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"Zwei Grad sind unser Untergang"

BildBesonders vom Klimawandel betroffene Staaten wollen nicht über das Zwei-Grad-Ziel verhandeln. Sie bestehen auf einer Obergrenze von 1,5 Grad. Daran könnten die Klimaverhandlungen auf der COP 21 scheitern.

Aus Paris Nick Reimer und Sandra Kirchner

US-Präsident Barack Obama hat sich am heutigen Dienstag auf dem Klimagipfel mit der Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS getroffen. "Ich bin selbst ein Insel-Junge", sagte Obama, der auf Hawaii geboren wurde und in Indonesien aufgewachsen ist. Das Treffen hatte aber nicht das Austauschen von Kindheitserinnerungen zum Ziel. Vielmehr droht der neue Weltklimavertrag am Veto der AOSIS-Staaten zu scheitern.

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Die Welt ist derzeit unterwegs auf einem Erderwärmungs-Pfad über zwei Grad – allerdings soll sich das Vorzeichen bald umkehren. Genauso wie bei diesem missglückten Plakat auf der Klimakonferenz 2012 in Doha, das später heimlich durch ein "<2°" ersetzt wurde. (Foto: Reimer)

Geht es nach den Industriestaaten, soll die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden. "Zwei Grad Erderwärmung bedeuten, dass wir unter Wasser stehen", sagt dagegen Anote Tong, der Präsident des Inselstaates Kiribati. "Der höchste Punkt unserer Hauptinsel Tarawa erreicht beispielsweise kaum drei Meter. In Kombination mit dem Meeresspiegelanstieg könnte eine einzige Flutwelle den Lebensraum vernichten."

Deshalb haben sich vor der Klimakonferenz die am meisten vom Klimawandel betroffenen Staaten zu einer neuen Allianz zusammengeschlossen. "V20" nennt sich die Gruppe, zu der etwa die Philippinen und Bangladesch, Kenia und Tansania, Vietnam und Nepal gehören, "V" steht für verwundbar und "20" für die Zahl der Länder. Aber mittlerweile sind der V20 schon viel mehr Mitgliedsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention beigetreten, darunter viele AOSIS-Staaten, aber auch viele afrikanische und asiatische Länder.

Sie wollen einen neuen Weltklimavertrag nur mittragen, wenn er die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzt. Und weil nach den UN-Statuten ein neues Abkommen nur zustande kommt, wenn alle Staaten zustimmen, hat diese Staatengruppe Gewicht auf dem Verhandlungsparkett. "Wir brauchen 1,5 Grad als Obergrenze der Erderwärmung zum Überleben", sagt Joyceline Goco, Mitglied der Regierungsdelegation der Philippinen. "Schon heute sind wir enorm betroffen von den steigenden Fluten."

Die 1,5 Grad zu akzeptieren, dazu sind die Industriestaaten aber nicht bereit. Lediglich Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in ihrer Rede am Montag, die Erderwärmung solle "auf unter zwei Grad" begrenzt werden – ohne aber die 1,5 Grad in den Mund zu nehmen.

Über zwei Grad kippt die Welt

Beschlossen worden war das Zwei-Grad-Ziel von den Klimadiplomaten 2010 auf der COP 16 in Mexiko. Grundlage ist die Wissenschaft des Weltklimarates. Bei der globalen Durchschnittstemperatur verhält es sich ähnlich wie bei der Körpertemperatur des Menschen: Zwei Grad markieren den Unterschied zwischen Alltag und Lebensgefahr. Steigt die globale Oberflächentemperatur um mehr als durchschnittlich zwei Grad, werden sogenannte Kippelemente ausgelöst, die die Erderwärmung beschleunigen oder sogar verselbstständigen.

Die Permafrostböden sind zum Beispiel solch ein Kippelement. Unter der dauergefrorenen Erde Sibiriens, Nordkanadas und Alaskas ist milliardenfach Kohlenstoff eingesperrt. Taut der Boden auf, wird dieser Kohlenstoff zu einer Treibhausgasfracht aus Methan und Kohlendioxid, die vom Menschen nicht aufzuhalten ist. Über einen Zeitraum von einhundert Jahren besitzt Methan ein rund 30-fach höheres Treibhauspotenzial als Kohlendioxid. Das bedeutet, dass Methan 30-mal stärker zur Erderwärmung beiträgt. Einmal in die Luft entwichen, reichern sich die Wärmeblocker in der Atmosphäre an und treiben die Oberflächentemperatur des Planeten immer weiter nach oben.

Würde die Menschheit erst dann mit dem Klimaschutz beginnen, wenn ein solches Kippelement gefallen ist – es wäre nutzlos. Der Prozess ist unumkehrbar und viel stärker als der menschliche Einfluss auf die Atmosphäre. Mehr als ein Dutzend solcher Kippelemente gibt es.

Jenseits von zwei Grad dürfte auch der Amazonas-Regenwald, einer der größten Kohlendioxidspeicher der Welt, schwer geschädigt werden. Das im Holz gebundene Treibhausgas Kohlendioxid wird dann frei und reichert die Konzentration in der Atmosphäre weiter an. Bereits heute tauen zudem große Stücke des Grönländischen Eisschildes. Geht der gesamte drei Kilometer dicke Eispanzer verloren, steigt der Meeresspiegel um bis zu sieben Meter. Und weil das Klimasystem der Erde geprägt ist durch viele sich gegenseitig beeinflussende Prozesse, beginnt jenseits von zwei Grad das Chaos.

Option 1,5 Grad

"Natürlich kommt es nicht bei 2,01 Grad zum Weltuntergang, schon gar nicht schlagartig", sagt der Physiker Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Schellnhuber gilt als "Erfinder" des Zwei-Grad-Ziels. Es sei wichtig gewesen, "überhaupt eine quantitative Orientierung ins Spiel zu bringen, an der sich die Klimarahmenkonvention 1992 noch elegant vorbeigemogelt hat". Die Politik habe gern klare Vorgaben, so Schellnhuber, und eine einfache Zahl sei besser zu handhaben als ein komplexer Temperaturkorridor.

"Verantwortungslos", nennt Andreas Fischlin dieses Zwei-Grad-Ziel. Der Schweizer Professor hatte Anfang der 1990er-Jahre und ab 2002 als Leitautor beim Weltklimarat IPCC am Vierten Sachstandsbericht mitgearbeitet und sich dann als Mitglied der Schweizer Regierungsdelegation selbst mit in die Verhandlungen eingeschaltet. "Wir verstehen das Klimasystem keineswegs bis in jede Einzelheiten, es verbleiben Unsicherheiten, zum Beispiel bei den Rückkopplungen in der Vegetation." Deshalb sei die Wissenschaft eben nur zu 67 Prozent sicher, dass das atmosphärische Wettersystem eine Erwärmung um zwei Grad verträgt.

Andersherum würde das bedeuten: Bei der Zwei-Grad-Politik bleibt ein "Restrisiko" von 33 Prozent. Fischlin vergleicht das mit einem Bungee-Springer: Würde der sich in die Tiefe stürzen, wenn die Gefahr, das Leben dabei zu verlieren, bei 33 Prozent liegt?

Genau deshalb hatten die Klimadiplomaten auf Druck der AOSIS 2010 in Cancún einen Passus in den Vertrag schreiben lassen, im Jahr 2015 statt des Zwei-Grad-Ziels doch noch ein 1,5-Grad-Ziel zum Gegenstand der Klimaverhandlungen zu machen. Auf diese Option berufen sich jetzt die Vertreter der V20.

Allerdings hat das Met Office, der britische meteorologische Dienst, Anfang November ermittelt, dass die globale Oberflächentemperatur bereits um ein Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit gestiegen ist. Stephen Belcher vom Met Office ist sich sicher: "Ein klares Zeichen für den zunehmenden Einfluss des Menschen auf das Klima."

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Auch die Salomonen sind vom Meeresspiegelanstieg bedroht. (Foto: Catherine Wilson/IPS)

Konnte das Treffen zwischen Obama und den Inselstaaten wenigstens zu etwas Entspannung im Streit beitragen? "Wir sind noch zu keiner Vereinbarung gekommen", sagte Tong heute in Paris. Für die westlichen Industriestaaten sei das Verhandeln ein Spiel, doch für die kleinen Inselstaaten hänge daran das Überleben, sagte er. "Was ist der Unterschied zwischen einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts und gar keinem Bruttoinlandsprodukt?"

Auch der Premierminister von Tuvalu, Enele Sopoaga, ist frustriert. "Ich singe seit Jahren das gleiche Lied", klagte er. Seit der ersten Klimakonferenz vor 20 Jahren in Berlin warne er vor den Bedrohungen des ansteigenden Meeresspiegels. Es sei sehr gefährlich, der Staatengemeinschaft zu signalisieren, dass die Inselstaaten ein Zwei-Grad-Ziel und höhere Ausgleichszahlungen für die Schäden und Verluste mittragen würden. Viele der Inseln würden dann untergehen.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich
finden Sie in unserem Paris-Dossier

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