Der lange Schatten des Taifuns Haiyan

Klima-Risiko-Index 2015 Bildvon Germanwatch: Die Philippinen sind nach dem stärksten Wirbelsturm, der je auf Land getroffen ist, das am meisten durch Extremwetter gebeutelte Land. Im 20-Jahres-Vergleich liegt Deutschland auf Rang 22.

Aus Lima Nick Reimer

Die Bilder sind noch im Gedächtnis: Die einen zählten und beerdigten die Toten, die anderen kümmerten sich um die Überlebenden. Eine Woche, nachdem der Taifun "Haiyan" einen Teil des philippinischen Inselreichs verwüstet hatte, zeigte sich das ganze Ausmaß der Katastrophe. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 315 Stundenkilometern war Haiyan der stärkste Sturm, der je auf Land getroffen ist.

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Nach "Haiyan" mussten viele Philippiner in Ruinen leben. (Foto: Peter Caton/Care)

Nicht verwunderlich deshalb, dass der Inselstaat im neuen Klima-Risiko-Index ganz vorn liegt. Am Rande der Klimakonferenz stellt den Index heute in Lima die deutsche Entwicklungsorganisation Germanwatch vor. "Wir wollen den Delegierten auf den Klimakonferenzen vor Augen führen, über was sie eigentlich verhandeln. Es geht um Menschen, deren Leben in Gefahr ist, es geht um Schäden, die für viele Länder und Regionen eklatant sind", sagt Germanwatch-Chef Christoph Bals. Germanwatch sehe seine Rolle darin, Lücken zu füllen, die in der Klimadebatte entstehen. "Dass der Index wichtig ist, sehen wir daran, dass in bis zu 50 nationalen Parlamenten jedesmal über unsere Ergebnisse debattiert wird. Auch bei den Klimaverhandlungen wird er immer wieder zitiert", so Bals.

Auf dem zweiten Platz im Index folgt Kambodscha, das 2013 von ungewöhnlich schweren Fluten heimgesucht wurde. 184 Menschen kamen in dem relativ kleinen Land ums Leben, die Schäden fraßen mehr als drei Prozent des Bruttosozialprodukts auf. An dritter Stelle findet sich im Ranking Indien wieder, das mit 7.437 Menschenleben die meisten Opfer zu beklagen hatte. Allein 15 Milliarden US-Dollar musste die indische Regierung aufbringen, um den Wiederaufbau nach dem Zyklon "Phailin" zu finanzieren. Mexiko folgt auf Platz vier, vor allem wegen der Schäden durch den Tropensturm "Manuel", der im September vergangenen Jahres auf die Westküste getroffen war und zehn Milliarden Dollar Schäden anrichtete.

Die Datengrundlage lieferte die Münchener Rück

In prozentualen Zahlen am schlimmsten getroffen hat es im vergangenen Jahr den karibischen Inselstaat St. Vincent und die Grenadinen. Ein Weihnachtshochwasser verursachte Schäden in Höhe von 97 Millionen Dollar – acht Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Das hat den Staat, der bis dato auf Platz 143 des Risiko-Indexes lag, auf Platz fünf katapultiert. "Der Staat ist ein sehr kleines Land. Es gab neun Tote, was prozentual bei einer Bevölkerung von 117.000 Menschen tatsächlich der Spitzenwert im vergangenen Jahr war", erklärt Bals. Die Zahl der Toten pro 100.000 Einwohner ist aber nur ein Kriterium bei der Erhebung des Index, genauso wie die prozentuale Schadenssumme. Bals: "Anderenfalls würden immer die kleinen Staaten, die von Extrem-Wetter betroffen sind, den Index anführen."

Pakistan, Laos und Vietnam folgen auf den Rängen sechs bis acht. Erstmals unter den Top Ten ist Argentinien aufgeführt, das im April 2013 mit den schwersten Regenfällen seit 100 Jahren zu kämpfen hatte. Bis dato rangierte das Land auf Rang 43. Mosambik folgt auf Rang zehn, im Januar und Februar waren sintflutartige Regenfälle niedergegangen.

"Für unsere Auswertung nutzen wir Daten der Münchener Rück", erläutert Sönke Kreft, einer der Autoren der Studie. Zum Einsatz kommt ein Tool namens NatCatService, mit 28.000 Datensätzen die weltweit umfangreichste Datenbank über Katastrophenschäden. Kreft: "In unsere Arbeit fließen zusätzlich demografische und volkswirtschaftliche Daten ein."


