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"Helmut Kohl wollte mehr Umweltthemen"

BildProfessor Hartmut Graßl hat in den 1990er Jahren für Deutschland auf dem Parkett der COPs, der "Conferences of Parties", verhandelt. Zusammen mit dem Zeit-Redakteur Rainer Klingholz veröffentlichte er 1990 das Buch "Wir Klimamacher – Auswege aus dem globalen Treibhaus". Von 1994 bis 1999 leitete Graßl das Klimaforschungsprogramm der World Meteorological Organization in Genf. Bis zu seiner Emeritierung 2005 war er Direktor am BildMax-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Zweimal war Graßl Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Im Interview beleuchtet der  Mitherausgeber von klimaretter.info die Gemengelage vor der COP 20 in Lima. Teil 9 unseres Lima-Countdowns zur Klimakonferenz 2014.


klimaretter.info: Herr Professor, Sie haben an den ersten Klimakonferenzen Mitte der Neunziger Jahre teilgenommen. Heute betätigen Sie sich als Publizist, sie geben mit Kollegen klimaretter.info heraus. Wenn Sie heute die Klimadiplomatie mit der damals vergleichen: Was hat sich verändert?

Hartmut Graßl: Es gab damals eine viel größere Aufbruchstimmung und viel mehr Bereitschaft, die Probleme anzupacken. Inzwischen ist alles ziemlich eingefahren. Die Verhandlungen sind ungemein komplex geworden, im Grunde ist eine Klimakonferenz mehrere verschiedene Konferenzen. Es geht um Waldschutz, um Finanztransfers, um "Loss and Damage", um Anpassung. Und alles hängt mit allem zusammen.

Sind Klimakonferenzen noch das geeignete Forum, um den Klimaschutz voranzubringen?

Auf jeden Fall! Stellen Sie sich vor, wir hätten diese Arena nicht, in der alle Länder mit den gleichen Rechten zusammenkommen. Ohne die Klimakonferenzen hätten wir überhaupt noch keinen Klimaschutz. Wir hätten weltweit noch fast keine erneuerbaren Energien. Wir hätten noch nicht einmal Regeln, wie wir die Treibhausgas-Emissionen der einzelnen Länder vergleichbar messen.

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Bestimmte lange Zeit die Verhandlungsagenda: Die Senegalesin Madeleine Rose Diouf Sarr, Chefin der MOP, der Klimakonferenz zum Kyoto-Protokoll. (Foto: Reimer)

Natürlich sind das immer zähe Verhandlungen. Und natürlich muss man dem gesamten Prozess vorwerfen, dass er langsam ist. Dass manchmal – wie vor fünf Jahren in Kopenhagen – etwas nicht klappt, berührt mich gar nicht so sehr. Es ist entscheidend, dass durch die Klimakonferenzen ein weltweites Bewusstsein für das Problem entwickelt wurde. Ohne diesen Verhandlungsprozess hätten wir kein Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland, kein Klimagesetz in Großbritannien und in anderen Ländern.

Die Wissenschaft mahnt aber zu mehr Eile.

Dass Politiker nicht immer so handeln, wie wir Wissenschaftler das wollen, ist für mich klar. Meine Erfahrung ist aber, dass die Wissenschaft in die Politik durchtröpfelt. Es dauert einige Jahre, bis die Politiker verinnerlicht haben, was ihnen die Wissenschaft sagt. Aber es wirkt.

Als ich 1993 Bundeskanzler Helmut Kohl ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen übergeben hatte und wir darüber diskutierten, sprudelte es aus ihm heraus. Kohl schimpfte auf Margaret Thatcher. Jedesmal, wenn er ein Umweltthema auf die Agenda der G-7-Gipfel setzen wollte, habe das die Eiserne Lady gemeinsam mit dem japanischen Ministerpräsidenten abgeblockt. Kohl brodelte richtig. Er hat dann der brasilianischen Regierung für den Schutz des Regenwaldes 250 Millionen D-Mark geschenkt. Das war damals noch so ungewöhnlich, dass Brasilien zwei bis drei Jahre gebraucht hat, um über die Verwendung des Geldes zu beraten.

Helmut Kohl – ein Umweltpolitiker? Die Klimabilanz seiner Politik ist nicht gerade vorzeigbar ...

Kohl wollte Umweltthemen hochfahren, weil es in Deutschland eine Bevölkerung gab, die das wollte. Auch Kanzlerin Merkel hat die Energiewende gegen die Widerstände in ihrer Partei nur weiterführen können, weil die Zivilgesellschaft sie wollte. Angela Merkel versteht viel von der Sache, die muss man nicht belehren.

