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Mehr Elmau für Paris

DER KOMMENTAR:

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Jörg Staude, Redakteur bei klimaretter.info, zum Austausch von "Dekarbonisierung" gegen "Emissionsneutralität" im neuen Entwurf des Weltklimavertrages.


Der Klimagipfel kreierte in den beiden letzten Entwürfen des Vertragstextes ein neues Begriffsungetüm – die "Emissionsneutralität" ("emissions neutrality"). Das Wort nimmt jetzt im Vertrag die Stelle ein, wo zuvor die umstrittene, aber immerhin von den G7-Staaten in Elmau aufs Schild gehobene und als Weltenwende gelobte "Dekarbonisierung" gestanden hatte.

Diese ist jetzt völlig aus dem Vertragstext eliminiert worden. Da half die Pariser Gipfelshow der sauberen Energien ganzer Länder, von spendierfreudigen Millionären und anderen grün Wiedergeborenen gar nichts. Der (gewollte) Abschied von den Fossilen findet erst einmal nicht statt. Das ändere, beruhigt uns die WWF-Expertin Regine Günther, nichts an der Grundausrichtung des Klimavertrages, wonach wir uns gerade in Industrieländern schnell von Kohle, Öl und Gas verabschieden müssen. Schließlich gebe der Vertrag zugleich das 1,5-Grad-Limit globaler Erwärmung als Zielmarke vor.

Politik soll sich "technologieneutral" verhalten

Die Botschaft also – 1,5 Grad plus Emissionsneutralität gleich Fossilausstieg – hört man wohl, allein es fehlt der Glaube. Hinter dem Begriffstausch steht erkennbar die Forderung, dass Politik – wenn sie denn in Markt und Wirtschaft eingreift – sich gefälligst "technologieneutral" zu verhalten habe, also nicht durch gesetzliche Rahmenbedingungen die eine oder andere Technologie ins Aus stellt. Nur dann könnten sich, so die Lehre, am Markt die effizientesten Lösungen durchsetzen.

An dieser "Neutralität" haben auch Staaten ein eminentes Interesse, schließlich unterscheiden sie sich in ihrer Wirtschaftsstruktur erheblich: Manche wie Uruguay sind schon bei fast 100 Prozent Grünstrom, andere wie Russland bei unter einem Prozent. Dazwischen gibt es so ziemlich jeden Energiemix, den man sich vorstellen kann – und da sollte jetzt eine Vorschrift wie "Dekarbonisierung" draufgesetzt werden? Was den einen Staat total kalt lässt, könnte einen anderen in den Ruin treiben.

Denn wer so in die Märkte eingreift, stellt nicht nur Öl, Gas und Kohle ins Abseits, sondern auch alle Begleittechnologien, die mit der Zeit erfunden wurden, um die fossilen Energieträger effizienter und umweltverträglicher zu gestalten: die unterirdische CO2-Verpressung, auch CCS genannt, aber auch fossil befeuerte Kraft-Wärme-Kopplung oder die Kohlevergasung. Dekarbonisierung hinterlässt, technologisch gesehen, einen ziemliche Schneise des Kahlschlags. Dass sich viele Länder diesem Risiko nicht aussetzen können und wollen, leuchtet ein.

Weniger CO2 bedeutet weniger Fossile – diese einfache Rechnung gilt bei der Emissionsneutralität nicht. Die lässt sich auch herstellen, indem man für seinen Flug oft recht zweifelhafte Emissionszertifikate kauft oder ganz einfach einen Baum in seinen Garten pflanzt. Der Begriffswechsel im Dokument läuft im Grunde auf eine famose Konjunkturspritze für all die grünen Industrien hinaus, die uns ein gutes Klimagewissen verschaffen können.

Denn auch Staaten können sich das gönnen – dank umstrittener Anrechnungen von Wald-, Boden- oder anderen CO2-Senken-Projekten oder eben, wie vor allem Umweltschützer befürchten, durch Großtechnologien wie Atomkraft, CCS oder gar die Kernfusion. Dank der "Emissionsneutralität" können viele Staaten bei ihrer Energiepolitik erstmal so weitermachen wie bisher und sich dennoch ein gutes grünes Gewissen zulegen.

Und es wäre naiv anzunehmen, diese pseudogrünen Optionen würden sich aufgrund ausufernder Kosten – die der Erneuerbaren sinken ja – von selbst vom Markt stoßen. Schon die bloße Möglichkeit, dass solche Technologien weiter ihre Chance haben, generiert eine Lobby, die ihrerseits Ressourcen beansprucht und umverteilt. So steckt Deutschland jedes Jahr 140 Millionen Euro in die Kernfusion, die schon 2030, aber spätestens 2050 überflüssig sein wird, weil dann genügend wirklich grüne Energie zur Verfügung steht.

Ein bisschen mehr Elmau hätte Paris gutgetan.

BildDie COP 21 schenkt der Welt ein neues Wortungetüm – "Emissionsneutralität" – und damit eine famose Konjunkturspritze für all die grünen Industrien, die uns ein gutes Klimagewissen verschaffen können. (Foto: Verena Kern)

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich
finden Sie in unserem Paris-Dossier

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