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Vom Fischer zum Weltretter

Das Porträt: Einer von 45.000

BildEs ist das größte diplomatische Treffen in der Menschheitsgeschichte: 45.000 Teilnehmer wollten sich für die 21. Weltklimakonferenz im Pariser Vorort Le Bourget akkreditieren. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: Tony de Brum, Außenminister der Marshallinseln.

Als Tony de Brum an diesem Mittwoch, es ist kurz vor 18 Uhr, aufs Podium steigt, ist ihm die Müdigkeit anzusehen. Die vergangenen zwei Tage hat der 70-jährige Außenminister der Marshallinseln mit endlosen Gesprächen verbracht. Doch er hat sich nicht eher ins Bett gelegt, bis die "Koalition der Ehrgeizigen" oder auf Konferenzenglisch die "High Ambition Coalition" beisammen war.

BildTony de Brum (Mitte) im Zentrum der internationalen Klimapolitik. (Foto: Susanne Götze)

Seine Augenringe sind dunkel, die Falten des 70-Jährigen scheinen noch tiefer und seine Haare in den vergangenen Tagen noch grauer geworden. Doch seine Muschelkette hat de Brum wie immer um den Hals gelegt – sie soll ihn vor Unheil schützen, erklärt er, und ihm Glück und Wohlergehen bringen.

Der Minister des kleinen Inselstaats hat sich über Nacht ins Zentrum der Klimadiplomatie katapultiert. Auf seine alten Tage ist Tony de Brum noch einmal ein gefragter Mann. Für manche ist er sogar ein Held. Rechts und links von ihm sitzen Minister und Unterhändler der USA, der EU, aus Deutschland, Mexiko, Kolumbien und Gambia. De Brum erhebt als erster das Wort und verkündet stolz: "Wir sind die Allianz für ein ehrgeiziges Abkommen!"

All die schlaflosen Nächte – das tut er für die Jugend, denn "es ist nicht gerade ein Spaß zu sehen, dass die jungen Menschen heute Angst vor dem Meer haben", sagt de Brum, dessen Heimat akut vom Meeresspiegelanstieg bedroht ist. "Das ist die wichtigste Reise meines Lebens – komme ich ohne Vertrag zurück, ist das für mich eine persönliche Niederlage", so der Minister im klimaretter.info-Interview.

Wegen Atombomben-Versuchen schwieriges Verhältnis zu USA

In seiner Jugend gab es die Bedrohung des steigenden Meeresspiegels noch nicht. Dafür die Angst vor einer anderen globalen Gefahr: der atomaren Aufrüstung. Als Neunjähriger erlebte de Brum eine der größten atomaren Explosionen der Menschheitsgeschichte – er war gerade mit seinem Großvater beim Fischen. Ein Grund für die schwierigen Beziehungen zur USA sind die Atom- und Wasserstoffbombentests, die das US-Militär in den 1960 Jahren auf dem Bikini- und Eniwetok-Atoll durchführte. "Noch Jahrzehnte später leiden wir unter Krankheiten und Todesfällen – auch Milliarden Dollar können das nie wiedergutmachen."

Auch wenn de Brum für den Klimaschutz nun mit den USA an einem Tisch sitzt, sein Verhältnis zu den ehemaligen Besatzern war nicht immer so gut. Für seine kritische Haltung musste er 2009 sogar sein Amt räumen, bevor er im März 2014 zum dritten Mal zum Außenminister der pazifischen Republik ernannt wurde. Kurz danach verklagten die Marshallinseln die neun großen Atommächte, darunter Frankreich und die USA. Diese hielten sich nicht an den Atomwaffensperrvertrag.

BildDer 70-Jährige hat die Energie, einen langwierigen und anstrengenden Weltklimagipfel durchzustehen. Er tue es für die Jugend seines Landes, sagt Tony de Brum. (Foto: Susanne Götze)

Den US-Außenminister John Kerry nennt er auf der COP 21 trotzdem "einen guten Freund". Auch die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks zählt er dazu. Kurz vor seinem großen Auftritt in Paris nahm de Brum in Genf den Alternativen Nobelpreis entgegen. "Er hat nie aufgegeben, nie sein Gesicht verloren und sein Engagement hat mich tief bewegt – ich bin stolz, dich einen Freund nennen zu dürfen", so Hendricks in ihrer Laudatio.

Wenn der Weltretter nächste Woche in seine Heimat zurückfliegt, kann er sich endlich richtig ausschlafen. Denn seine Regierung wurde in der Zwischenzeit abgewählt und Tony de Brums Zeit als Minister ist deshalb im Januar vorbei. Darüber scheint er jedoch nicht böse zu sein: "Die Wähler wissen es immer besser – ich bin wahrscheinlich einfach zu alt und es ist Zeit, endlich wieder auf Fischfang zu gehen."

Aufgezeichnet von Susanne Götze

Andere von 45.000:

Daniel Reifsnyder, einer der Vorsitzenden der ADP-Gruppe
Gloria Ushigua, Aktivistin der Sapara in Ecuador
Reverend François Pihaatae, Mitglied der Delegation der Fidschi-Inseln
Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariates
Saúl Luciano Lliuya aus Peru, der Mann, der RWE verklagt
Werner Eckert, einer der besten deutschsprachigen Klimajournalisten
Pari Trivedi, junge Journalistin aus Neu-Delhi
Nozipho Mxakato-Diseko, Chefunterhändlerin der Entwicklungsländer
Bob Dudley, Chef des britischen Öl- und Gaskonzerns BP
Sascha Gabizon, Kämpferin für Frauenrechte
Annalena Baerbock, Klimapolitikerin der Grünen

Redaktioneller Hinweis: Mehr als 45.000 Menschen hatten nach Angaben der UNO versucht, sich bei der COP 21 zu akkreditieren. Tatsächlich für das Konferenzparkett zugelassen wurden 30.000.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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