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Belebte die Klimadiplomatie nach dem Kopenhagen-Debakel neu: Die Konferenzpräsidentin der COP 16, die mexikanische Außenministerin Patricia Espinosa. (Foto: Reimer)

In den letzten Jahren ist die Kanzlerin aber eher Bremse als Motor in der Klimapolitik gewesen – wenn wir etwa an die Energieeffizienz oder die CO2-Grenzwerte für Autos denken. Müsste sich die deutsche Zivilgesellschaft nicht stärker für Klimaschutz aussprechen?

Absolut! Es ist die Allgemeinheit, die die politische Agenda bestimmt. Allerdings ist das wahlpolitisch nicht ganz einfach. Wir haben bei der letzten Wahl gesehen, wie den Grünen die Wähler schwinden, weil die Kanzlerin in einer brutalen Art ein urgrünes Feld besetzt. Die SPD wird als Kohlepartei hingestellt, ist das aber nur zum Teil. Es ist also nicht ganz einfach, Klimaschutz politisch zu verorten, weshalb ein politischer Druck der Wähler für eine echte Mobilisierung nur schwer hinzubekommen ist.

Was muss die Klimakonferenz in Lima bringen?

Die Klimadiplomaten müssen im Verhandlungstext einige Sätze entklammern. Das bedeutet, aus jetzt noch optionalen Paragrafen einen klareren Vertragsentwurf zu formulieren. Alle wissen allerdings: Lima ist ein Zwischenschritt. Deshalb erwarte ich, dass manche Vertragsparteien pokern werden.

Wie groß schätzen Sie die Chancen ein, dass wir 2015 in Paris zu einem neuen verbindlichen Klimavertrag kommen?

Die Dramaturgie ist günstig. Ohne ein Abkommen wird die Politik aus Paris nicht mehr herauskommen. Ein neuerliches Scheitern wäre eine Ohrfeige für all die Präsidenten und Premiers. Getrieben ist momentan die Europäische Union. Nach der Einigung von China und den USA auf gemeinsamen, wenn auch lauen Klimaschutz muss die EU zeigen, dass ihr Klimaschutz ernster ist als den anderen. Die EU hat auf militärischem Gebiet wenig zu sagen, die EU hat keinen hohen Anteil kreativer junger Bevölkerung, der EU bleibt nur noch ein Feld, auf dem sie dominant sein kann: Auf dem Gebiet des Klimaschutzes.

Wird das Abkommen, das in Paris geschlossen wird, das "Problem Erderwärmung" lösen?

Nein, das kann man jetzt schon sagen. Aber es wird ein wichtiger Schritt in diese Richtung sein. Der Vertrag wird uns eine minimale Chance lassen, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Ich hoffe, dass die Empfindlichkeit des Klimasystems am unteren Rand der Prognose liegt – auch wenn ich mir nicht wünsche, dass wir Wissenschaftler uns irren. Immer noch hat die Wissenschaft mit großen Fehlerbalken zu kämpfen. Die Systemempfindlichkeit ist nicht ganz klar. Die Hauptunsicherheit liegt bei den Wolken und der Reaktion des Ozeans auf die Erwärmung. Beides haben wir noch nicht so weit verstanden, dass die Fehlerbalken nur noch bei einigen zehn Prozent lägen.

Die Voraussagen, die die Wissenschaft getroffen hatte, sind zuletzt aber von den Realitäten überholt worden, beispielsweise bei der Bedeckung der Arktis mit Meereis.

Das stimmt. Was die Folgen der Erwärmung angeht, ist das System empfindlicher, als wir es eingeschätzt hatten. Aber bei der Modellierung der Erwärmung mit einer Verdopplung des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre zeigen die Ergebnisse noch eine große Bandbreite.

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Die Klimakonferenz COP 18 verabredete 2012 in Katar, bis 2015 einen neuen Weltklimavertrag zu schließen. (Foto: Reimer)

Die Aussagen der Wissenschaft sind heute viel sicherer als damals. Jeder Gebildete weiß heute, dass Klimaveränderungen durch menschliche Tätigkeit verursacht werden. Anfang November veröffentlichte der Zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaveränderung IPCC seinen Synthesebericht. Der ist in seiner Aussage so eindeutig wie noch nie. Dieser Bericht ist von allen 196 Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention angenommen worden. Die Länder haben also jetzt keine Ausrede mehr, noch mit Klimaschutz zu zögern.

Interview: Nick Reimer

Unser Lima-Countdown:Bild

Teil 1: Alles steht und kippt mit Lima
Teil 2: Drei Fonds, aber kein Geld
Teil 3: "Kein rechtlicher Schutz für Klimaflüchtlinge"
Teil 4: Die Welt tüftelt am Kohlendioxid-Preis
Teil 5: Warum UN-Klimaverhandlungen wichtig sind
Teil 6: Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung
 
Teil 7: "Wir brauchen eine neue Klimapolitik"
Teil 8: COP 21 wird die Welt nicht retten
Teil 9: "Helmut Kohl wollte mehr Umweltthemen"

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