je höher die Ambition, desto stärker wird man auf Hochrisikotechnologien wie CCS und Atomkraft setzen müssen, warnt der Klimaexperte Reimund Schwarze.

BildSchwarze ist Professor für Internationale Umweltökonomie an der Frankfurter Viadrina, Forscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und Berater von klimaretter.info. Teil 4 der Serie "Was der Klimavertrag wert ist".

 
klimaretter.info: Herr Professor Schwarze, viele Länder fordern in Paris, das Zwei-​Grad-​Ziel durch ein 1,5-Grad-​Ziel zu ersetzen. Aus Sicht der Wissenschaft: Reicht die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad tatsächlich nicht aus, um uns vor einer Katastrophe zu bewahren?

Reimund Schwarze: "Katastrophe" ist ein schwieriges Konzept. Artikel 2 der Klimarahmenkonvention regelt, was mit einem Klimavertrag erreicht werden soll: Nämlich Ernährungssicherheit inklusive Wasserversorgung sowie das Vermeiden von Störungen der Ökosysteme, die diese beiden Ziele infrage stellen würden. Wir können aber nicht mit Sicherheit sagen, wie viel Grad Erwärmung genau das Limit sind. Wir können nur eine Risikoabschätzung machen.

Wie sieht so eine Risikoabschätzung aus?

Je nachdem, wie viel Klimagase in die Atmosphäre gelangen, entstehen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Risiken. Bei dem Zwei-Grad-Ziel liegt die Wahrscheinlichkeit bei 66 Prozent, dass es zu diesen katastrophalen Folgen kommt. Ein hundertprozentiger Schutz ist das Ziel also nie gewesen. Klar ist nur, je weiter man sich davon entfernt, desto größere Risiken muss man in Kauf nehmen.

Ist das Zwei-Grad-Ziel dann überhaupt vertretbar, wenn es ohnehin nur eine Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit gibt, dass es ausreicht?

Als Wissenschaftler kann ich Ihnen darauf keine Antwort geben. Das Abwägen von Risiken ist eine persönliche und politische Wertung. Die Wissenschaft ist aber dem Prinzip der Wertfreiheit verpflichtet. Die Entscheidung muss die Politik treffen. Das ist auch bei der Atomenergie, bei CCS oder bei Fracking so. Die Wissenschaft kann zwar die Risiken dieser Technologien aufzeigen. Ob man sie aber für zu gefährlich ansehen und deshalb nicht nutzen will, muss politisch entschieden werden.

Dann also persönlich gefragt: Wie stehen Sie zum Zwei-Grad-Ziel?

Ich hätte es für gut befunden, wenn wir dabei geblieben wären. Denn wenn man sich auf ein solches Limit verständigt, muss dieses Ziel dann ja auch erreicht werden. Schon jetzt ist aber klar, dass das Zwei-Grad-Ziel nur zu schaffen ist, wenn wir in Hochrisikotechnologien einsteigen. Das hat der Weltklimarat IPCC in aller Klarheit gesagt. Das heißt: Atomenergie für eine Übergangszeit und CCS.

Auch Geoengineering?

Geoengineering ist in den Berechnungen noch nicht mit drin. Dafür aber Bioenergie in großem Maßstab. Das kann die Ernährungssicherheit durchaus gefährden. Man müsste sehr große Flächen dafür frei machen, die dann nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung stehen würden. Für das 1,5-Grad-Ziel müsste dann noch viel mehr auf Hochrisikotechniken gesetzt werden. Ich halte das für sehr riskant.

Bild
In der "Grünen Zone" im Pariser Konferenzzentrum fordern junge Leute einen ambitionierten Klimavertrag. Sind es Irregeleitete, die den Weg für CCS und mehr Atomkraft bereiten? (Foto: Verena Kern)

Wäre das nicht immer noch besser, als das Risiko einzugehen, dass zwei Grad Erwärmung doch zu viel sind?

Sagen wir mal so, es ist eine Risiko-Risiko-Abwägung. Egal welche Option Sie wählen, es wird ein Risiko dabei sein. Eine kluge Regel des Odysseus lautet, von beiden Risiken gleich viel Abstand zu halten. Aber das muss demokratisch legitimiert entschieden werden. Die Weltgemeinschaft muss sagen, was sie will.

Interview: Verena Kern und Benjamin von Brackel

Die klimaretter.info-Serie: Was der Klimavertrag wert ist

Teil 1 – Sandrine Dixson-Declève: "Wer nicht umdenkt, geht unter"
Teil 2 – Kumi Naidoo: "Das ist nicht der Moment für Triumph"
Teil 3 – Anders Levermann: "Paris war ein enormer Erfolg"
Teil 4 – Reimund Schwarze: "Zwei Grad sind eine Risiko-Risiko-Abwägung"
Teil 5 – Hubert Weiger: "Riesenjubel und Riesenwiderspruch"
Teil 6 – Andreas Knie: "Die Wahrheit ist ziemlich brutal"
Teil 7 – Eva Bulling-Schröter: "Auf den Paris-Vertrag festnageln"
Teil 8 – Stefan Krug: "Erster Schritt zu globaler Energiewende"

Bild
Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen