Das Gewissen auf dem Klo

Das Porträt: Eine von 45.000

BildEs ist das größte diplomatische Treffen in der Menschheitsgeschichte: 45.000 Teilnehmer wollten sich für die 21. Weltklimakonferenz im Pariser Vorort Le Bourget akkreditieren. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: die Künstlerin Teresa Borasino.

Im Pariser Flughafen Le Bourget laufen viele mit großen Taschen herum. Hier, wo die Minister der UN-Staaten gerade ein neues Weltklimaabkommen aushandeln, brauchen die meisten ihren ganzen Arbeitsplatz ständig direkt am Körper: Laptop, aktueller Vertragsentwurf, Notizbuch, Kamera, Kabelage für die ganze Technik und, und, und. In Teresa Borasinos riesigem Jutebeutel findet sich nichts davon. Er enthält Toilettenpapier. Stapelweise. Die 37-Jährige ist nicht etwa Reinigungskraft auf dem Weltklimagipfel, sie ist Künstlerin.

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Teresa Borasino verteilt das bedruckte Toilettenpapier auf den WCs in Le Bourget. (Foto: Schwarz)

Das Papier ist mit dem letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC bedruckt. Löst man das erste Blatt, tun sich wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel, zu möglicher oder unmöglicher Anpassung an ihn und zum Klimaschutz auf.

Es ist Nachmittag an irgendeinem Tag des Weltklimagipfels. Borasino stellt die "IPCC-Rollen" in die Badezimmer von Le Bourget. Schon seit Stunden ist sie in den weitläufigen Hallen des Konferenzzentrums in dem Pariser Vorort unterwegs, um keines auszulassen. "Nur die Männerklos sind noch nicht so gut bestückt, ich werde nicht immer hineingelassen", erzählt sie.

Seit zwei Jahren arbeitet Borasino sich mit Kunst am Klimawandel ab, vor dem Weltklimagipfel in Lima vergangenes Jahr war sie an der Gründung des Künstlerkollektivs "Futuro Caliente" – "heiße Zukunft" – beteiligt. "Der Veränderungen beim Weltklima sind deutliche Symptome tiefliegender, gesellschaftlicher Probleme", begründet sie die Wahl ihres Sujets. "In einem Wort: des Kapitalismus", erklärt die Peruanerin, die seit ihrem Kunststudium in Amsterdam in der niederländischen Hauptstadt lebt und auch als Grafikdesignerin arbeitet. "Dieses Wirtschaftssystem beutet Menschen und Natur immer weiter aus", sagt sie.

Borasino spricht sehr bedacht. Wenn ihr auf eine Frage spontan keine Antwort einfällt, hält sie kurz inne, zwirbelt eine aus dem Pferdeschwanz heraushängende Strähne ihres Haares. Ob es in den Klimaverhandlungen gerade gut laufe? "Nein", sagt Borasino schlicht. Sie zwirbelt wieder, dann holt sie aus. "Mir geht es hier zu oft um technische Details, um die neue grüne Wirtschaft", erläutert sie. "Dafür werden wichtige Themen wie Menschenrechte und Gerechtigkeit kaum beachtet."

"Ich inflitriere den Klimagipfel"

Bewusst hat Teresa Borasino keine politische Kampfschrift ausgewählt, um das Toilettenpapier zu schmücken, sondern eben den IPCC-Bericht. "Kaum ein Politiker sagt von sich, dass er der Wissenschaft widerspricht", erklärt sie. Indem sie aber nicht genug unternehmen würden, um den gefährlichen Klimawandel aufzuhalten, täten sie es effektiv doch, findet die Künstlerin. "Give a shit!" – der Name der Klopapier-Aktion – heißt so viel wie "Lass es dir nicht egal sein!" Außerdem symbolisiere es, sagt Borasino, dass der Politik "offenkundig die Wissenschaft am Arsch vorbeigeht".

