Anzeige

Die Welt nimmt den Kampf auf

BildNach Jahren der Enttäuschungen und Rückschläge kehrt der Glaube in die Klimakonferenzen zurück. Optimistisch wie lange nicht sehen Umweltverbände dem UN-Gipfel in Lima entgegen. Die USA und China lösen mit ihrer Einigung zu den Klimazielen die Blockade auf. Gleichzeitig stehen die Ökoenergien weltweit vor dem Durchbruch. Ein Wermutstropfen ist Europa, das seine Vorreiterrolle verliert. Teil 11 und Schluss unseres Lima-Countdowns.

Aus Berlin Benjamin von Brackel

So optimistisch wie seit Jahren nicht mehr sind Umweltverbände vor dem UN-Klimagipfel in Peru. "Es hat sich sehr deutlich etwas verändert", sagt Regine Günther, Klimaexpertin des WWF. "Wir gehen mit anderen Voraussetzungen nach Lima und Paris." In Peru wollen die Verhandler der Staaten im Dezember einen Entwurf für ein weltweites Klimaabkommen aufsetzen, das im kommenden Jahr in Paris beschlossen werden soll.

Bild
Haben für Bewegung in der weltweiten Klimapolitik gesorgt: Chinas Staatschef Xi Jinping und US-Präsident Barack Obama. (Foto: Pablo Martinez Monsivais/AP Photo/flickr.com)

Der Grund für die gute Laune findet sich ausgerechnet bei den beiden größten Klimasündern der Erde: China und die USA haben sich am 11. November in einem spektakulären Coup darauf geeinigt, gemeinsam Klimaschutzziele festzulegen. Die USA wollen bis 2025 zwischen 26 und 28 Prozent ihrer Treibhausgas-Emissionen gegenüber 2005 einsparen. China wiederum will spätestens ab 2030 seine Emissionen auch in absoluten Zahlen drücken.

Auch wenn die Ziele bei Weitem nicht ausreichen, um die Welt vor einer Erwärmung von über zwei Grad zu bewahren, so ist die Erklärung dennoch ein Durchbruch. So war der Kopenhagener Klimagipfel 2009 noch genau daran gescheitert: Weder die USA noch China wollten den ersten Schritt machen. Zudem setzen die Umweltverbände auf das Wort "spätestens", das China vor das Jahr 2030 gesetzt hat, in dem es beginnen will seine Emissionen zu senken.

Zieljahr 2025 statt 2030

Martin Kaiser von Greenpeace plädiert für Fünf-Jahres-Zyklen, in denen nach Inkrafttreten eines Klimaabkommens 2020 die Ziele neu angepasst werden. Das Vorbild sind die USA mit ihrem 2025-Ziel. Es sei ein "Fehler" der EU gewesen, ihre Klimaziele erst für 2030 zu setzen. "Für 16 Jahre wird so das niedrige Niveau festgelegt", sagt Kaiser. Dabei sei gar nicht abzusehen, welche Dynamik in dieser Zeit die Entwicklung der Ökoenergien und eine mögliche Krise der Kohle entfalten könnte. "Das Entscheidende wird sein, dass auch China auf das Jahr 2025 einschwenkt."

Viele Beobachter fragen, was die Verständigung zwischen den USA und China überhaupt wert ist, da Obama keine Mehrheit mehr im Kongress hat und der nächste, möglicherweise republikanische Präsident alles wieder kippen könnte. Die Umweltverbände teilen diese Sorgen eher nicht. Zum einen könne Obama durchaus einen Klimavertrag unterzeichnen, wenn denn die Verpflichtungen zur Treibhausgas-Minderung nur im Anhang auftauchen. Und die Verpflichtungen könne Obama durch Verordnungen auch eigenständig durchsetzen.

Auch wenn der neue Fraktionsführer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, den US-China-Deal bereits als "unrealistisch" und als "Gefahr für Arbeitsplätze" kritisiert hat, so wird es sich auch ein republikanischer Präsident kaum leisten können, die historische Einigung zu torpedieren, sagt Germanwatch-Politikchef Christoph Bals. "Das rückgängig machen zu wollen, wäre für das außenpolitische Verhältnis der USA zu China sehr delikat."

