In Lima droht ein Minimalkompromiss

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Aus Zeitmangel bleiben bei der Klimakonferenz in Peru fundamentale Fragen auf der Strecke. Wenn nichts geschieht, werden die wirklich schwierigen Entscheidungen auf den Klimagipfel im nächsten Jahr in Paris verschoben. Ob so ein wirksamer Weltklimavertrag entstehen kann, ist fraglich.

Aus Lima Christian Mihatsch

Nachdem die Delegierten in den ersten anderthalb Wochen der Klimakonferenz in Lima nur eine 60-seitige Ideensammlung erarbeitet hatten, ist am offiziell vorletzten Tag, dem Donnerstag, klargeworden, dass auf dieser Basis nicht weiterverhandelt werden kann. Daraufhin hat sich die Gruppe der Entwicklungsländer "G 77 und China" zu internen Beratungen zurückgezogen, die bis zum späten Nachmittag andauerten. Als Ergebnis präsentierten die Entwicklungsländer einen Vorschlag, der aber sofort von den Industriestaaten abgelehnt wurde. Daraufhin baten die Länder die beiden Vorsitzenden der wichtigsten Arbeitsgruppe, einen bereinigten Textvorschlag zu erarbeiten. Der lag um neun Uhr abends vor und umfasst sieben Seiten.

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Hat noch jemand einen Vorschlag? Konferenzpräsident Manuel Pulgar-Vidal läuft in Lima die Zeit davon. (Foto: UNFCCC/flickr.com)

Mit dem neuen Verhandlungstext ist niemand glücklich. "Der Text ist ein Versuch, den Verhandlungsprozess voranzubringen", sagt Todd Stern, der US-Chefunterhändler. Zur Qualität des Inhalts äußert er sich nicht. Die hängt vor allem davon ab, für welche der Optionen im Text sich die Länder schließlich entscheiden. Aus Sicht vieler Nichtregierungsorganisationen sind aber alle Varianten im Text unzureichend: "Dieser Text beschleunigt unseren Weg zu einer Erwärmung um vier Grad", erklärt Alex Rafalowicz von Third World Network, einem Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen aus Entwicklungsländern.

Positiv aus Sicht der Industriestaaten sind zumindest zwei Elemente, die nicht im Text enthalten sind. So sagt dieser nichts zur Finanzierung aus. Die Entwicklungsländer hatten verlangt, detailliert festzuhalten, wie viel Geld in welchem Jahr von den Industriestaaten für den Klimaschutz in den Entwicklungsländern bereitgestellt wird. Für die Industriestaaten galt das aber von Anfang als eine "rote Linie" – damit haben sie sich nun durchgesetzt.

Zum Zweiten unterscheiden die meisten Optionen im Text nicht länger zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Das war eine Forderung aller Industriestaaten, da die bisherige Unterscheidung zwischen den Ländern aus dem Jahr 1992 stammt und "die Realität der heutigen Welt nicht mehr abbildet", wie der deutsche Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth sagt.

"Im besten Fall wird es ein paar Workshops geben"

Allerdings steht im Text auch wenig über die Ziele zur Treibhausgasreduktion, die die Staaten bis Ende März nächsten Jahres an die UN-Klimakonvention melden sollen. Damit die Eingaben der Länder vergleichbar sind, müssten diese in einem einheitlichen Format erfolgen und offenlegen, wie die Länder zu ihren Emissionszielen gekommen sind. Je weniger Details hier verlangt werden, desto schwieriger wird der Vergleich. Ob die UN-Klimakonvention ermächtigt wird, die Ziele zu vergleichen, ist allerdings noch offen.

"Im besten Fall wird es ein paar Workshops geben", sagte Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. "Dadurch werden die Länder aber nicht gezwungen, ihre Emissionsziele nachzuschärfen und auf einen Emissionspfad einzuschwenken, der dem Zwei-Grad-Ziel gerecht wird." Dabei sind sich Wissenschaftler einig, dass die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden muss. Anderenfalls werden Kipp-Punkte überschritten, ab denen sich der Klimawandel selbst verstärkt und nicht mehr zu stoppen ist. Entsprechende Warnungen richtete der Chef des Weltklimarates Rajendra Pachauri am Donnerstag noch einmal eindringlich an die Delegierten in Lima.

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Delegierte auf der COP 20: Der neue Verhandlungstext verspricht wenig Inhalt. (Foto: Reimer)

Doch nach bisherigem Stand verschieben die Verhandler nun die wirklich schwierigen Entscheidungen auf den Klimagipfel im nächsten Jahr. Im Dezember 2015 soll in Paris ein neuer Weltklimavertrag verabschiedet werden. Dieser soll, wie US-Verhandlungschef Stern bekräftigt, "für Jahrzehnte gelten" – und natürlich die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels gewährleisten.

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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

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