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"Auf der Straße sind wir in einer Grauzone"

BildIhren Protest will die Klimabewegung am morgigen Samstag endlich wieder auf die Straße tragen, auch wenn die Polizei dies im geltenden Ausnahmezustand nur "tolerieren" will, sagt Christophe Aguiton von Attac Frankreich, Aktivist in der Bewegung für mehr Klimagerechtigkeit. Öffentliche Aktionen sind für Aguiton auch nötig, um die Zivilgesellschaft auf dem Weg der Energiewende mitzunehmen.

Bildklimaretter.info: Herr Aguiton, die Klimabewegung ist fest entschlossen, am Samstag zu demonstrieren. Sie will das "letzte Wort" zu den Verhandlungen haben. Warum ist das so wichtig?

Christophe Aguiton: Das ist aus zwei Gründen so entscheidend: Erstens wollen wir die Interpretation des Gipfel-Ergebnisses nicht den Staatenvertretern überlassen. Der Vertrag wird absolut miserabel sein angesicht dessen, was wir tun müssten, um die Klimakrise effektiv zu bekämpfen.

Die Konferenz behandelt das zentrale Problem – den tatsächlich notwendigen Umfang der Treibhausgasreduktion – gar nicht. Denn das wurde ja alles dem sogenannten INDC-Prozess überlassen, bei dem die Staaten selbst ihre Ziele benennen, die aber vollkommen unzureichend und darüber hinaus absolut unverbindlich sind. Dennoch werden die Verhandler das Ergebnis als Erfolg verkaufen.

Unser Protest soll zeigen, dass wir es nicht hinnehmen, dass die Staatenvertreter über die zentralen Fragen gar nicht sprechen: nicht über die Verantwortung der Konzerne, nicht über die fatale Rolle des extraktivistischen Wirtschaftssystems, nicht über die Rolle der Regierung als oftmals nur verlängerter Arm der Wirtschaftslobbyisten. Das wollen wir so nicht stehen lassen. Wir werden das letzte Wort haben.

Und was ist der zweite Grund?

Der zweite geht weit über Paris hinaus: Wenn wir das Ziel einer Dekarbonisierung tatsächlich erreichen wollen, wird das nicht ohne die breite Einbindung der Zivilgesellschaft gehen.

Nur ein Beispiel: Um den Klimawandel zu bekämpfen, müssen wir viel weniger Fleisch essen. Wir wollen aber ja auf keinen Fall, dass die Nahrungsmittel so wie im Zweiten Weltkrieg rationiert werden und es Nahrungsmittelgutscheine oder so etwas gibt. Das ist nicht die Gesellschaft, in der wir leben wollen. Das heißt, wir müssen die Leute mitnehmen, die Gesellschaft selbst muss sich verändern.

Auch dafür werden wir auf die Straße gehen – um die Zivilgesellschaft über das schwache Gipfelergebnis hinaus zu mobilisieren, um klarzumachen, dass wir uns langfristig engagieren müssen.

Nachdem die französische Regierung nach den Pariser Anschlägen Demonstrationen verboten hatte, hatte sie zwischenzeitlich das Verbot aufgehoben, dies aber später wieder zurückgenommen. Was gilt jetzt?

Die Coalition Climat 21 steht im Austausch mit der Polizei, um auszuhandeln, was möglich ist. Jetzt ist der Stand gerade, dass Versammlungen "toleriert" werden. Das heißt, dass sie weder rechtlich erlaubt noch verboten sind.

Und was bedeutet das?

Dass wir erst einmal auf die Straßen gehen können. Aber sobald irgendetwas ist, wird die Polizei durchgreifen, dann werden sie sagen: Diese Demonstration war nicht erlaubt. Wir bewegen uns also in einer Grauzone.

BildChristophe Aguiton (vorn links) im Gespräch mit Organisatoren der morgigen Proteste bei der "Generalversammlung" der Klimabewegung am Donnerstag. (Foto: Eva Mahnke)

Seit den Attacken vom 13. November gilt in Frankreich ja noch immer der Ausnahmezustand. Und das Problem ist: Die Polizei nutzt all die Instrumente, die eigentlich dazu gedacht sind, den Terrorismus zu bekämpfen, nun de facto auch gegen die Klimabewegung. Leute wurden verhaftet, 26 stehen noch immer unter Hausarrest. Wir hoffen, dass wir einen Raum haben werden, wo wir uns versammeln können.

Was ist für den Samstag an Protesten geplant?

Im Wesentlichen drei Dinge: Es wird eine Aktion geben, die gleichzeitig auf der Straße und "virtuell" stattfindet. Die Idee ist, geleitet vom Smartphone mit zwei oder drei Leuten an bestimmte Punkte in der Stadt zu gehen. All die verschiedenen Standorte der Menschen, die daran teilnehmen, sollen dann auf einer Google Map die Worte "Climate Justice for Peace" bilden.

Das ist nett, aber natürlich keine Versammlung. Die Leute fühlen sich bei so etwas nicht als Gemeinschaft, sie spüren ihre Stärke nicht. Deshalb wird es danach noch die "Red Lines"-Aktion geben, eine massenhafte Aktion friedlichen zivilen Ungehorsams. Ausgestattet mit roten Dingen – wie Banner, Kleidungsstücke, Regenschirme oder Bänder – werden Klimaaktivisten symbolisch die roten Linien bilden, die die Politiker nicht überschreiten dürfen – zum Beispiel das 1,5-Grad-Limit oder dass die "Climate Criminals" einfach weitermachen können wie bisher.

Am Ende wird es noch eine große Versammlung rund um den Eiffelturm geben, wo wir noch einmal deutlich zum Ausdruck bringen werden, dass wir das Abkommen nicht akzeptieren können, weil es keine Klimagerechtigkeit schafft.

Interview: Eva Mahnke

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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