Anzeige

China will eine neue Rolle

In den Klimaverhandlungen Bildherrschte bislang Lagerdenken: Industrie- gegen Entwicklungs­länder. Diese Zeiten der gegenseitigen Blockade scheinen mit dem Klimadeal zwischen den USA und China überwunden. China will Anwalt der Entwicklungsländer bleiben, erkennt aber seine Verantwortung im Klimaschutz an.

Aus Lima Benjamin von Brackel

Als Manuel Pulgar-Vidal, der Gastgeber der UN-Klimakonferenz in Lima, die Verhandlungen eröffnet, ist seine erste Handlung ein Bruch mit dem Dresscode. Der peruanische Umweltminister steht auf und legt sein Sakko ab. "Ich will von euch allen, dass ihr eure Jacketts auszieht", sagt er an den Saal gerichtet. Das ist nicht nur der Hitze in Lima geschuldet, wo der Sommer beginnt, sondern soll auch signalisieren: Jetzt wird angepackt und gearbeitet.

Bild
Das war einmal: Heute liegt China schon bei rund neun Tonnen CO2 pro Kopf – mitteleuropäisches Niveau. Die USA und China sind zusammen für knapp die Hälfte aller weltweiten Treibhausgase verantwortlich. (Foto: Oxfam)

Und in der Tat scheinen die Zeiten der Blockaden und Ausreden vorbei – die Zeiten, in denen sich die Schwellenländer mit China an der Spitze gegen jegliche Treibhausgas-Minderung wehrten und mit dem Finger auf die Industrieländer zeigten. Die spektakuläre Einigung zwischen den USA und China zu Klimazielen im November hat etwas verändert. Wie stark sich die Gewichte und Allianzen in der Klimapolitik verschoben haben, zeigte sich gleich am ersten Tag des Klimagipfels in einem Flachbau auf dem Gelände des peruanischen Militärhauptquartiers, in dem die Klimadiplomaten tagen.

Auf dem Podium des Raums "Machu Picchu" sitzen die beiden Verhandlungsführer aus China und Indien. Zwei Schwergewichte in der Klimapolitik, die mit der Art und Weise ihres wirtschaftlichen Aufschwungs allein darüber entscheiden könnten, ob die Erderwärmung außer Rand und Band gerät oder ob es noch die Chance gibt, ihre Folgen zu beherrschen.

Indien pocht auf Recht zur nachholenden Entwicklung

Indien folgt seit Langem der Argumentation, dass es in seiner Entwicklung noch aufholen muss und die Industriestaaten erst einmal ihre historische Klimaschuld abzutragen hätten. Und so pocht Ravi Prasad, Chef der indischen Verhandlungsdelegation, im aufgeheizten Konferenzraum darauf, dass die Industrieländer mehr Rücksicht auf die Entwicklungsländer nehmen müssen. Gemessen am CO2-Pro-Kopf-Ausstoß und dem Lebensstil liege Indien noch meilenweit hinter den USA und Europa zurück. Der Westen müsse seine Technologien zugänglich machen, mehr Treibhausgas einsparen und mehr Geld zahlen.

Bild
Zwei Delegationsleiter: Ravi Prasad (rechts) und Su Wei. Indien beäugt China misstrauisch, seit der Nachbar mit den USA gemeinsame Sache bei den Klimazielen macht. (Foto: von Brackel)

"Wir erwarten einen Klimavertrag, der die Rechte der Entwicklungsländer respektiert." Das gelte insbesondere für solche Länder, die noch vor ihrem Entwicklungspfad stehen, sagt Prasad. Und ergänzt: "Auf dem manche Länder auch schon sind." Nur in einem Nebensatz erklärt Prasad, dass auch Indien seine Klimaschutz-Ziele vorlegen wird.

Chinas Verhandlungsführer Su Wei hat bei den Worten des indischen Kollegen demonstrativ in die Luft geschaut. Er macht klar, dass China nicht länger der Ankläger außerhalb des Verhandlungsprozesses sein wolle, sondern Teil des Prozesses. Und zwar ein gewichtiger. China verstehe sich zwar weiterhin als Anwalt der Entwicklungs- und Schwellenländer. Aber gleichzeitig, erklärt Su Wei, gehöre man zu denjenigen Staaten, die etwas tun müssen. In der Tat neue Töne: Bislang hatte China immer nur "freiwillig" Klimaschutz angekündigt. Nun scheint der bevölkerungsreichste Staat der Welt bereit, sich völkerrechtlich zu binden.

China emittiert pro Kopf mehr als Spanien oder Frankreich

China stößt inzwischen deutlich mehr CO2-Emissionen aus als der langjährige Klimasünder Nummer eins, die USA – wenn auch pro Kopf immer noch viel weniger: etwa die Hälfte. Mittlerweile aber mehr als ein durchschnittlicher Spanier, Franzose oder Schweizer. Und auch in Sachen historische Emissionen ist China kurz davor, mit den USA gleichzuziehen.

Zwar ist klar, dass die chinesische Zielmarke, ab 2030 mit der Treibhausgasreduktion zu beginnen, bei Weitem noch nicht ausreicht, um die Welt auf einem Zwei-Grad-Pfad zu halten. Allerdings macht das nationale Ziel eines Kohle-Deckels ab 2020 Hoffnung, wie auch das Wörtchen "spätestens" vor dem Zieljahr 2030. Vor allem aber hat die neue Allianz zwischen China und den USA die Klimaverhandlungen wie einen Motor wieder angeschmissen. Und sie bricht die traditionelle Front "Industrie- gegen Entwicklungsländer" auf.

Während Prasad mürrisch dreinblickt, redet Su entspannt von der "bedeutungsvollen" US-chinesischen Einigung als "Teil der Verpflichtungen, um ein Abkommen voranzubringen". "Wir sind in guter Erwartung für Lima und Paris", sagt er. Zwar betont auch der Chinese, dass es Basis des angestrebten Klimaabkommens für 2020 sein müsse, die verschiedenen Entwicklungsstadien der Länder zu berücksichtigen. Und auch er fordert die Industriestaaten auf, ihre Klimaziele für 2020 noch einmal anzuheben – genau wie die Finanzhilfen im Grünen Klimafonds: "Die Unterstützung der Länder des Südens kann nicht länger warten."

Bild
In Lima ist es zum Beginn des Sommers schon sehr heiß. Ob sich die Klima-Delegierten davon beeindrucken lassen? (Foto: Thomas S./Flickr)

Es ist nicht das erste Mal, dass China zum Beginn einer Vertragsstaatenkonferenz erklärt, mehr tun zu wollen. Um dann doch im Verlauf der Konferenzen Fortschritte zu blockieren. "Uns ist klar geworden, dass wir Verantwortung übernehmen müssen", sagt Su Wei gegenüber klimaretter.info. "Wir tun, was wir können." In ein paar Verhandlungstagen wird sich zeigen, was diese Ankündigung wert ist.

 Bild

Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen