"Gleichgesinnte": Alles, nur nicht zahlen

Bild Ein internes Papier verrät: Die "Gruppe der Gleichgesinnten", zu der etwa China, Indien und Saudi-Arabien gehören, beharrt auf der Zweiteilung der Welt in Industrieländer und Entwicklungsländer aus dem Jahr 1992. Dass sie sich ihrer Wirtschaftskraft entsprechend an der Klimafinanzierung beteiligen müssen, wollen sie mit aller Macht verhindern, selbst wenn Lima daran scheitert.

Aus Lima Christian Mihatsch

Die Klimaverhandlungen in der peruanischen Hauptstadt Lima sind auf der Zielgeraden angekommen. Doch manche Länder fänden es nicht weiter schlimm, wenn das Ziel – ein formeller Beschluss der Klimakonferenz – nicht erreicht wird. "Wenn am Ende kein Konsens erreicht werden kann, dann ist es möglich, die relevanten Dokumente an das nächste Treffen weiterzureichen", steht in einem internen Dokument der "Gruppe der Gleichgesinnten" (Originaltext siehe unten). Diese Gruppe umfasst die großen Schwellenländer China und Indien sowie Ölexporteure wie Saudi-Arabien oder Venezuela und die linken Regierungen in Südamerika wie Bolivien und Kuba.

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Das Verhandlungsparkett bei der COP 20 in Lima: Längst nicht alle Länder sind auf die ambitionierteste Lösung aus. (Foto: UN)

Das nächste Treffen der Klimaverhandler findet nächsten Februar im schweizerischen Genf statt. Bis dahin sollten eigentlich die Klimaziele aller Länder auf dem Tisch liegen. Doch wenn in Lima keine Entscheidung getroffen wird, werden die Länder auch keine Klimaziele an die UN-Klimakonvention melden. Aus Sicht der "Gleichgesinnten" ist das aber kein Problem, im Gegenteil: "Wir verstehen das nicht als Versagen, sondern als Zeichen von Fortschritt insbesondere in Bezug auf den Verhandlungsprozess. Die Klimakonferenz in Lima hätte dann den offenen Prozess des multilateralen Systems wiederhergestellt."

Warum die "Gleichgesinnten" bereit sind, die Klimaverhandlungen scheitern zu lassen, geht aus ihrer Kritik am vorliegenden Verhandlungstext hervor. Auch diese ist in dem Dokument enthalten, das auf einem der öffentlichen Computer im Konferenzgebäude bearbeitet und dann wohl vergessen wurde. Die Gleichgesinnten stören sich besonders an zwei Formulierungen: "sich entwickelnde Verantwortung" und "Länder, die in der Lage sind, dies zu tun".

Die erste Formulierung gibt die Idee wieder, dass sich Entwicklungsländer tatsächlich entwickeln und mit zunehmendem Wohlstand auch immer mehr Verantwortung für das Klima übernehmen können. Die zweite Formulierung stammt aus dem Paragrafen über die finanzielle Unterstützung der Entwicklungsländer beim Klimaschutz. Dort werden nicht nur die Industriestaaten, sondern eben auch die Länder, "die in der Lage sind, dies zun tun", dazu aufgerufen, sich finanziell zu beteiligen.

Lieber scheitern lassen als zahlen

Dieser Paragraf ist für Saudi-Arabien eine "rote Linie". Das Problem Saudi-Arabiens: Es besteht kein Zweifel daran, dass das Königreich "in der Lage ist", ärmere Länder finanziell beim Klimaschutz zu unterstützen. Saudi-Arabien hat nach Weltbank-Angaben mit 53.780 US-Dollar das achthöchste kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-BIP der Welt. Dennoch beharrt der weltgrößte Ölexporteur auf seinem Status als Entwicklungsland. Die Idee einer weiteren Differenzierung, etwa zwischen reichen und armen Entwicklungsländern, lehnt Saudi-Arabien als "illegal" ab.

Klar ist nun auch, was die "Gruppe der Gleichgesinnten" in den Verhandlungen erreichen will: möglichst wenig. In den drei wichtigsten Paragrafen im bisherigen Entwurfstext gibt es jeweils drei Optionen. Die erste ist jeweils die Minimalvariante, die zweite ein möglicher Kompromiss und die dritte eine relativ anspruchsvolle Lösung. Viele Umweltorganisationen verlangen daher, dass jeweils die dritte Option zum Zug kommt.