Je dunkler, desto stärker von Extremwetter-Ereignissen betroffen: Der Klima-Risiko-Index (Grafik vergrößern) über den Zeitraum von 20 Jahren. (Grafik: Germanwatch)

Ausgewertet haben die Germanwatchler auch den Trend über 20 Jahre. Insgesamt starben weltweit zwischen 1994 und 2013 mehr als 530.000 Menschen als direkte Folge von mehr als 15.000 extremen Wetterereignissen. Die materiellen Verluste betrugen demnach mehr als 2.200 Milliarden US-Dollar (Kaufkraftparität). Veränderungen gab es hier im Ranking kaum: Honduras bleibt das gefährdetste Land vor Myanmar, Haiti und Nicaragua. Die Philippinen liegen jetzt vor Bangladesch auf Platz fünf, es folgen Vietnam, die Dominikanische Republik, Guatemala und Pakistan.

Deutschland kommt im 20-Jahres-Ranking auf Platz 22 und ist damit nach Italien und Portugal das verwundbarste Land in Europa. "Wir hatten in den vergangenen Jahren eine signifikante Zunahme außergewöhnlicher Regen- und Flutereignisse, oft durch die sogenannte 5-B-Wetterlage hervorgerufen", erklärt Bals. Seit dem Jahr 2000 wurden zwei Jahrhundert-Ereignisse registriert, Extremwetter, das es statistisch nur alle hundert Jahre einmal geben kann – die Elbeflut 2002 und das Hochwasser im vergangenen Jahr. "Den stärksten Einfluss auf diese Platzierung hat aber die Hitzewelle im Jahr 2003", sagt Bals. "Damals starben mehrere zehntausend Menschen in unserem Land."

"Ein Dilemma unserer Spezies"

Der Germanwatch-Experte sieht "Anzeichen für eine neue Realität mit häufigeren und heftigeren Wettererkatastrophen", die sich in der Bundesrepublik breit mache. Deutschland hat im 20-Jahres-Rückblick fast 40 Milliarden US-Dollar Schaden zu beklagen. Nur sechs Länder hat es ärger getroffen. Dass die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Staaten trotzdem gut dasteht, liegt an ihrer wirtschaftlichen Kraft: Nur 0,14 Prozent des Bruttosozialprodukts mussten zur Schadensbeseitigung aufgewendet werden.

Andere Staaten haben dieses Potenzial nicht. Die Philippinen verloren durch "Haiyan" im vergangenen Jahr fast vier Prozent ihres Bruttosozialprodukts. "Ich kann nur hoffen, dass der Index in die Verhandlungen zu den Anpassungsgeldern und zu den Reduktionspflichten eingehen wird", sagt Heherson Alvarez, Mitglied der Regierungsdelegation der Philippinen. Er sehe ein menschliches Dilemma, "ein Dilemma unserer Spezies". Ohne globale Kooperation werde man der zunehmenden Verwüstung durch den Klimawandel nicht Herr.


Stellen den Klima-Risiko-Index vor (von rechts): Ko-Autor Sönke Kreft, Christoph Bals, Heherson Alvarez von der Regierungsdelegation der Philippinen und Carlos Alberto Pineda Fasquelle aus Honduras. (Foto: Reimer)

Auch Carlos Alberto Pineda Fasquelle, Regierungsvertreter aus Honduras, fordert mehr internationale Unterstützung für sein Land. "Risikomanagement, also das gerechte Verteilen von Risiko und Hilfe zur Überwindung, muss zentraler Bestandteil des Paris-Abkommens werden", so der Honduraner. Obwohl sein Land unter Dürre gelitten habe – 30 Prozent der Wirtschaftsleistung in Honduras trägt die Landwirtschaft bei – sei es diesmal aus den Top Ten herausgefallen. Pineda Fasquelle: "Aber niemand kann garantieren, dass wir nächstes oder übernächstes Jahr nicht wieder im Index auf einem Spitzenplatz vertreten sind."

Spitzenplatz bedeutet: sehr viel Leid.

Lesetipp: Hier gibt es unsere Berichte über den Klima-Risiko-Index aus den Jahren 2012, 2011, 2010 und 2009.

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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

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