Druck auf Klimablockierer zeigt Wirkung

Nachdem mit China, den USA und der EU die drei größten Treibhausgas-Emittenten der Erde ihre Klimaziele vorgelegt haben, sind nun auch andere Klimasünder unter Zugzwang. So verpflichteten sich die G-20-Staaten auf ihrem Treffen Mitte November in Brisbane zum Abschluss eines neuen Klimaabkommens 2015 in Paris. Australien hatte das versucht zu verhindern, musste sich dann aber beugen. Außerdem hielten die G-20-Länder fest, dass sie spätestens im kommenden März ihre Klimaziele vorlegen und sich außerdem für den Grünen Klimafonds einsetzen wollen.

Wie stark der Druck auf alte Blockierer durch die neue Entschlossenheit der USA und Chinas ist, sieht man am Beispiel Kanadas: Nachdem Obama erklärt hatte, drei Milliarden Dollar für den Grünen Klimafonds zu zahlen, gab Kanada seine Ablehnung gegenüber dem Fonds auf und Premierminister Stephen Harper kündigte ebenfalls einen Beitrag seines Landes an. Die Mittel für den Grünen Klimafonds sollen den ärmsten Staaten helfen, sich auf den Klimawandel einzustellen und ihre Treibhausgase zu senken. Nichtregierungsorganisationen hoffen, dass durch weitere Zusagen, etwa aus Belgien, Spanien und Österreich, insgesamt rund zehn bis 15 Milliarden Dollar für die Erstauffüllung des Fonds zusammenkommen. Lima soll Klarheit bringen, wie man die zugesagten 100 Milliarden Dollar erreichen will, die ab 2020 jährlich ausgezahlt werden sollen.

"Erstmals gibt es ein Interesse am Klimaschutz"

Es ist etwas in Bewegung. Zwar haben Umweltverbände schon oft vor Klimagipfeln die Hoffnung beschworen, um dann hinterher zu resignieren. Doch das lässt Greenpeace-Experte Kaiser diesmal nicht gelten: "Was sich entscheidend geändert hat: Es gibt ein elementares Interesse, im Klimaschutz etwas zu tun." Viele Staaten der Erde scheinen langsam zu erkennen, dass schöne Worte nicht ausreichen, während munter weiter aus der Erde gepresst wird, was zu pressen ist. China deckelt seinen Kohleverbrauch, die USA wollen Kraftwerke und Bundesgebäude klimafreundlicher machen und selbst Deutschland will seine ältesten Kohlekraftwerke stilllegen.

Möglich wurde das alles erst durch den Boom der Ökoenerigen. Auch das ein Unterschied zu den biserigen Klimakonferenzen: Inzwischen sind die Erneuerbaren marktfähig, auch dank der Vorleistungen aus Deutschland. Doch während jetzt, da die Ökoenergien günstig zu haben sind, die USA und allen voran China den Ausbau beschleunigen, stehen Deutschland und Europa auf der Bremse. Für die Umweltverbände auch wirtschaftlich ein irrsinniges Verhalten. "Europa verliert den Anschluss", erklärt Kaiser. "Im internationalen Wettbewerb um die Zukunftsenergien bekommen wir einen Nachteil." Deshalb fordert er, dass Deutschland und Europa sich für ein Ziel von 100 Prozent Erneuerbaren bis 2050 einsetzen und einen Ausstieg aus der Kohle beschließen.

Bild
Neue Aufbruchstimmung: Vor dem Gipfel in Lima herrscht unter den Umweltverbänden Optimismus. (Foto: Nick Reimer)

Anders als vor früheren Klimagipfeln warnen die Umweltverbände, in Paris 2015 alles auf eine Karte zu setzen und den Gipfel als die Lösung aller Probleme zu überfrachten. "Wir sind in einer neuen Welt angekommen", sagt Kaiser. "Paris wird ein Moment von vielen." Wie eine Ratsche, die sich vordrehen, aber nicht zurückdrehen lässt, sollten die Klimaversprechen der Staaten alle fünf Jahre neu angezogen werden. Um schließlich doch noch das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

BildUnser Lima-Countdown:

Teil 1: Alles steht und kippt mit Lima
Teil 2: Drei Fonds, aber kein Geld
Teil 3: "Kein rechtlicher Schutz für Klimaflüchtlinge"
Teil 4: Die Welt tüftelt am Kohlendioxid-Preis
Teil 5: Warum UN-Klimaverhandlungen wichtig sind
Teil 6: Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung
Teil 7: "Wir brauchen eine neue Klimapolitik"

Teil 8: COP 21 wird die Welt nicht retten
Teil 9: "Helmut Kohl wollte mehr Umweltthemen"
Teil 10: EU hat Doha nicht ratifiziert
Teil 11: Die Welt nimmt den Kampf auf

Bild 

Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen