Klimakonferenz feiert sich

BildDie COP 20 hat das Lima-Papier beschlossen. Damit gibt es erste Elemente eines neuen Klimavertrages. Was sie wert sind, wird sich erst zeigen, wenn die Staaten der Welt im März ihre freiwilligen CO2-Reduktionsziele bei der UNO gemeldet haben.

Aus Lima Angelina Davydova, Benjamin von Brackel und Nick Reimer

Von Manuel Pulgar-Vidal fällt eine Last ab. Sein Text ist gerade angenommen worden, um 1.22 Uhr in der Nacht zum Sonntag. Standing Ovations im Saal. Ursprünglich sollte die Klimakonferenz in Lima schon seit 32 Stunden beendet sein. "Als ich heute morgen aufgewacht bin", sagt der Konferenzpräsident mit einem breiten Grinsen, "da wusste ich: Wir können es schaffen, wir können es besser schaffen, wir können es transparenter schaffen." Nach elf Uhr abends hatte er einen neuen Textentwurf angekündigt und den Delegierten eine Stunde Zeit gegeben, ihn zu studieren. Kurz nach ein Uhr ging dann alles ganz schnell – der "Lima Call for Climate Action" passierte das Plenum.

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"Öl-Baron" und EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete (Mitte) klatscht: Konferenzpräsident Manuel Pulgar-Vidal hat soeben den Beschluss zum Lima-Agreement verkündet. (Foto: Reimer)

Der Text ist der Entwurf für das neue Klimaabkommen, das in einem Jahr in Paris unterschrieben werden soll. "Es war nicht einfach, nach diesen Verhandlungen mit einem Erfolg zu landen", erklärte Todd Stern, der Chefunterhändler der USA. "Jetzt haben wir aber ein Abkommen, das im Frühjahr mit den Reduktionspflichten der Länder mit Leben erfüllt werden kann." Im März sollen alle Staaten der Welt ihre freiwilligen Selbstverpflichtungen zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen bei den Vereinten Nationen eingereicht haben.

Am Vormittag hatte vor allem die Intervention von Schwellen- und Entwicklungsländern zu einer Verhandlungsunterbrechung geführt. "Es gab letzte Nacht wirklich schlimme Momente", sagte der Verhandlungsführer Malaysias. Er hatte im Namen der sogenannten "Gruppe der Gleichgesinnten" verlangt, im zur Debatte stehenden vierseitigen Dokument bei den Rechten und Pflichten stärker nach Industrie- und Entwicklungsländern zu differenzieren. Daraufhin war der Text weiter verwässert worden.

Ein Grundgerüst für den "Paris-Vertrag"

Um einen Schritt auf einige Entwicklungsländer zuzugehen, war der Punkt "Schäden und Verluste" in den Text aufnommen worden, was die USA bis dato immer strikt abgelehnt hatten. Neu im Text sind auch ein Paragraf zur Anpassung an den Klimawandel und die Anerkennung des Prinzips der "gemeinsamen, aber geteilten Verantwortung" in einem möglichen Klimaabkommen 2015. Der Punkt ist vor allem China, Indien und anderen "Gleichgesinnten" wichtig. Auf der anderen Seite sollen sich nun alle Länder zu jeweils eigenen Treibhausgas-Minderungszielen verpflichten, die sich an einer Reihe von Kriterien orientieren – so müssen die Länder etwa begründen, warum ihre jeweiligen Ziele "fair" und "ambitioniert" seien.

Jochen Flasbarth hatte sich mehr erhofft. Am Vormittag hatte der Staatssekretär im Bundesumweltministerium und deutsche Chefunterhändler noch von der Chance gesprochen, in Lima eine "Weichenstellung für eine neue zwischenstaatliche Ordnung der Welt" zu schaffen. Eine Welt, in der die Zweiteilung in Entwicklungs- und Industrieländer aufgehoben ist.