Die "Gleichgesinnten" wollen dagegen bei allen drei Paragrafen die Minimallösung. Dabei geht es etwa um die Evaluation der Klimaziele der verschiedenen Länder. Hier sieht die Minimallösung vor: gar keine Klimaziele. Mohamed Adow von der Entwicklungsorganisation Christian Aid sagte dazu: "Indien, China und die anderen 'Gleichgesinnten' sollten sich schämen. Sie verraten die anderen Entwicklungsländer, die an den Folgen des Klimawandels zu leiden haben."

BildBei den Weltklimakonferenzen geht es vor allem darum, wer die steigenden Kosten tragen muss, die der menschengemachte Klimawandel und der Kampf dagegen mit sich bringen. (Foto: UNclimatesummit/flickr.com)

Aus dem internen Dokument der "Gleichgesinnten" geht auch hervor, wie diese ihre Ziele in Lima erreichen wollen. "Das Dokument zeigt, dass die 'Gleichgesinnten' bereit sind, eine aggressive Verhandlungstaktik zu nutzen, um ihre Minimallösung duchzusetzen", sagte Alden Meyer von der Umweltorganisation Union of Concerned Scientists.


Der Originaltext des internen Dokuments der "Gruppe der Gleichgesinnten":

Our views on Process

1. We have been happy with the inclusive, transparent manner of last few days in the ADP with proposed changes put on the screen. Of course this should have been done earlier as LMDC kept telling the Co Chairs since March. Ideally we should continue with this process. There is a document with the various views as options. If time has run out, one option is to send this document for further work at the next meeting of ADP (Geneva Jan 2015).

2. We don’t want a "clean text" parachuted down on the last day by Co Chairs or Presidency asking Parties to adopt it, on grounds there is no more time. We also do not want a "reverse consensus" situation where countries who want to change a word or a para are asked to get consensus to change it. We also do not want a repeat of the undignified and undemocratic process of last minute "huddles" where only a few countries who know how to fight for space and how to invent words on the spot get to make the decision. Therefore please respect the democratic UN process, even if some members feel that "time has run out."

3. LMDC has its own views on each paragraph of the ADP draft decision. We have been putting forward our concrete views on the text, with our own language put on the screen and in the compilation draft. This is our constructive way of helping with the process. If you want to convene consultations to help bridge the differences in texts between the Parties, LMDC is willing to join in and to assist you.

4. If in the end, no consensus can be reached in time, it is possible to transmit the relevant documents for further work to the next meeting We do not consider this a failure at all. Instead, it is a mark of progress, especially progress in the process. The Lima COP would have restored the open, participatory process of the UN and the multilateral system. Restoring the democratic process would be a very important achievement and would contribute more than anything else to the success of Paris 2015. If an undemocratic process is adopted, this would generate further loss of confidence in the system, which would be bad for the remaining process towards Paris.

Our views on Contents

LMDC has certain key positions which must be reflected in any decision or texts. key positions are that:

1.The national contributions (INDCs) must contain all elements (mitigation, adaptation, finance, technology etc) in a balanced way, just as the Paris agreement has to have all elements. It cannot be mitigation-centric.

2.We cannot accept new terms and concepts that have not been agreed to and that have appeared in the draft decision, such as "evolving CBDR", "countries with the greatest responsibilities", "countries in a position to do so." These terms in fact change or reinterpret what is in the Convention, and there is no agreement what they mean.

3. The draft decision has many paragraphs relating to an ex-ante assessment process such as placing INDCs on internet and requiring countries to reply to questions, and holding forums etc. to ratchet up the mitigation goals. At the same time there is no assessment on contributions in finance. It is unfair to ask developing countries to jack up their mitigation goals without a corresponding assessment and jacking up of finance goals. We are thus against any ex ante assessment in the Decision. Any assessment process that may be discussed in future has to be preceeded by agreement on what is the methodology, modalities and definitions of what is to be assessed. Any assessment process has to be after the Copenhagen agreement is concluded.

4. Since INDCs in mitigation are given an early deadline (March or May 2015), there should be a corresponding deadline for INDCs in financial contributions. The present draft gives a 2019 deadline for finance which is totally unacceptable. By March or May 2015, developed countries have to give their intended finance contribution. Moreover, there should be a clear roadmap on finance between now and 2020, such as $40 billion in year X, $60 billion in year Y, towards $100 billion in year 2020.

5. INCDs, like the Paris agreement, has to be in line with principles and provisions of Convention especially equity and CBDR. This should be operationalized by (1) differentiated obligations between developed and developing countries in their "contributions" in mitigation (economy wide reductions for annex 1 and diverse mitigation actions backed by finance and technology transfers. (2) Also, developed countries should meet their finance and technology commitments.

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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

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