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Im Rausch der Zahlen

BildAus den Redaktionen kommt die Anweisung: "Schreiben Sie so, dass es auch meine Oma versteht." Pflichtschuldig versucht der Umweltjournalist, dies umzusetzen, bloß um sich anhören zu müssen, man achte zu sehr auf die Menge und zu wenig auf die Qualität. Nebensachen aus Paris (6). Heute: Die Leiden eines Umweltjournalisten.

Aus Paris Christian Mihatsch

Eigentlich geht es um die Rettung der Menschheit. Praktisch geht es in den UN-Klimaverhandlungen aber um eckige Klammern und extrem technische Formulierungen. Dabei sind schon die eckigen Klammern erklärungsbedürftig. Sie kennzeichnen Textstellen, bei denen noch keine Einigkeit herrscht. Der vielleicht wichtigste Absatz im zukünftigen Paris-Abkommen ist Artikel 3, Paragraf 1. Dort steht das Langfristziel, etwa "Klimaneutralität" oder die "vollständige Dekarbonisierung der Weltwirtschaft". In der Version vom 10. November liest sich der Absatz wie folgt:

BildVerhandeln heißt miteinander reden – und wenn es auf dem Podium einer Pressekonferenz ist. (Foto: Nick Reimer)

"Option 1: Parties aim [to achieve the global temperature goal], in accordance with the best available science [and the principles of the Convention], through [long – term global [low – [carbon][emission] transformation] [[climate][carbon] neutrality]], [and the peaking of their [net] emissions] [by 2030][by 20XX][as soon as possible], [with a [x]40 – [y]70 per cent net emission reduction below the 2010 level by 2050][according to the global carbon budget distribution based on climate justice], and [overall reductions][[net] zero emissions] [over the course of the present century][by 2050][by 2100]. 2]"

Und dabei handelt es sich nur um die erste von drei Optionen. Ein Hauch von Panik kommt schließlich auf, wenn man Fußnote 2 konsultiert. Diese besagt: "Es ist erforderlich, den Kontext (für das Langfristziel) zu definieren, dessen Platzierung (im Text) aber noch entschieden werden muss." Man will sich gar nicht ausmalen, wie die Definition des Kontextes aussehen könnte, geschweige denn, welche Ländergruppen mit welchen Argumenten für die verschiedenen Platzierungsoptionen kämpfen.

Notbehelf: Vertragsseiten und eckige Klammern zählen

Aufgabe von uns Journalisten ist es, den Lesern in einfachen Worten zu erklären, worum es geht und ob Fortschritte erzielt wurden. Mit Blick auf Artikel 3.1 (und den Rest des Dokuments) ist das jedoch kein einfaches Unterfangen. Aus diesem Grund greift man gerne auf Zahlen zurück: Die Seitenzahl des Vertragsentwurfs ist gewachsen oder geschrumpft, die Zahl der eckigen Klammern hat die 1.000er Marke nach oben oder nach unten durchbrochen.

Der Vorwurf, den man sich damit bei Diplomaten einhandelt, ist unweigerlich: Wir Journalisten seien zahlenfixiert und würden uns nicht genügend um die qualitativen Aspekte des jeweiligen Vertragsentwurfs kümmern. Dabei sagte selbst die Ministerin eines EU-Landes auf die Frage nach dem Verhandlungsstand: "Die Fortschritte bewegen sich im Grenzbereich des Begreifbaren."

In diesem Sinne haben die Medienaktivisten von der Internetseite parisagreement.org nun den ultimativen Zahlensatz veröffentlicht. Sie haben in den letzten vier Versionen des Verhandlungstexts die eckigen Klammern und verschiedenen Optionen gezählt und nach Vertragsartikeln aufgeschlüsselt. Die Textversion vom 10. November stellt den Stand zu Beginn der Verhandlungen in Paris dar. Damals enthielt der Text 1.035 eingeklammerte Formulierungen.

Die ersten Tage der Konferenz nutzten die Diplomaten dann, um weitere 55 – inhaltlich sicher äußerst bedeutsame – Klammern hinzuzufügen. Der Durchbruch kam dann mit der Version vom 4. Dezember. An diesem Tag wurden zwei Versionen des Entwurfs veröffentlicht, eine mit 46 und eine mit 38 Seiten. (Der geneigte Leser möge die Quantifizierung entschuldigen.)

Zum Glück einigten sich dann die Länder, die kürzere Version für die weiteren Verhandlungen zu nutzen. Diese enthielt die sogenannten Brückenvorschläge der "Ko-Fazilitatoren". Diese Chef-Vereinfacher vom Dienst hatten sich erlaubt eigene Textvorschläge zu machen, die den Unterhändlern der 195 Mitglieder der UN-Konvention zuvor noch nicht in den Sinn gekommen waren. Damit kollabierte die Zahl der eckigen Klammern regelrecht: auf nur noch 552.

Wenig überraschend konnte dann das eine oder andere Land, das sein Geld mit Öl verdient, daraufhin seine Lieblingsformulierung nicht mehr finden. Das Resultat: Die Zahl der Klammern stieg wieder leicht auf 567.

BildWelche eckige Klammer könnte jetzt gemeint sein ... (Foto: Friederike Meier)

Nun sind die Minister damit beschäftigt, eine Schneise durch den verbliebenen Klammerwald zu schlagen. Vernünftigerweise verhandeln sie dabei aber nicht auf Grundlage des Texts, sondern versuchen, sich auf Konzepte zu einigen. Gelingt dies, fallen im besten Fall gleich Dutzende, ja vielleicht Hunderte von Klammern weg. Denn eigentlich ist die Frage ja ganz einfach: Soll die Menschheit gerettet werden – ja oder nein?

PS: Heute ist für 13 Uhr ein neuer Textentwurf angekündigt – wir lassen uns überraschen.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich
finden Sie in unserem Paris-Dossier

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