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Nackte Kaiser und unwürdiges Theater

Wenn in einem Jahr bei der Klimakonferenz in Paris herauskommt, was jetzt absehbar ist, hat das mit wirksamer Klimapolitik wenig zu tun. Deshalb ist es an der Zeit, Kohlezüge zu stoppen, Solaranlagen zu bauen und nichtmaterialistische Werte zu entwickeln. Teil 4 der Serie "Was Lima wert ist".

Ein Standpunkt von Hermann Ott

BildWarnung: Der folgende Text enthält explizit deutliche Sprache ohne ansonsten übliche gesellschaftliche Filter. Er ist auch keineswegs von wissenschaftlicher Objektivität geleitet, sondern dient vor allem dem "Dampfablassen" des Autors. Dieser übernimmt keine Verantwortung für eine eventuell verursachte Beeinträchtigung des Wohlbefindens hochsensibler Gemüter – doch er übernimmt eine höchst persönliche Verantwortung für den Inhalt.

Diese UN-Klimadiplomatie ist eine einzige grobe Beleidigung für jeden Klimaschützer. Worüber wird da verhandelt? Über "Intended Nationally Determined Contributions" (INDCs), also "beabsichtigte nationalstaatlich festgelegte Beiträge" zum Klimaschutz. Versteht das jemand? Und wenn es Leute gibt, die das verstehen, warum schreien die dann nicht? Warum steht denn keiner auf und brüllt: "Der Kaiser ist ja nackt!"

Zum 20. Mal lief jetzt in Lima diese Show über die Bühne, und zum gefühlten hundertsten Mal hat die Konferenz wieder überzogen, damit auch dieser COP-Präsident sein Erweckungserlebnis hatte (nach eigener Aussage hat der peruanische Umweltminster Manuel Pulgar-Vidal in diesen zwei Wochen mehr gelernt als in seinem ganzen Leben davor ...).

Unverbindlicher geht es gar nicht mehr

Wenn es dabei wenigstens um etwas ginge! Gern erinnert sich der Autor an die durchwachte Nacht in Kyoto 1997, an dessen Ende das Protokoll stand, ein zwar nicht optimales, aber doch genügend deutliches Zeugnis dafür, dass die Menschheit gewillt war, den Klimawandel mit recht drastischen Mitteln – einer verbindlichen Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen durch jeden Industriestaat! – aufzuhalten.

Und womit verschwenden diese Konferenzen heute unsere kostbare Zeit? Längst geht es nicht mehr um verbindliche Verpflichtungen, deren Ausmaß sich an den ökologischen Grenzen beziehungsweise dem Zwei-Grad-Ziel orientiert. Nein, diese INDCs sind eine moderne Variante des 1997 von Japan eingebrachten Konzepts des "pledge and review": Jeder Staat verspricht, was er meint leisten zu können, und nach dem Stichdatum wird geprüft, ob diese Leistungen tatsächlich erbracht worden sind.

Wenn es wenigstens das wäre – aber es ist noch schlimmer. Es geht nur noch um ein "pledge ohne review": Weil sich eine unheilige Allianz von Staaten in Vorstellungen staatlicher Souveränität des 19. oder höchstens des frühen 20. Jahrhunderts befindet, wo der Souverän nicht von anderen beurteilt werden darf, lehnen diese eine Überprüfung der Einhaltung ihrer Versprechungen rundheraus ab!

Deshalb sind die Verhandlungen beim völlig unverbindlichen "pledge and chat" angelangt, wie es manche Verhandler hinter vorgehaltener Hand sagten. Ich würde es noch weitergehend "pledge and see what happens" nennen: Wir versprechen was, und dann schau'n wir mal, was passiert.

Nicht nur der Kaiser, das ganze Ensemble ist nackt

Was soll das? Das soll Klimapolitik sein? Hat das noch irgendwas mit verantwortlicher Politik zu tun? Das ist doch, bitte entschuldigen Sie, ein unwürdiges Schauspiel – nicht nur mit einem nackten Kaiser, sondern mit einem ganzen nackten Ensemble!

Und alle spielen mit. Selbst die kleinen Inselstaaten mucken nicht wirklich auf, sondern konzentrieren sich auf finanzielle Kompensation für den drohenden Untergang. Und die etablierten NGOs, die "Nichtregierungsorganisationen", kommentieren geschäftig alle noch so verästelten Textergüsse der Verhandler, während ihre Jugendorganisationen dramatische Die-ins oder Lie-ins aufführen.

Oh ja, Realpolitik, mehr ist nicht drin, sorry, und wir müssen wenigstens das in Paris noch zu einem guten Ende bringen, sonst erreichen wir vielleicht gar nichts ...

Mal ernsthaft: Wenn das, was jetzt absehbar ist, in einem Jahr in Paris herauskommt, dann hat das nur sehr entfernt etwas mit wirksamer Klimapolitik zu tun. Deshalb ist es Zeit, dieses absurde Schauspiel zu beenden.

Nicht nach oben schauen, sondern nach vorn

Nein, halt, damit meine ich nicht, dass es überhaupt keine UN-Klimakonferenzen mehr geben sollte, die haben schon auch ihre wichtigen Funktionen. Ich meine, wir müssen aufhören so zu tun, als ob dies die Antwort der Welt auf die Klimakrise sein kann.

Schluss mit dem Theater! Betrachten wir das UN-Klimaregime als ein – wichtiges – Forum für Verständigung über wissenschaftliche, wirtschaftliche und technologische Fragen auf globaler Ebene und tun ansonsten das, was die Klimapolitik wirklich voranbringt: Legen uns vor die Kohlezüge (nie wieder soll ein Kohlezug ungestört durch Deutschland fahren können!),bauen mit Gleichgesinnten massenhaft Wind- und Solaranlagen, verzichten auf Fleisch und Flüge und entwickeln neue, nichtmaterialistische Werte (die wir auch leben!) für ein Wirtschaftssystem, das ohne exponentielles Wachstum auskommt. Und auf der internationalen Ebene verwenden wir einen Teil unserer Ressourcen darauf, uns außerhalb des Regimes mit den Vorreitern in Nord und Süd zusammenzutun, statt uns von Saudis, Amis, Russen, Chinesen oder wem auch immer ausbremsen zu lassen ...

So, das hat gut getan. Ich wünsche allen frohe Festtage!

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Vilhelm Pedersen illustrierte als erster das bekannte Märchen, das Hans Christian Andersen vor 180 Jahren schrieb. Ihre Heimat Dänemark ist heute ein Vorreiterstaat der Energiewende. (Illustration: Wikimedia Commons)

Der Jurist Hermann Ott ist Experte für globale Nachhaltigkeits- und Wohlfahrtsstrategien im Berliner Büro des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Er leitete fünf Jahre die Abteilung Klimapolitik des Instituts, war dann Bundestagsabgeordneter der Grünen und Mitglied der Enquetekommission "Wachstum, Wohlstand , Lebensqualität".

Lesen Sie auch den Kommentar von klimaretter.info-Korrespondent Christian Mihatsch zum Ergebnis von Lima: "Viel besser als nichts"


Die klimaretter.info-Serie: Was Lima wert ist

Teil 1 – Joachim Wille: Kein prima Klima
Teil 2 – Hubert Weiger: Realer Klimaschutz ersetzt Diplomatie 
Teil 3 – Eva Bulling-Schröter: Radikales Umdenken statt Selbstlüge

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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

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