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Klima-Stresstest für den Finanzmarkt

BildWenn sich der Finanzsektor nicht schnell auf eine klimafreundliche Wirtschaft einstellt, kann es zum Platzen einer weiteren Blase kommen: der CO2-Blase. Um das zu verhindern, soll New Yorks Ex-Bürgermeister Bloomberg mit einer Taskforce dafür sorgen, dass Unternehmen ihre finanziellen Klimarisiken offenlegen.

Aus Paris Benjamin von Brackel

Als Michael Bloomberg dieser Tage sein TV-Gerät einschaltete, musste sich der frühere Bürgermeister von New York mächtig ärgern. Der Bericht über die Rede von Barack Obama auf der Klimakonferenz in Paris lief und auf dem Sender Fox News echauffierten sich die Gäste, dass der US-Präsident sich um Klimapolitik kümmere, während zu Hause Terror herrsche.

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Wann platzt die Kohlenstoff-Blase? (Foto: Brocken Inaglory/Wikimedia Commons)

Die Folgen des Klimawandels seien doch gar kein so großes Problem – so der Tenor. Was Bloomberg so in Rage brachte: "Sie haben nicht einen Mann aus der Wirtschaft eingeladen." Seine – unausgesprochene – Botschaft: Dann hätte die Diskussion nicht solch eine Richtung genommen.

"Unternehmen sind den Politikern schon so weit voraus", erklärt Bloomberg am Freitag auf dem Klimagipfel in Paris am Rande einer Diskussion mit Mark Carney, dem Gouverneur der Bank of England und Chef des Financial Stability Board. Firmen müssten sich mit ganz praktischen Fragen wie Risikoversicherungen und dem Wertverlust von Anteilen auseinandersetzen. Der Druck, Klimaschutz zu betreiben, sei für sie "viel größer".

Unbekannte Risiken

Aus Bloombergs Sicht gibt es allerdings ein großes Problem: Oft wüssten Unternehmen gar nicht, welche Klimawandel-Risiken sie in ihrem Wertpapierbestand haben. Das kann zur großen Gefahr werden – und zwar wegen der sogenannten Kohlenstoffblase. Ratingagenturen schätzen die Aktien der Kohle-, Öl- und Gasförderung als heillos überbewertet ein.

Der Grund: Machen die Staaten der Welt mit dem Klimaschutz ernst und beschließen Vorgaben, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, darf ein Großteil der fossilen Reserven nicht mehr verbrannt werden. Forscher gehen von einem Drittel aller geschätzten Ölreserven, der Hälfte der Gasvorkommen und 80 Prozent der Kohlevorräte aus. Die Energieunternehmen haben einen Großteil dieser Rohstoffe allerdings in ihren Bilanzen "eingepreist", weil sie nach wie vor davon ausgehen, diese irgendwann aus dem Boden zu holen. Aus Angst vor dieser "Kohlenstoffblase" ziehen nun viele Investoren ihre Gelder ab.

Carney: Der Staat kriegt das Systemrisiko nicht in den Griff

Für den Finanzexperten Mark Carney ist dabei die entscheidende Frage: Wie schnell kann der Finanzsektor dem Zug einer kohlenstoffarmen Wirtschaft folgen? Wenn sich die Banken und Fonds nicht jetzt schon der Klimarisiken bewusst werden, könnte es ein bitteres Erwachen geben – mit dem Platzen der Blase, ähnlich der Immobilienblase.

"Allerdings ist es sehr schwierig, das gesamte Kohlenstoff-Risiko zu differenzieren", sagt Carney. Um das zu ändern, soll Michael Bloomberg in Zukunft einer Taskforce vorstehen, die börsennotierte Unternehmen hilft, klimabezogene Risiken offenzulegen, miteinander zu vergleichen und die Informationen Investoren, Versicherern und Politikern zur Verfügung zu stellen. Die Taskforce soll zunächst Vorschläge machen für einheitliche und freiwillige Offenlegungen von Unternehmen. "Wenn es einmal diese Informationen gibt, wird sich der Markt sehr schnell bewegen", ist sich Carney sicher.

Sowohl Bloomberg als auch Carney sehen es als Pflicht der Unternehmen an, ihren CO2-Fußabdruck zu verringern – um zumindest in Übereinstimmung mit dem Klimaplan des jeweiligen Landes zu kommen. Mehr als 180 Staaten haben solche "INDC" genannten Pläne bereits vorgelegt. Auf die Frage, warum so eine Taskforce überhaupt nötig sei, antwortet Carney offenherzig: Diejenigen, die eigentlich das Systemrisiko in den Griff bekommen sollten, seien dazu gar nicht fähig: die (staatlichen) Regulierer.

Im April hatten die G20-Staaten das Financial Stability Board in Basel mit einer Untersuchung zur "Carbon Bubble" beauftragt. Das Gremium soll klären, welche Gefahren dem Finanzsystem drohen, weil Konzerne mit einer strikteren Klimapolitik möglicherweise nicht mehr alle fossilen Ressourcen fördern können, die sie bereits als Werte in ihren Bilanzen verbucht haben.

Das Financial Stability Board soll sowohl private Akteure als auch den öffentlichen Sektor zu den möglichen Risiken befragen. Medienberichten zufolge haben sich alle der in G20 organisierten Industrie- und Schwellenländer bereit erklärt zu kooperieren oder eigene Untersuchungen durchzuführen. Mit dabei sind also auch die USA, China, Australien, Russland, Indien und Saudi-Arabien.

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Mark Carney (von links) hat Michael Bloomberg gebeten, die neue Taskforce zu leiten – und der hat zugesagt. (Foto: von Brackel)

Ganz neu ist die Initiative allerdings nicht. Sie erinnert an das Carbon Disclosure Project (CDP), die weltweit größte Klimaschutzinitiative Hunderter von Finanzinvestoren. Sie verlangt von den Unternehmen Emissionsdaten, den eigenen CO2-Fußabdruck sowie Klimastrategien und will deutlich mehr Transparenz in die Finanzwelt bringen. Eine Initiative mehr in dieser Richtung kann nicht schaden. Die Zeit, die Luft aus der Kohlenstoffblase zu lassen, wird knapper.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich
finden Sie in unserem Paris-Dossier

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