Kein prima Klima

Die Bilanz der 20 Weltklimagipfel von Berlin über Kyoto und Kopenhagen bis Lima ist verheerend. In der Atmosphäre befindet sich so viel CO2 wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. In Lima ging es nur um Nebenschauplätze. Teil 1 der Serie "Was Lima wert ist".

Eine Analyse von Joachim Wille

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Prima Klima in Lima – das war eine vergebliche Hoffnung. Nicht weniger als 20 Klimagipfel hat die Welt seit 2005 erlebt, den bisher letzten jetzt in Perus Hauptstadt. Und mehr als zwei Jahrzehnte ist es her, seitdem auf dem Rio-Erdgipfel die UN-Klimakonvention aus der Taufe gehoben wurde.

Darin versprachen die Staats- und Regierungschefs fast aller Länder der Welt, "eine gefährliche menschengemachte Störung des Klimasystems" zu verhindern. Doch die Bilanz der 20 Gipfel, von Berlin über Kyoto und Kopenhagen bis Lima, ist verheerend. Der jährliche Ausstoß der Treibhausgase ist seit Rio nicht gesunken, sondern um über 60 Prozent angestiegen. Er hat 2013 ein neues Rekordniveau erreicht. In der Atmosphäre befindet sich so viel CO2 wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Und wenn die Trendwende nicht bald gelingt, ist das auf dem Klimagipfel in Cancún 2010 aufgestellte Zwei-Grad-Limit der Erderwärmung nicht mehr zu halten.

Der Lima-Gipfel folgte trotz positiver Vorzeichen dem Muster aller bisherigen Klimakonferenzen. Zwei Wochen mit hohem Problembewusstsein, eindringlichen Appellen, zähen Verhandlungen und einer Hängepartie bis zum Schluss. Die Delegierten einigten sich auf einen Minimalkompromiss, der die Hauptfragen offenließ. Gemessen an dem, was notwendig wäre, ist der Gipfel gescheitert.

Dabei ging es hier nicht einmal ums Eingemachte. Lima sollte ja nur den nächsten Gipfel in Paris Ende 2015 vorbereiten. Erst das geplante "Paris-Protokoll" wird festlegen, wie ehrgeizig Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer den Klimaschutz nach 2020 vorantreiben werden und ob sie endlich auf die Emissionsbremse treten. In Lima musste noch kein Staat konkrete CO2-Reduktionen und Anpassungsmaßnahmen zusagen.

Verlorenes Jahrzehnt

Dort stritt man sich vielmehr um Fragen wie die, welche Kriterien denn für die bis Ende März vorzulegenden Ziele gelten sollten. Vergleichbar, gut überprüfbar, völkerrechtlich verbindlich – oder nichts davon. Und darüber, ob nur CO2-Ziele oder auch solche für Finanzhilfen und Klima-Anpassung in dem neuen Protokoll stehen sollen. Das bleibt weiter unklar.

Bereits zweimal endeten Klimagipfel im Chaos. Zuerst 2000 in Den Haag, als ein kleine Gruppe Umweltminister die Konferenz platzen ließ, weil ihr die Ergebnisse zu mager erschienen. Dann 2009 in Kopenhagen, als schon einmal ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll beschlossen werden sollte. Die Weltenlenker, darunter US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel, schafften keine Einigung. Sie fuhren ohne neues Protokoll nach Hause – fast ein ganzes verlorenes Jahrzehnt für den Klimaschutz war und ist die Folge.

Ein ähnliches Debakel wird es 2015 in Paris wohl kaum geben. Denn eine solche Blamage können die Regierungen sich nicht noch einmal leisten. Die Frage wird allerdings sein: Ist das "Paris-Protokoll" dann das Papier wert, auf dem es steht? Der Beinahe-Flop in Lima spricht dagegen, dass die maßgeblichen Politiker in den Industrie- und Schwellenländern die Dramatik der Lage tatsächlich erkannt haben.

Mit der EU, den USA und China haben die drei wichtigsten Player – mit zusammen 55 Prozent der Gesamt-Emissionen – ihre Ziele für die Zeit nach 2020 vorgelegt. Die überraschende, im Lima-Vorfeld verkündete gemeinsame Klima-Initiative von Washington und Peking wurde zwar als "Game-Changer" in der Klimadiplomatie gefeiert. Die beiden Erzkontrahenten, die sich in Sachen Klimaschutz immer gegenseitig blockiert hatten, traten erstmals gemeinsam auf.

Eine "grüne Lawine" lostreten

Doch die neue Einigkeit trug nicht weit. Zudem reichen die CO2-Reduktionsziele der "Big Three" keinesfalls aus, um eine gute Chance auf das Zwei-Grad-Ziel zu erhalten. Klimaforscher halten es für notwendig, dass die Industrieländer ihre Emissionen bereits bis 2025 um mehr als die Hälfte reduzieren. Davon ist selbst die EU weit entfernt, die "minus 40 Prozent CO2 bis 2030" beschlossen hat, von den USA ganz zu schweigen.

Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien müssten eine Trendumkehr vom CO2-Wachstum zum CO2-Absenkung spätestens 2025 erreichen. Doch selbst Chinas jüngste, so hoch gelobte Ankündigung besagt, dass Peking die Emissionen erst ab 2030 nach unten steuern will. Das bedeutet: Selbst bei geringeren als den bisherigen Wachstumsraten werden die Chinesen ihren CO2-Ausstoß bis dahin verdoppeln. Statt heute zehn Milliarden Tonnen werden es dann 20 Milliarden Tonnen sein – mehr als die Hälfte der derzeitigen globalen Emissionen.

Deswegen darf es keine Illusionen geben: Selbst wenn der Paris-Gipfel ein diplomatischer Erfolg wird, also kein "Kopenhagen II", kann er das Problem nicht lösen. Das Paris-Protokoll würde zwar sicherstellen, dass der Gesprächsfaden auf dem globalen Parkett nicht abreißt und auch die armen, besonders vom Klimawandel bedrohten Staaten ein Stimme behalten.

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Die peruanische Hauptstadt Lima, vor wenigen Tagen Schauplatz der bisher letzten Weltklimakonferenz. (Foto: Thomas S./Flickr)

Wirklichen Fortschritt können jedoch nur Vorreiterstaaten bringen, die schneller mit dem CO2-Sparen und der Klima-Finanzierung vorangehen, am besten, indem sie auch formelle Allianzen bilden. Wenn diese Länder, darunter Deutschland, zeigen, dass eine Ökonomie mit erneuerbaren Energien funktionieren kann und nachhaltigen Wohlstand ermöglicht, dann werden die anderen folgen. Das könnte eine "grüne Lawine" lostreten, die viel schneller läuft als "Kyoto" und "Paris".

Joachim Wille ist Redakteur bei klimaretter.info und betreut die Meinungsredaktion.

Lesen Sie auch den Kommentar von klimaretter.info-Korrespondent Christian Mihatsch zum Ergebnis von Lima: "Viel besser als nichts"


Die klimaretter.info-Serie: Was Lima wert ist

Teil 1 – Joachim Wille: Kein prima Klima
Teil 2 – Hubert Weiger: Realer Klimaschutz ersetzt Diplomatie 

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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier
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