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Jochen Flasbarth: Der Job seines Lebens

Das Porträt: Einer von 45.000

BildEs ist das größte diplomatische Treffen in der Menschheitsgeschichte: 45.000 Teilnehmer wollten sich für die 21. Weltklimakonferenz im Pariser Vorort Le Bourget akkreditieren. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: Jochen Flasbarth, deutscher Staatssekretär und einer der Chefunterhändler an der Seite von Frankreichs Außenminister Laurent Fabius.

"Herr Flasbarth: Wie gehts?" Jochen Flasbarth bahnt sich einen Weg durch die Menge. Der deutsche Staatssekretär aus dem Bundesumweltministerium ist ein gefragter Mann in Paris. 

BildLagesondierung: Bundesumweltministerin Barbara Hendricks folgt mit dem deutschen Chef-Klimadiplomaten Carsten Sach und Jochen Flasbarth (Mitte) den Vorschlägen von Perus Umweltminister Manuel Pulgar-Vidal (rechts). (Foto: BMUB)

Als Unterhändler leitet Flasbarth gemeinsam mit dem Umweltminister von Gabun, Emmanuel Issoze-Ngondet, eine der wichtigsten Verhandlungsgruppen auf der Klimakonferenz in Paris. Flasbarth und sein Kollege sollen eine Lösung für die Klimafinanzierung finden. Es geht um 100 Milliarden US-Dollar jährlich, die von den Industriestaaten ab dem Jahr 2020 an die Entwicklungsländer fließen sollen. Schließlich sind die Industriestaaten für 80 Prozent aller Treibhausgase in der Atmosphäre verantwortlich, leidtragend sind aber in erster Linie die Staaten des Südens. Deshalb fordern sie auch, dass die Summe weiter ansteigt – quasi proportional zu den Schäden, die die Erderwärmung bringt.

"Ich mag den Kerl", sagt Todd Stern, der oberste Klimadiplomat der USA, gegenüber klimaretter.info. "Flasbarth ist ein sehr geschickter Verhandler." Ausgerechnet Todd Stern sagt das, der selbst enorm ausgebufft ist. "Vor allem ist er extrem kenntnisreich", lobt Antonio Marcondes, der Klimabotschafter aus Brasilien. "Flasbarth tut sein Äußerstes, um die unterschiedlichen Länderinteressen zusammenzubekommen." Sogar Greenpeace lobt den Staatssekretär: "Unglaublich gut der Job, den Flasbarth hier macht", sagt Stefan Krug, der als "Leiter der politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin" sonst viel Kritik an Flasbarths Arbeit hat.

Jochen Flasbarth hat eine erstaunliche Karriere vorgelegt. Der studierte Politikwissenschaftler begann sein Berufsleben in den 1990ern als Lektor bei einem Wirtschafts-Verlag. Danach wurde er Naturschützer, bis 2003 leitete Flasbarth den Naturschutzbund Nabu. Der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) holte Flasbarth als Abteilungsleiter für "Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung" ins Ministerium. Hauptaufgabe: Die Vertragsstaatenkonferenz COP 9 vorzubereiten – allerdings nicht die zum Klima, sondern die 2008 in Bonn zur Biodiversität. Flasbarth hat diese COP glänzend gemanagt. Das hat sich rumgesprochen: Die anderen 13 Co-Facilitatoren in Paris sind allesamt Minister.

Statt nach dem Erfolg damals aber in der Politik aufzusteigen, wurde er lieber Beamter. Und zwar oberster Umweltbeamter der Bundesrepublik – Leiter des Umweltbundesamtes, jener Behörde, die direkt dem Bundesumweltministerium untersteht.

Flasbarths Geschwindigkeit beim Tempolimit

Als solcher nahm er kein Blatt vor den Mund, um die Politik zu kritisieren. Für den Klimaschutz brauche Deutschland ein Tempolimit, forderte UBA-Chef Flasbarth. "Energieziel 2050: 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen" hieß das Konzept, dass er der Politik auftrug. Als er im Herbst 2013 den gerade fertig verhandelten schwarz-roten Koalitionsvertrag gelesen hatte, urteilte der UBA-Chef im Interview mit klimaretter.info ungewöhnlich offen: Das Kapitel zur Klimaschutzpolitik sei zu schwach

Trotz seiner Kritik bekam Flasbarth kurz darauf einen Anruf von der SPD. Und trotz seiner Kritik am Koalitionsvertrag sagte Flasbarth zu – und wurde in die Regierung der großen Koalition berufen, als Staatssekretär im Umweltministerium. klimaretter.info fragte den frisch gebackenen Staatssekretär: Kommt jetzt das Tempolimit? Der Politiker Flasbarth antwortete: "Ob das Tempolimit derzeit mehrheitsfähig ist, das wage ich zu bezweifeln."

In Paris muss Flasbarth jetzt alle überzeugen: Der neue Weltklimavertrag wird nur geschlossen, wenn alle 195 Vertragsstaaten und die EU zustimmen. Sein Auftrag ist zentral für Erfolg oder Misserfolg der Konferenz. Der Job seines Lebens.

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Jochen Flasbarth: Der 53-Jährige hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. (Foto: BMUB)

Also: "Wie gehts, Herr Flasbarth?" Auch in der Nacht zum Samstag war wieder Dauerverhandeln angesagt, ein neuer Weltklimavertrag ist noch nicht in Sicht. Auf durchschnittlich zwei Stunden Schlaf kommt der deutsche Staatssekretär. Zwar stoppelt Flasbarths Kinn, sein Gesicht ist grauer als sonst. Aber seine Augen funkeln. "Herr Flasbarth: Wie gehts Ihnen denn nun?" Wie im Tunnel bahnt sich Flasbarth den Weg, er wirkt abwesend, als ob er beim Wegbahnen nach der Lösung sucht. "Verzeihung", sagt Flasbarth, "ich muss da jetzt rein."

Hinter der Tür wartet Manuel Pulgar-Vidal, der Umweltminister Perus, ein anderer Unterhändler in Paris.

Aufgezeichnet von Nick Reimer

Andere von 45.000:

Daniel Reifsnyder, einer der Vorsitzenden der ADP-Gruppe
Gloria Ushigua, Aktivistin der Sapara in Ecuador
Reverend François Pihaatae, Mitglied der Delegation der Fidschi-Inseln
Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariates
Saúl Luciano Lliuya aus Peru, der Mann, der RWE verklagt
Werner Eckert, einer der besten deutschsprachigen Klimajournalisten
Pari Trivedi, junge Journalistin aus Neu-Delhi
Nozipho Mxakato-Diseko, Chefunterhändlerin der Entwicklungsländer
Bob Dudley, Chef des britischen Öl- und Gaskonzerns BP
Sascha Gabizon, Kämpferin für Frauenrechte
Annalena Baerbock, Klimapolitikerin der Grünen
Tony de Brum, Außenminister der Marshallinseln
Rowena Mathew, indische Solarpionierin

Redaktioneller Hinweis: Mehr als 45.000 Menschen hatten nach Angaben der UNO versucht, sich bei der COP 21 zu akkreditieren. Tatsächlich für das Konferenzparkett zugelassen wurden 30.000.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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