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Die Lichtbringerin

Das Porträt: Eine von 45.000

BildEs ist das größte diplomatische Treffen in der Menschheitsgeschichte: 45.000 Teilnehmer wollten sich für die 21. Weltklimakonferenz im Pariser Vorort Le Bourget akkreditieren. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: Rowena Mathew, die abgelegenen indischen Dörfern Solarstrom bringt.

In diesen Wochen bringt Rowena Mathew den Strom nach Fakirtoli-Koreyan. Das 5.000 Einwohner-Dorf liegt in Bihar, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, der regelmäßig von heftigen Monsunregen heimgesucht wird.

BildRowena Mathew will dafür sorgen, dass Indiens Energiehunger nicht mit fossilen Energien gestillt wird, sondern mit Solarenergie. (Foto: Benjamin von Brackel)

Ein Teil von Fakirtoli-Koreyan ist noch nicht elektrifiziert. Wenn es gegen 18 oder 19 Uhr dunkel wird, ziehen sich die Bauern in ihre Häuser zurück. Vor allem Frauen haben Angst um ihre Sicherheit. Geschäfte müssen schließen und die Arbeit muss eingestellt werden. Nur ein paar Dieselgeneratoren und Kerosinlampen liefern ein wenig Energie.

Rowena Mathew will das ändern. Die 25-jährige Vizechefin des indischen Energieunternehmens Development Alternatives aus Neu-Delhi war vor drei Wochen zuletzt in Fakirtoli-Koreyan. Ihre Firma hat dort ein kleines 30-Kilowatt-Solarkraftwerk und ein Stromnetz für das Dorf aufgebaut. Die örtlichen Unternehmen bekommen von morgens 9 Uhr bis abends 18 Uhr Strom, die privaten Haushalte vor allem, wenn es dunkel ist.

Ein Europäer kann sich schwer vorstellen, wie das ist: nach Jahrzehnten das erste Mal regelmäßig Strom zu haben und das auch nachts. "Sie sind sehr froh", sagt Mathew. "Besonders beliebt sind Handys, sie sind aber auch ganz scharf auf Fernseher." Selbst Computer haben inzwischen ihren Weg ins Dorf gefunden. Mathew hat ein kleines Übungszentrum eingerichtet. Dort lernen die Einwohner, mit Programmen wie Word umzugehen. 3.000 der 5.000 Dorfbewohner haben inzwischen Strom.

Solaranlagen sind zuverlässiger als das Stromnetz

Das Dorf steht für den gewaltigen Hunger nach Energie in Indien. 300 Millionen Menschen haben noch keinen Zugang zum Stromnetz, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Steigt die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten um weitere Milliarden und können zugleich immer mehr Menschen ihren Lebensstandard steigern, wie in den vergangenen beiden Dekaden in China, dann steht die Welt vor einem Problem: Sie braucht ungeheure Mengen an Energie.

Um die Nachfrage in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu befriedigen, haben diese in der Vergangenheit vor allem auf Kohle gesetzt. Doch sollten die Entwicklungsländer diesen Pfad der Industrienationen kopieren, wäre der Kampf gegen den Klimawandel schon verloren und das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, erst recht außer Reichweite.

Rowena Mathew versucht im Kleinen, einen Weg zur Lösung des doppelten Problems von Energiearmut und Klimawandel zu finden. Sie überzeugt Unternehmen und Privatleute, ihre lauten und dreckigen Dieselgeneratoren gegen Solaranlagen zu tauschen. Solarstrom sei zwar etwas teurer als der Strom aus dem Netz, sagt Mathew, aber er stehe oftmals verlässlicher als dieser zur Verfügung. Aus dem Netz komme an manchen Tagen nur sechs Stunden Strom, an anderen vier, mal aber auch nur zwei. Verlässlichkeit gibt es keine.

"CCS ist keine Lösung für Indien"

Von einer Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit ihren autarken Solarnetzen ist Mathew natürlich noch weit entfernt. Zwar gibt es an 270 Tagen pro Jahr Sonne, doch für die restlichen braucht es Speicher. Lithium-Ionen-Batterien aus Frankreich hat sie schon im Einsatz, aber die kommen an die Grenzen ihrer Kapazität. Insgesamt erreichen ihre 27 Solarkraftwerke und fünf Biomasse-Anlagen 21.000 Haushalte und 540 Unternehmen in vier Bundesstaaten. Auch zwölf Mobilfunktürme ziehen den Strom aus den Solaranlagen.

