"Die Koalition der Willigen wächst"

BildDer Chefunterhändler der USA Todd Stern ist nach einer Woche Verhandlungsmarathon optimistisch: Er sieht eine wachsende Koalition der Länder, die ein ehrgeiziges Abkommen wollen. Auch über das 1,5-Grad-Ziel werde ernsthaft diskutiert, gibt Stern zu.

Bildklimaretter.info: Herr Stern, die USA haben in Paris am Montag mit der Rede von Präsident Obama einen guten Start hingelegt. Allerdings ist die Stimmung gegen Ende der Woche wieder gekippt: Wo stehen wir nach einer Woche Klimakonferenz?

Todd Stern: In der Woche habe ich mit sehr vielen Ländern gesprochen: Es ist sehr ermutigend zu sehen, dass langsam aber sicher eine Koalition von Ländern wächst, die für ein ehrgeiziges Abkommen kämpft. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass sich uns immer mehr Länder anschließen. Ich bin zuversichtlich, dass wir kein verwässertes Abkommen oder nur einen Minimalkonsens beschließen werden.

Immer mehr Staaten unterstützen den Vorschlag der kleinen Inselstaaten für ein 1,5-Grad-Ziel – wie stehen die USA dazu?

Den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen ist für viele Länder sehr wichtig. Allerdings: Über Jahre wurde auf Grundlage des Zwei-Grad-Ziels verhandelt. Also muss es jetzt auch das Ziel sein, die Temperatur unter zwei Grad zu halten. Die Inselstaaten gehören dabei zu den besonders betroffenen Ländern. Wie sich ihre Forderung nach 1,5 Grad im Vertrag widerspiegeln könnte – daran arbeiten wir. Noch ist nichts beschlossen, aber wir versuchen unser Bestes, um auch hier eine Lösung zu finden.

Einige der Entwicklungsländer der G77-Gruppe, darunter Saudi-Arabien, weigern sich strikt, Geberländer zu werden und Verpflichtungen zu übernehmen – obwohl sie in den vergangenen 20 Jahren einen immensen Aufschwung erlebten. Wie wollen Sie diese Länder überzeugen, auch etwas zu leisten?

Industrieländer wie die USA haben eine historische Verantwortung für den Klimawandel und deshalb Verpflichtungen. Zugleich hat sich schon eine Reihe von Schwellenländern – ehemaligen Entwicklungsländern – von allein zu größeren Ausgaben bereit erklärt. Insgesamt haben schon acht sogenannte Entwicklungsländer in den Green Climate Fund eingezahlt.

Der chinesische Präsident Xi Jinping hat kürzlich angekündigt, sein Land werde drei Milliarden Dollar in den Fonds einzahlen, der armen Ländern in der Klimakrise helfen soll. Im Vertrag wird am Ende wahrscheinlich eine Formulierung stehen, die klassische Industrieländer verpflichtet. Die anderen Länder, "die in der Lage sind, so zu handeln", werden weiterhin auf freiwilliger Basis einbezogen. Es gibt einige Länder, die eben schon etwas weiter sind und mehr leisten können. Aber sie werden dazu nicht verpflichtet.

Welche "rote Linie" werden Sie beim Thema "Loss and Damage" – also den Entschädigungen für Klimawandel-bedingte Verluste und Schäden – nicht überschreiten?

Wir sprechen uns ganz klar dafür aus, dass arme Länder, die vom Klimawandel betroffen sind, finanzielle und technische Hilfen erhalten. Ein Weg sind Risikoversicherungen, die im Fall von Schäden einspringen.

BildDie größte diplomatische Versammlung der Welt muss sich zusammenfinden – der US-Unterhändler Todd Stern ist optimistisch, dass das gelingt. (Foto: Nick Reimer)

Eines können die USA in diesem Zusammenhang allerdings nicht akzeptieren und werden es auch nicht akzeptieren: Wir sind nicht für diese Schäden verantwortlich und leisten deshalb auch keine Kompensationen. Das ist so eine rote Linie, die wir nicht überschreiten werden. Und ich glaube, dass wir damit auch mit allen anderen Industrieländern übereinstimmen.

Glauben Sie, dass der Gipfel noch rechtzeitig ein ambitioniertes Klima-Abkommen beschließt?

Die Sterne stehen gegenwärtig sehr gut. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie schon jemals in einer günstigeren Konstellation standen. Wir haben eine echte Chance. Wir streben eine Übereinkunft an, die ambitioniert, effektiv, fair und von Dauer ist; ein Abkommen, das den notwendigen Übergang zu sauberer Energie, einer kohlenstoffarmen und klimaresistenten Wirtschaft vorantreibt und das für alle Verhandlungsparteien und Länder akzeptabel ist. Jedes Land will beteiligt und wird betroffen sein – das ist ein ganz entscheidendes Moment dieses Abkommens.

Interview: Susanne Götze und Jörg Staude

 Bild 

Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich
finden Sie in unserem Paris-Dossier

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen