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Die Schwierigkeit mit den 1,5 Grad

BildAuch im neuen Vertragsentwurf ist die Forderung der Inselstaaten, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, noch enthalten. Bundesumweltministerin Hendricks sieht dafür sogar "eine neue Dynamik". Aber ist dieses Ziel überhaupt zu schaffen? Was müsste dafür eigentlich passieren?

Aus Paris Susanne Schwarz, Nick Reimer und Joachim Wille

Konferenzpräsident Laurent Fabius hat am Nachmittag einen neuen Vertragstext vorgelegt. In der Nacht hatten sich die einzelnen Verhandlungsgruppen für ihren jeweiligen Bereich auf Kompromisse geeinigt, die französische Konferenzpräsidentschaft hat daraus nun einen Text für das neue Abkommen entwickelt. 

BildAuf welchen Pfad wollen Sie, Herr Delegierter? Umweltschützer überlassen am Mitwoch den Klimadiplomaten die Wahl. (Foto: Susanne Götze)

Allerdings gibt es in dem 29-Seiten-Text noch viele Klammern, also strittige Optionen. Beispielsweise im Artikel 2. Dort heißt es in Option 3, die globale Erwärmung solle gegenüber der vorindustriellen Zeit auf "unter 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau" begrenzt werden. Das Zwei-Grad-Ziel ist also weiterhin umstritten – im positiven Sinne aus Sicht des Klimaschutzes.

Aber ist das 1,5-Grad-Ziel überhaupt noch einzuhalten? Bereits jetzt hat sich der Globus um rund ein Grad seit Beginn der Industrialisierung erwärmt. 2014 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, 2015 ist auf "gutem" Weg, diesen Rekord nochmals zu brechen. Die bisherigen Klimaziele der Staaten reichen nach Berechnungen der Klimaanalytiker vom Forschungsverbund  "Climate Action Tracker" bestenfalls aus, um die Erwärmung auf 2,7 Grad zu begrenzen. Schon für zwei Grad muss die Welt in den kommenden Jahren also stark nachbessern.

1,5-Grad-Ziel heißt weltweite Energiewende sofort

Dafür gibt es aber ein schlechtes Vorzeichen: Der Ölpreis ist so niedrig wie lange nicht mehr. "Sollte im Paris-Vertrag das 1,5-Grad-Ziel stehen, braucht die Erneuerbare-Energie-Gewinnung deshalb mehr Unterstützung", sagt Fatih Birol, Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), am Rande der Pariser Verhandlungen. Etliche Regierungen würden für die Erneuerbaren zu wenig tun, meint Birol. Generell brauche der Energiesektor zu lange für einen Umbau ins emissionsarme Zeitalter. Wichtig sei deswegen, dass im Abkommen – das eigentlich nur bis 2030 laufen soll – auch ein Langfristziel steht. Damit bekomme die Wirtschaft Planungssicherheit. "Die schlimmste Bedrohung für die erneuerbare Energiewirtschaft sind nicht die fossilen Kraftwerke", sagt Birol. "Es ist die ständig wechselnde Politik."

Grundsätzlich scheint eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad machbar. Zumindest, wenn man der in Paris vorgestellten Studie von Climate Action Tracker glaubt. Es bräuchte ganz ähnliche Maßnahmen wie im Falle des Zwei Grad-Pfads – allerdings mehr Eile. Studien-Mitautor Joeri Rogelj vom österreichischen Forschungsinsitut IIASA warnt: "Das 1,5-Grad-Ziel lässt keine Zeit für weitere Verzögerungen bei der weltweiten Emissionsreduktion." Zudem müsste der CO2-Ausstoß in den nächsten Jahrzehnten sehr rasch heruntergefahren und die Energieeffizienz weltweit enorm hochgefahren werden.

Treibhausgase der Atmosphäre entziehen

Aber selbst das würde noch nicht reichen. Irgendwann in diesem Jahrhundert müssten die Emissionen sogar unter Null sinken. Der Grund: Auch in den strikten CO2-Einsparszenarien wird die 1,5-Grad-Grenze um das Jahr 2050 herum überschritten. Das heißt: Große Mengen an Treibhausgasen müssten dann der Atmosphäre wieder entzogen werden. Dazu gibt es vor allem zwei Möglichkeiten: Weltweite Aufforstungsaktionen und die bisher kaum erprobte Risikotechnologie CCS, bei der Kohlendioxid unterirdisch eingelagert werden soll.

Andere Wissenschaftler sind skeptisch. Glen Peters von der Osloer Umwelt-Informationsagentur "Cicero" ist sicher, dass die Erderwärmung 1,5 Grad überschreiten wird. Denn um unter dieser Marke zu bleiben, müsste der komplette Ausstieg aus den fossilen Energien bereits zwischen 2025 und 2030 vollzogen sein, wie Peters auf einer Veranstaltung auf dem Paris-Gipfel erläuterte. "Man müsste die Kohlekraftwerke überall dichtmachen", und auch für Erdöl und Erdgas müsste der Hahn schnell zugedreht werden. Peters sagte, er persönlich glaube nicht an ein solches Szenario: "Die 1,5 Grad haben nur eine minimale Chance."

Trotdem gibt es auf dem Klimagipfel "eine neue Dynamik" für das 1,5-Grad-Ziel, wie Bundesumweltministerin Barbara Hendricks erläutert. Mehr und mehr Staaten würden die Forderung der Inselstaaten nachvollziehen. Hendricks geht davon aus, dass die 1,5 Grad "nicht nur eine bloße Erwähnung" im endgültigen Vertragstext finden werden. Es werde "eine starke Erwähnung", die mehr als bloße Symbolik habe – also in konkrete Politik münde.

"Es sind nicht nur die Inselstaaten, insgesamt sind es jetzt mehr als 110 Staaten, die ein 1,5 Grad-Ziel wollen", sagt Sven Harmeling von der Enticklungsorganisation Care.

BildKunstprojekt: Was passiert, wenn der Meeresspiegel durch die Erderwärmung um zwei Grad steigt? (Foto: Martin Jehnichen/UBA)

Natürlich sind neben dem 1,5-Grad-Ziel im neuen Vertragsentwurf noch viele andere Passagen strittig. Zur Stunde haben die einzelnen Delegationen Gelegenheit, die Paragrafen zu studieren (und die Journalisten auch). Für den Abend ist eine neue Plenarsitzung angesetzt, in dem die einzelnen Delegationen Gelegenheit haben, ihre Bedenken vorzutragen. Die von Barbara Hendricks kennen wir bereits: "Der Textentwurf ist ein wichtiger Schritt nach vorn, aber noch längst nicht so, wie er am Ende sein muss." Die Ministerin nennt ihre vier Knackpunkte: "die Ambition des Klimaabkommens, die Transparenz bei allen Klimaschutzmaßnahmen, die Differenzierung zwischen den Staaten und auch die Finanzierungsfrage."

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich
finden Sie in unserem Paris-Dossier

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