Eine Antwort auf die Frage, wie sich der Strom besser speichern lässt und wie sich das Modell der Micro-Grids verbreitern lässt, sucht die Inderin an einem kühlen Dezembertag auf der UN-Klimakonferenz in Paris in einem voll besetzen Raum auf dem Konferenzgelände.

Dort haben sich auf dem Podium Ingenieure und Chemiker aufgereiht, die erklären wollen, mit welchen Technologien die Welt ihre Kohle- und Gaskraftwerke ablösen kann, um im Kampf gegen den Klimawandel zu siegen. Die Antworten: mehr Wind-, Sonnen- und Bioenergie, mehr Energieeffizienz. Aber selbst das würde noch nicht reichen.

Bild300 Millionen Inder haben noch keinen sicheren Zugang zum Stromnetz. (Foto: Abbie Trayler-Smith/Panos/DFID/Flickr)

Irgendwann in diesem Jahrhundert, so die Experten, müssten die Emissionen sogar unter Null sinken, denn auch in strikten CO2-Einsparszenarien wird die 1,5-Grad-Grenze um das Jahr 2050 herum überschritten. Große Mengen an Treibhausgasen müssten dann der Atmosphäre wieder entzogen werden. Dazu gibt es vor allem zwei Möglichkeiten: Weltweite Aufforstungen und die bisher kaum erprobte Risikotechnologie CCS, bei der Kohlendioxid unterirdisch eingelagert werden soll.

Nach einer Stunde meldet sich Mathew und fragt, welche Technologien für Mikronetze wie die ihrer Firma anwendbar wären. Die Antworten fallen spärlich aus, die Redner konzentrieren sich auf vor allem auf CCS. Am Ende geht sie auf die Experten zu und verteilt ihre Visitenkarte mit dem grünen Stern darauf. Eigentlich möge sie das nicht, das Netzwerken, sagt sie. Aber sie wolle ihr Unternehmen und ihr Konzept voranbringen.

Gigantische Solarparks bringen nichts für die Dörfer

Zufrieden ist sie nach der Veranstaltung allerdings nicht. Etwa mit der Präsentation von CCS als der Lösung für das Klimaproblem. "Das ist vielleicht sinnvoll für Länder, die von einem hohen CO2-Niveau auf ein niedriges kommen wollen", sagt sie. "Für einen Großteil Indiens, in dem kaum CO2 emittiert wird, passt das nicht."

Stattdessen hofft Mathew, die sich selbst als Technokratin beschreibt, dass die Industrieländer hier in Paris Indien Hilfe beim Aufbau der Ökoenergien zusichern – also Technologietransfer und Risikokapital anbieten. Denn noch decke Indien zwei Drittel seines Strombedarfs mit fossilen Energiequellen – Kohle sei für die Energieversorgung der "Normalfall". Die bisherigen gigantischen Solarparks würden vor allem den Städten zugute kommen und denen, die schon am Netz angeschlossen seien. Es gibt also noch viel zu tun für Rowenta Mathew.

Aufgezeichnet von Benjamin von Brackel

Andere von 45.000:

Daniel Reifsnyder, einer der Vorsitzenden der ADP-Gruppe
Gloria Ushigua, Aktivistin der Sapara in Ecuador
Reverend François Pihaatae, Mitglied der Delegation der Fidschi-Inseln
Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariates
Saúl Luciano Lliuya aus Peru, der Mann, der RWE verklagt
Werner Eckert, einer der besten deutschsprachigen Klimajournalisten
Pari Trivedi, junge Journalistin aus Neu-Delhi
Nozipho Mxakato-Diseko, Chefunterhändlerin der Entwicklungsländer
Bob Dudley, Chef des britischen Öl- und Gaskonzerns BP
Sascha Gabizon, Kämpferin für Frauenrechte
Annalena Baerbock, Klimapolitikerin der Grünen
Tony de Brum, Außenminister der Marshallinseln

Redaktioneller Hinweis: Mehr als 45.000 Menschen hatten nach Angaben der UNO versucht, sich bei der COP 21 zu akkreditieren. Tatsächlich für das Konferenzparkett zugelassen wurden 30.000.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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