Dass sie mit ihrer Aktion die Verhandlungen beeinflusst, glaubt Barosino nicht. "Das schaffen ja schon viele große Organisationen nicht", meint sie gelassen. "Kunst ist jedoch ein Werkzeug, um die Menschen Probleme aus einer anderen Perspektive betrachten zu lassen", sagt Borasino. Klimawandel – nicht wie jeden Tag in den Nachrichten, nicht auf dem Verhandlungsparkett, nicht auf wissenschaftlichen Tagungen. Sondern eben auf dem Klo. "Ich infiltriere den Klimagipfel", meint die Künstlerin. "Es läuft hier alles ganz rigide in geordneten Bahnen, Sicherheitsleute kontrollieren jeden Atemzug – die Klopapierrollen sind kleine, unvorhergesehene Störfaktoren."

"Give a shit!" ist auf die Beteiligung des Publikums angewiesen. "Ich mache partizipative Kunst", so Borasino. In hunderten Toilettenkabinen auf einmal zum festgelegten Zeitpunkt das bedruckte Klopapier auftauchen zu lassen, das geht natürlich nicht allein. Die Künstlerin streift deshalb an Vormittagen durch die Züge nach Le Bourget und spricht Konferenzteilnehmer an, um ihnen wenig später mit ein paar Anweisungen eine Rolle in die Hand zu drücken. So kommen die Kunstwerke in hunderten Taschen und Händen an den Schauplatz der Konferenz und an dessen Toiletten. Barosino selbst verteilt nach und nach um die 300 Rollen.

Die subtile Aktion kommt gut an, zumindest nach allem, was die Künstlerin hört – das Publikum ist schließlich meist unbeobachtet, wenn es auf die Aktion stößt. "Beim Verteilen des Papiers habe ich sogar versehentlich ein IPCC-Mitglied angesprochen", erzählt sie. "Die Frau sagte, sie könne die Rolle wegen ihrer Position nicht annehmen, finde die Aktion aber toll."

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Auch auf dem Alternativgipfel zur COP 21 stellt Teresa Borasino neben anderen Künstlern ihre Werke aus – die Klimaaktivisten haben alles um Zäune aus Maschendraht herum aufgestellt oder aufgehängt. (Foto: Schwarz)

Finanziert hat Teresa Borasino den Druck teils selbst, teils durch eine Crowdfunding-Kampagne. Zwar ist die COP 21 der Hauptfokus von "Give a shit!", beendet soll die Aktion mit dem Gipfel aber nicht sein. Auf der Website zum Projekt kann jeder Rollen bestellen. "Die sollen die Leute am besten gleich in die Büros von solchen Politikern schicken, die den IPCC-Bericht noch einmal gründlich lesen sollten."

Jetzt muss sie los, "den Rest vom Toilettenpapier verteilen, bevor am Abend alle gehen". Sie schnappt sich die große Jutetasche und biegt in den nächsten Flur ein. Dort ist noch eine Toilette, die sie seit Tagen nicht mehr "beliefert" hat.

Aufgezeichnet von Susanne Schwarz

Andere von 45.000:

Daniel Reifsnyder, einer der Vorsitzenden der ADP-Gruppe
Gloria Ushigua, Aktivistin der Sapara in Ecuador
Reverend François Pihaatae, Mitglied der Delegation der Fidschi-Inseln
Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariates
Saúl Luciano Lliuya aus Peru, der Mann, der RWE verklagt
Werner Eckert, einer der besten deutschsprachigen Klimajournalisten
Pari Trivedi, junge Journalistin aus Neu-Delhi
Nozipho Mxakato-Diseko, Chefunterhändlerin der Entwicklungsländer
Bob Dudley, Chef des britischen Öl- und Gaskonzerns BP
Sascha Gabizon, Kämpferin für Frauenrechte
Annalena Baerbock, Klimapolitikerin der Grünen

Redaktioneller Hinweis: Mehr als 45.000 Menschen hatten nach Angaben der UNO versucht, sich bei der COP 21 zu akkreditieren. Tatsächlich für das Konferenzparkett zugelassen wurden 30.000.

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Alle Beiträge zur COP 21 in Frankreich

finden Sie in unserem Paris-Dossier

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