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"China versteckt sich hinter Paragrafen"

KBildein Durchbruch in Sicht: Bubu Pateh Jallow, einer der Chefunterhändler der "Least Developed Countries", der am wenigsten entwickelten Staaten, erklärt, woran es auf dem Verhandlungsparkett des Pariser Klimagipfels krankt. 49 Staaten gehören dieser Verhandlungsgruppe an, unter anderem 34 der ärmsten Staaten Afrikas.

Der Klimatologe Jallow arbeitet im gambischen Department of Water Resources, das für die Wasserversorgung zuständig ist. Zudem vertritt er Gambia in der Welt-Meteorologie-Organisation. Für Afrika sitzt Jallow im Weltklimarat IPCC. 2007 war er Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe I für den Vierten Sachstandsbericht.

BildEiner von 20: Bubu Pateh Jallow ist Mitglied der Gambischen Regierungsdelegation und einer der Chefunterhändler der Verhandlungsgruppe der ärmsten Staaten. (Foto: Nick Reimer)

klimaretter.info: Herr Jallow, die Verhandlungen zum neuen Klimavertrag in Paris sind festgefahren. Woran liegt das?

Bubu Pateh Jallow: Vor allem am Geld und der Differenzierung. Die Industriestaaten weigern sich aufzuzeigen, wie sie die zugesagten 100 Milliarden Dollar aufbringen wollen, die ab 2020 jährlich in den globalen Süden transferiert werden müssen. Wir brauchen dieses Geld, um uns an die Folgen des Klimawandels anzupassen, den wir schließlich nicht verursacht haben.

Was heißt Differenzierung?

Bei der Differenzierung geht es darum, dass Staaten wie China, Brasilien oder Südafrika sich auf Paragraf 4.2 der Klimarahmenkonvention berufen. In dem ist festgelegt, dass sie als Entwicklungsländer keine Pflichten haben. Aber dieser Paragraf ist mehr als 20 Jahre alt. Diese Staaten tragen mittlerweile selbst erheblich zum Problem bei, deshalb müssen sie sich auch an der Lösung beteiligen.

Die OECD hat eine Studie vorgestellt, nach der die Industrieländer bereits rund 60 Milliarden US-Dollar jährlich in den Süden transferieren. Ist das nicht ein guter Anfang?

Ich kenne diese sehr ärgerliche Studie. Die OECD hat offensichtlich alles in den Topf geworfen, was ihr an Zahlungen in den Süden eingefallen ist. Beschlusslage im Standing Committee on Finance ist aber, dass die Mittel "zusätzlich" zur üblichen Entwicklungshilfe aufgebracht werden sollen. Und selbst wenn unter diesen 60 Milliarden ein Teil zusätzliches Klimageld wäre, bei uns in Gambia ist davon noch nichts angekommen.

Sie sind einer der Verhandlungsführer der LDC-Staatengruppe, der "Least Developed Countries". Zuletzt ist Südsudan beigetreten, 49 Staaten gehören ihr an. Warum diese Gruppe?

Früher waren wir in der "G77 plus China" organisiert. Aber dort haben unsere Interessen auf dem Verhandlungsparkett zu wenig Gehör gefunden. Jetzt sind wir besser aufgestellt, wir bekommen wissenschaftliche Unterstützung, indem uns Studien zugänglich gemacht und erklärt werden – beispielsweise, was es für unsere Staaten bedeutet, wenn die Erderwärmung tatsächlich um durchschnittlich zwei Grad steigt.

Nämlich?

Zwei Grad im weltweiten Durchschnitt bedeuten für mein Land drei bis vier Grad mehr. Das wird für Dürren sorgen. Gleichzeitig macht uns der Meeresspiegel zu schaffen: Mehr als die Hälfte unserer Hauptstadt Banjul liegt keinen Meter über dem Wasserspiegel. Zwei Grad und wir saufen ab. Wir wollen deshalb in den Verhandlungen erreichen, dass die globale Erderwärmung unter dem Wert von 1,5 Grad bleibt.

Die USA hat über 500 Klimadiplomaten nach Paris entsandt, auch Japan, China oder die EU haben ähnlich große Delegationen. Wie ist Gambia aufgestellt?

Japan hat sogar deutlich mehr Diplomaten auf dem Parkett als die USA! Arme Staaten haben es da schwer mitzuhalten. Für die LDCs konnten wir erreichen, dass das UN-Klimasekretariat die Kosten für drei Delegierte übernommen hat.

Gambia ist mit 20 Delegierten vertreten. Ein schwieriger Job: Es laufen hier ja vier Verhandlungsprozesse parallel oft bis spät in die Nacht. Nehmen wir das Beispiel Anpassung: Ich saß neben der Delegation aus Frankreich. Aller drei, vier Stunden kam da ein frischer Diplomat an den Platz, ich musste aber die ganze Zeit durchhalten. Manchmal bin ich kurz vorm Einschlafen.

BildWarten auf den Durchbruch: Die Klimadiplomaten ringen in Paris mit dem Vertragstext. Manche tun auch nur so. (Foto: UN)

Ein großes Problem ist auch, dass in den Kontaktgruppen – also dort, wo die Entscheidungen fallen – nur Englisch gesprochen wird. Viele meiner LCD-Kollegen kommen aber aus französischsprachigen Ländern, denen fällt das schwer.

Sie können also nicht folgen?

Doch, mittlerweile sind wir in der LDC-Gruppe gut aufgestellt. Während wir uns früher im Hintergrund hielten, sind wir heute vorne mit dabei.

Was muss also passieren, damit es hier in Paris vorwärtsgeht?

China muss aufhören, sich hinter der G77 zu verstecken. Die Chinesen haben ja schon Verantwortung übernommen mit ihrer Süd-Süd-Initiative. Aber die ist außerhalb des klimadiplomatischen Prozesses angesiedelt. Hier auf dem Verhandlungsparkett werden wir nur erfolgreich sein, wenn China auch offiziell diese Rolle übernimmt.

Könnte an dieser Frage der neue Klimavertrag scheitern?

Absolut! Die Vorsitzenden der Arbeitsgruppe müssen eine Sprache finden, die Chinas Rolle definiert – und die von China, Brasilien, Indien und den anderen Schwellenländern akzeptiert wird. Ich bin aber optimistisch: Seit 1999 verhandle ich auf Klimakonferenzen. Und immer waren die Verhandlungen in der ersten Woche festgefahren.

Interview: Nick Reimer

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich
finden Sie in unserem Paris-Dossier

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