Weltklimavertrag: "Friedliche Revolution"

BildHistorisch, Wendepunkt, Startschuss: Die positiven Reaktionen auf den neuen Weltklimavertrag überschlugen sich in und nach Paris. Die Auswirkungen des Vertrages könnten weit über den Klimaschutz hinausreichen, die Weltwirtschaft grundlegend verändern und die Völkergemeinschaft näher zusammenbringen – ein Rückblick auf die ersten Reaktionen. 

Von Susanne Götze und Benjamin von Brackel

"Der 12. Dezember hat gezeigt: Wir können zusammen die Welt verändern", klang es euphorisch von der EU-Verhandlungsführerin Carole Dieschbourg im Abschlussplenum des COP 21. Getragen von vielen Emotionen, Freudentränen und Lobeshymnen auf die französische Konferenzpräsidentschaft hatte in der Nacht zum Sonntag die 21. Weltklimakonferenz in Paris mit einem Erfolg geendet: Das erste Mal einigten sich alle 195 Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention ohne Ausnahme auf einen Vertrag, der die globale Erwärmung langfristig auf 1,5 Grad begrenzen soll.

BildSo unbeweglich wie die Säulen mit den Nationalfahnen vor dem COP-21-Gelände agierten die Verhandlungsgruppen zum Glück nicht. (Foto: Susanne Götze)

Auch wenn es sonst auf der Weltbühne derzeit eher frostig zugeht, saßen im Plenarsaal Länder wie Russland, die Ukraine, die Türkei und die USA friedlich zusammen und stimmten geschlossen für eine "Rettung des Planeten", wie die Delegierten nicht müde wurden zu betonen. "Frankreich bittet Sie den Vertrag zu beschließen – im Namen des Humanismus, im Namen des Lebens", erklärte Präsident François Hollande einige Stunden vor der Schlussabstimmung. Und kurz danach: "Der Vertrag ist eine friedliche Revolution."

Bis spät in die Nacht hinein reihten sich dann die Superlative, historischen Vergleiche und Dankesreden aneinander – kein Land, das nicht seine Unterstützung zugesagt hätte. Tenor: Das Abkommen ist kein Schluss-, sondern ein Startpunkt für die kollektive Anstrengung zur Rettung des Klimas. Auch EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete erklärte: "Heute wird gefeiert, ab morgen wird gearbeitet."

Tatsächlich ist der Vertrag nur der Anfang eines langen Prozesses, der die Staaten über die Klimapolitik hinaus näher zusammenbringt: Sie haben sich verpflichtet, ein einheitliches System zur Treibhausgas-Erfassung für alle Länder zu etablieren, ihre Klimaziele in regelmäßigen Abständen zu überprüfen, sich gegenseitig in der Entwicklung von Technologien zu unterstützen und schwächere Länder bei der Anpassung an die Klimafolgen zu unterstützen.

Wenn es ums Klima geht, hieß es bei vielen Delegierten in der Abschlusssitzung, müssten alle zusammenstehen. "Niemand, der allein handelt, kann erfolgreich sein – wir können es nur zusammen schaffen", zitierte Konferenzpräsident Laurent Fabius den verstorbenen südafrikanischen Aktivisten und Präsidenten Nelson Mandela. 

Umweltministerin Hendricks: Deutschland war "ehrlicher Makler"

"Heute haben wir Geschichte geschrieben", erklärte noch in Paris auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, die sonst nicht für Übertreibungen bekannt ist. Der Paris-Vertrag sei ein Meilenstein. Mit ihm sei es gelungen, den alten Antagonismus einer Zweiteilung der Welt aufzubrechen: "Die Entwicklungsländer übernehmen erstmals Verantwortung – das ist ein historischer Durchbruch." "Die weltweite Dynamik, die er anstößt, können wir uns noch gar nicht vorstellen", lobte Hendricks den Vertrag über den grünen Klee. Nun werde es einen großen Schub für technische Neuerungen etwa bei den Ökoenergien geben, für Ingenieure und Investoren. Zugleich werde sich die Welt in den kommenden Jahrzehnten von den fossilen Energien verabschieden.

Die Bundesumweltministerin trat nach der Entscheidung selbstbewusst auf. "Unsere Delegation hat einen ganz großen Anteil am Erfolg", verriet sie. "Wir haben das Ergebnis entscheidend mitgeprägt." Deutschland habe als "ehrlicher Makler" die Verhandlungen vorangetrieben. Etwa als Teil der sogenannten High Ambition Coalition, der Koalition der Ehrgeizigen – ein Bündnis aus über 100 Staaten, die sich auf hochgesteckte Klimaziele verständigt hatten. "Diese Koalition hat etwas aufgebrochen", sagte Hendricks.

Bei der Vorstellung des Vertrages hob Hendricks besonders das 1,5-Grad-Ziel hervor, das im Gegensatz zu den zwei Grad zwar nicht verbindlich ist, aber ein Signal setzt. Deutschland hatte die kleinen Inselstaaten in dieser Forderung unterstützt. Welche Konsequenzen das auf die deutsche Klimapolitik hat, darüber war am Wochenende noch nichts Genaues zu erfahren. Die bisher beschlossenen Klimapläne würden stehen, sagte Hendricks, über den Klimaplan für 2050 werde allerdings noch verhandelt. Zu einer möglichen Debatte über einen deutschen Kohleausstieg wollte sich die Umweltministerin nicht äußern.

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Nach der Abstimmung über den Vertrag: Die Euphorie kannte gar keine Grenzen mehr. (Foto: Verena Kern)

Auch in der Wissenschaft sieht man in dem Vertrag den Anfang einer "großen Transformation Richtung Nachhaltigkeit", wie Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), betonte."Die Verbindung aus Vernunft und Moral auf dem Klimagipfel liefert ein historisches Klimaabkommen, das schlussendlich den nationalen Egoismus überwindet", so Schellnhuber. Zwar reichten die derzeitigen nationalen Klimapläne noch nicht aus, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. "Dennoch ist das ein Wendepunkt für das menschliche Unternehmen."

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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