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Die Alternativen planen das letzte Wort

BildDie Klimabewegung plant den Endspurt. Am Samstag will sie in ganz Paris mit Aktionen ihren Unmut mit den UN-Verhandlungen demonstrieren. Am Freitag protestieren die Aktivisten im Konferenzzentrum. Die Gespräche lohnen sich vor allem für die Wirtschaft, finden sie. Das bestätigt Star-Klimaschützerin Naomi Klein, die den Alternativgipfel besucht.

Aus Paris Susanne Schwarz

Um kurz nach drei setzt der Herzschlag ein. Babumm. Babumm. Auf dem größten Gang des Geländes am Pariser Stadtrand, auf dem die UN-Staaten einen neuen Weltklimavertrag aushandeln, haben sich am Freitagnachmittag hunderte junge Menschen in einer Reihe aufgestellt und halten ein ellenlanges rotes Band.

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Freitagnachmittag auf dem Weltklimagipfel: Aktion für Klimagerechtigkeit. (Foto: Susanne Schwarz)

Alle im selben Rhythmus schlagen sie sich mit den Händen auf den Brustkorb – ungefähr dort, wo das Herz sitzt. Babumm. Im Chor rufen sie die Begriffe, die für sie Herz des neuen Abkommens sein sollten. Ein paar Minuten ist es "Justice", also Gerechtigkeit, dann wechseln sie zu "Equity", Gleichheit. Das rote Band stellt eine "rote Linie" da, die die Verhandler nicht "überschreiten" dürfen.

Während Minister und Diplomaten mit ihren Verhandlungen wie jedes Jahr in die Verlängerung gehen – frühestens Samstag statt wie geplant am Freitagabend werden sie fertig –, beginnt auch für die Klimaaktivisten der Endspurt. Sicher werde ein ungenügendes Abkommen herauskommen, waren sie sich schon im Frühjahr einig und verlegten den traditionellen Protesttag zur Mitte eines Weltklimagipfels an den Anfang und vor allem ans Ende des diplomatischen Großereignisses.

Naomi Klein: Freihandel verhindert Klimaschutz

Die Idee: Nicht mehr zwischendurch bittstellen, sondern einmal am Anfang Druck machen und am Schluss das letzte Wort haben. Am Samstag will die Bewegung einen großen Klimaaktionstag in der französischen Hauptstadt veranstalten. Seit Anfang der Woche trifft sie sich jeden Tag im Kulturzentrum "Centquatre" im nördlichen Zentrum der Stadt zur Generalversammlung und bespricht ihr Vorgehen.

Teils sogar mit prominenter Unterstützung: Am Donnerstagabend ist der Star der Klimabewegung zu Besuch. Die kanadische Autorin Naomi Klein – zuletzt hatte sie mit ihrem Bestseller "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" für Furore gesorgt – spricht vor dem Plenum über den Zusammenhang von Freihandel und Klima. 3.000 statt der üblichen wenigen hunderte Zuhörer haben sich deshalb zur Generalversammlung eingefunden. "Wir sehen gerade einen herausragenden Fall von schlechtem Timing", eröffnet Klein. "Ausgerechnet jetzt, wo ein wie auch immer geartetes Weltklimaabkommen verabschiedet wird, planen die Staaten Freihandelsabkommen wie TTIP und TPP."

"Paris ist schon gescheitert"

Für Klein entstammt das Übel dem Geist von "Rio", dem Erdgipfel aus dem Jahr 1992. "Damals wurde unter anderem beschlossen, dass Klima- und Umweltschutz nie 'versteckt' den Handel einschränken dürfen", erklärt sie und muss vor dem Weiterreden erst einmal die Buhrufe aus dem Publikum abwarten. Daraus resultiere, führt Klein fort, dass sich die Verhandlungen in diesen Bereichen immer noch so stark um Handel und Wirtschaftswachstum drehen würden. "'Paris' war unter diesem Gesichtspunkt schon gescheitert, bevor es begonnen hatte", meint die Publizistin.