"Die Länder stecken noch in alten Silos"

Nun sieht er diesen Hoffnungsschimmer fürs erste vertagt: "Die Dualität existiert eigentlich weiter", sagt Flasbarth. "Es stehen noch ziemlich harte Verhandlungen aus." Negativ ist für ihn vor allem, dass die Überprüfung der Minderungsbeiträge der Staaten jetzt weniger streng ausfallen soll. Positiv sieht er, dass die Richtung zu einem Vertrag in Paris endgültig eingeschlagen sei. "Das ist eine gute Basis, um die Verhandlungen in Paris zum Erfolg zu bringen", sagt Flasbarth. "Der Text ist ein Grundgerüst für Paris – das zu erreichen war allen ganz wichtig."

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COP-20-Präsident Manuel Pulgar-Vidal (Mitte) war der Star von Lima. Neben ihm Christiana Figueres, Chefin des UN-Klimasekretariats, und der französische Außenminister Laurent Fabius, der wahrscheinliche Konferenzpräsident der COP 21 in Paris. (Foto: Reimer)

Entwicklungs- und Umweltorganisationen werten den Text als "Minimalkonsens". Angesichts des voranschreitenden Klimawandels sei das zu wenig, sagt Sabine Minninger, Klimareferentin von Brot für die Welt. Sven Harmeling, Klimaexperte der Entwicklungsorganisation Care, sagt: "Die Länder stecken in alten Silos und zeigen zu wenig Ehrgeiz und Engagement für die Vereinbarung eines wirklich ambitionierten Abkommens."

Zwar reicht auch Jan Kowalzig von Oxfam das Ergebnis nicht: In Sachen Finanzen stehe kaum etwas im Papier, die Überprüfung der Klimaziele sei schwach und auch bei der Frage, wie die Schäden und Verluste durch den Klimawandel behandelt werden, gebe es keinen Fortschritt. Positiv sieht er aber, dass die Länder in ihren Verpflichtungen nicht hinter frühere Anstrengungen zurückfallen dürfen. Und er bringt in der Gesamtschau auf den Punkt, was viele Beobachter denken: "Das Ding bringt uns nach Paris."

"Zwei Grad ist Beschlusslage"

Ob damit 2015 in Paris ein Vertrag möglich ist, der die Erderwärmung stoppt? "Klar ist, es wird verdammt schwer", meint Frankreichs Außenminister Laurent Fabius, der aller Wahrscheinlichkeit nach die nächste und entscheidende COP in Paris leiten wird. "Das Zwei-Grad-Ziel ist aber Beschlusslage der Staatengemeinschaft", sagte Fabius auf der Abschluss-Pressekonferenz – und zwar auf Englisch. Üblicherweise sind Frankreichs Diplomaten angewiesen, sich der französischen Sprache zu bedienen. "Einige Länder fordern nach wie vor, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen", so Fabius. Entsprechend engagiert müssten die Selbstverpflichtungen der Staaten ausfallen, die bis zum Frühjahr an die Vereinten Nationen gemeldet werden müssen.

Bisher reichen sie jedenfalls nicht einmal aus, um auf einen Zwei-Grad-Pfad einzuschwenken, je nach Rechenmethode kommen die Analysten auf drei bis fast fünf Grad Temperaturanstieg im globalen Mittel bis zum Jahr 2100. "Die Konsequenzen von zwei Grad sind schon riesig", meint Fabius. Konferenzpräsident Pulgar-Vidal lobt, dass der Lima-Text einen Verweis auf den Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC enthält: "Wir haben so das Zwei-Grad-Ziel erneut bekräftigt."

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Jetzt wird er gleich das mit dem Hammer sagen: Manuel Pulgar-Vidal, der Konferenzpräsident, auf dem Bildschirm im Plenum von Lima. (Foto: Reimer)

Manuel Pulgar-Vidal, der peruanische Umweltminister, wird von wirklich allen Seiten für seine Verhandlungsführung gelobt. Ganz zum Schluss stockt er eine Sekunde – ihm fällt noch etwas ein. Er nimmt den Holzhammer, mit dem er zuvor "so decided" verkündet hatte, in die Hand und sagt: den wolle er als Andenken mitnehmen.

Lesen Sie hier eine erste Analyse des beschlossenen Vertrags-Textes:
Die Bedeutung der Paragrafen

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Viel besser als nichts

Lesen Sie, wie Klimaexperten aus Parteien und Umweltverbänden in Deutschland das Ergebnis der Konferenz von Lima beurteilen, im Dossier "Was Lima wert ist"

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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier
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