WasserCOPf und Wasserpolizei

HACKS PINSELSTRICH

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(Alle Fotos: Andreas Pohlmann714)

Schon beim Frühstück in unserem Hotel in Lima fielen die Sherpas der COP-20-Delegierten – erkennbar an ihren Hundemarken, die sie stolz an hellblauen Halsbändchen trugen – durch lautes Palavern unangenehm auf. Während sich in der Stadt die morgendliche Dunstglocke hob, schoben sich die emsigen Kolonnen der Vorverhandler in die lärmenden Taxis. An jeder Kreuzung ein halbes Dutzend Uniformierte unterschiedlichster Polizeieinheiten, die freundlich und gelassen auf uns Gringos schauten.

Es geht um Geld

Die Stunde der Polizei kam endlich, als vor dem Marriott-Hotel am Strandabschnitt mit einem Überaufgebot plötzlich die gesamte Straße gesperrt wurde, um einem Tross fetter, schwarzer SUVs freies Geleit zu bieten – aus dem ein ebenso fetter kleiner Inselkönig mit seiner noch fetteren Frau nebst einem Fahrzeug mit Dutzenden Koffern unterwürfig ins Hotel geleitet wurden. Dass kurz die Autobahn der Zehn-Millionen-Stadt gesperrt wurde, konnte ich selbst erleben, als ein wichtiger COP-20-Teilnehmer mal eben durch die Stadt geschleust wurde. Vor den Fünf-Sterne-Hotels standen demonstrativ ein paar simulierte Betroffenheits- beziehungsweise Pseudo-Umwelt-Exponate. Man gibt sich heute gern öko. Während draußen die Wagen von Polizei und Chauffeurs mit laufendem Motor warten.

Der Wasserkopf der weltweiten Lösungsfindungssimulation für die immer drängenderen Fragen hat sich hier in Lima eingerichtet. Es geht um Kohle – äh – Geld. Genauer um die Frage: Wer bekommt wie viel für den Ausverkauf seiner Naturreserven? Wer zahlt an wen?

Währenddessen besetze ich erst einmal mit meinem Kollegen Andreas Pohlmann den Campus des Goethe-Instituts Lima und erkläre es zum "GLOBAL BRAINSTORMING EXPEDITION CAMP". Von hier aus stellen wir der Bevölkerung auf den Straßen die Frage, welches für sie das wichtigste Thema auf dem Klimagipfel ist. Unser Gastaufenthalt an der Escuela Nacional Superior Autónoma de Bellas Artes de Perú geht in genau dieselbe Richtung.

Was fehlt, ist eine Wasserpolizei, die – wie die anderen zahlreichen, mit bunten Westen geschmückten Polizisten für alles und jedes – sich für den Schutz und gegen die Verschwendung von Wasser einsetzt. Also übernehme ich diese Aufgabe und gründe die "POLICIA AGUA". Mit einer Gruppe von Akteuren, je mit einer Polizeiweste und einem Eimer ausgestattet, tragen wir Wasser durch die Stadt und kommen mit den Menschen in Berührung.

Auf der Straße ist der wahre Geist der COP zu spüren

Es zeigt sich, dass die Bevölkerung sehr wohl weiß, dass man Wasser nicht privatisieren darf. Dass da eine Menge falsch läuft. Allein: Es fehlt ein glaubwürdiger Anfang, Vertrauen, dass diese COP irgend etwas zum Besseren verändern wird. Einen Ausdruck dieses Misstrauens erlebe ich, als ich vor dem Museo Metropolitano mit meinen peruanischen Kunststudenten mein Klimaflüchtlingszelt aus "Bewohnbaren Bildern" aufbaue. Ich wundere mich schon, solch ein Aufgebot Dutzender Polizisten in Straßenkampfmonitur vor meinem Kunstprojekt zu sehen.

Doch plötzlich ist nicht mehr zu übersehen, wem das Polizeiaufgebot eigentlich gilt. Tausende Menschen tragen in wütender Entschlossenheit ihren Amazonas in Form eines Hunderte Meter langen und zehn Meter breiten Tuchs durch die Stadt: "Das Wasser gehört uns – Hände weg von den Wasserrechten!" Mit meiner "POLICIA AGUA" reihe ich mich ein in den Fluss, getragen von indigenen Stämmen und bunten Menschengruppen verschiedenster Herkunft. Hier spüre ich den wahren Geist der COP, den Willen zum Handeln.

BildIch habe keine Lust, mir den inszenierten Simulationsgipfel vor Ort im alten peruanischen Kriegsministerium (ein Geschenk der DDR an die Militärdiktatur) anzutun. Alle werden sagen, das war ein wichtiger Meilenstein für Paris. Hört sich ja auch blöd an, zu sagen "außer Spesen nix gewesen".

Wie viele COPs denn noch?

Wie viele COPs brauchen wir noch und wie viel wird dann zum Beispiel noch von dem Gletscher übrig sein, der die gesamte Wasserversorgung für Lima sicherstellt? Ein Viertel ist in den letzten Jahrzehnten schon weggeschmolzen. Die FAZ fragt: Was kostet ein Gletscher? Ich frage: Wo kann man einen neuen kaufen?

Die Direktorin des Museums, in dem ich ausstelle, ist schwanger. Im Februar wird sie ein Mädchen zur Welt bringen. Eine Schwangerschaftsdauer später wird die nächste COP in Paris stattfinden. Bis dahin wird der Gletscher schon wieder um einiges geschmolzen sein. Der Wasserkopf des Klimagipfels wird sein tiefes Bedauern aussprechen und darlegen, warum das alles so kompliziert ist und dass man so schnell nichts unternehmen kann. Aber wer will das jetzt schon wissen – jetzt ist erst mal Weihnachten.

Stille Nacht!

BildHermann Josef Hack ist Maler und Aktionskünstler

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