"Das zeigt, dass Klimaschutz nur von unten, von der Straße kommen kann!", heizt Tadzio Müller von der Rosa-Luxemburg-Stiftung den vielen Aktivisten ein. Das habe der Erfolg der deutschen Energiewende gezeigt, begründet er. "Treibende Kraft waren die Bürger, die angefangen haben, Solaranlagen auf ihre Dächer zu bauen – nicht die großen Konzerne oder die Bundesregierung", sagt Müller.

Das Abkommen ignoriert den Flugverkehr

Von den Entwicklungen bei den Klimaverhandlungen hält man im "Centquatre" nicht viel. "Das Abkommen ignoriert den Flugverkehr, obwohl er so klimaschädlich ist", beklagt Géneviève Azam von Attac Frankreich, die dem Plenum jeden Abend von den Verhandlungen berichtet. "Bei der Klimafinanzierung fehlen immer noch wichtige Details – wer das Geld geben soll, wie viel und wofür genau", erklärt sie. "Menschenrechte verlieren im Text immer mehr an Priorität."

Dass jetzt die selbsternannte "High Ambition Coalition" aus EU, USA, und über hundert Entwicklungsländern das 1,5-Grad-Ziel fordert, beeindruckt Azam nicht. "Im Grunde unterstütze ich das natürlich", sagt sie. "Aber so, wie der ganze Vertragstext bisher aussieht, habe ich Angst, dass ein 1,5-Grad-Ziel genutzt werden soll, um Risikotechnologien wie Atomkraft und CCS einzusetzen."

Dass das neue Bündnis tatsächlich für einen ambitionierten Klimaschutz gegründet wurde und nicht nur als Inszenierung dienen soll, bezweifeln die Beobachter des Alternativgipfels.

Aktivisten sollen in Zweier-Teams kommen

Für den Samstag haben die Aktivisten drei Aktionen geplant, um ihren Unmut kundzutun. Infolge des Ausnahmezustands nach den Pariser Anschlägen vom 13. November sind Versammlungen im öffentlichen Raum mit mehr als zwei Menschen nicht erlaubt. "Bitte kommt in Zweier-Teams!", ruft Müller dem Publikum zu. So hofft die Bewegung, zumindest in einer rechtlichen Grauzone zu landen. Die Fläche unter dem Eiffelturm, der Symbol für Paris und gleichzeitig für die Weltklimakonferenz ist, wollen die Protestler aber mit Menschen ausfüllen.

Außerdem sollen Aktivisten die "roten Linien" noch einmal zeigen – diesmal im großen Stil an einem bisher geheimgehaltenen Ort in Paris. Immer zu zweit sollen sich die Teilnehmer einen roten Gegenstand schnappen oder sich gleich rot anziehen.

Als dritte Aktion wollen die Protestler die Wortgruppe "Climate Justice for Peace" bilden – und zwar über die ganze Stadt geschrieben. Über Smartphones sollen die Teilnehmer informiert werden, wo sie gebraucht werden, damit der Schriftzug vollständig wird. Der Versuch des französischen Innenministeriums, die Aktivisten für eine kontrollierte Abschlusskundgebung in ein Stadion abzuschieben, ist gescheitert.

BildAuch Alternativgipfel haben ihre Promis: Naomi Klein spricht im "Centquatre" vor Klimaaktivisten. (Foto: Susanne Schwarz)

Zurück zum COP-21-Gelände: Nach einer halbe Stunde ist die Herzschlag-Aktion im Konferenzzentrum zu Ende. Die Journalisten, die sich ebenfalls kettenförmig der "roten Linie" gegenüber aufgestellt hatten, um ein Foto zu erhaschen, verschwinden wieder an ihre Arbeitsplätze. Für die Protestler geht es zurück in die Innenstadt, wo im Laufe des Tages die letzten Trainings stattfinden, um alle Aktivisten auf den Samstag vorzubereiten.

Am Abend treffen sich wieder alle zur Generalversammlung und besprechen den aktuellen Stand der Verhandlungen – um am Samstag genau zu wissen, wo die "roten Linien" liegen.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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