Anzeige

Die Welt tüftelt am Kohlendioxid-Preis

BildAuf dem Klimagipfel in Lima geht es um Ziele und Zeitpläne, weniger um die Instrumente, jene zu erreichen. Die Misere des europäischen Emissionshandels zeigt aber, dass über die Mittel mehr geredet werden muss. Ausgerechnet China, der größte Emittent der Welt, könnte Europa beibringen, wie der Einstieg in den überfälligen Strukturwandel gelingt. Teil 4 unseres Lima-Countdowns.

Von Benjamin von Brackel

Die Ankündigung der Revolution benötigte nicht mal eine DIN-A-4-Seite. Auf dem New Yorker Klimagipfel im September veröffentlichte die Weltbank ein Dokument , das zur Einführung eines weltweiten CO2-Preises aufrief. Der Erklärung schlossen sich 74 Staaten an, darunter China, Russland und Deutschland, außerdem sieben US-Bundesstaaten, die Städte Tokio, Vancouver und Rio de Janeiro sowie Weltkonzerne aus der Mineralöl-, Energie- und Flugverkehrsbranche.

Bild
Es regt sich etwas auf der Welt: Langsam scheinen Politiker, Konzerne und Bevölkerungen einzusehen, dass die alte auf fossile Energien bauende Wirtschaftsweise nicht mehr zu halten ist. (Foto: Nick Reimer)

Auch wenn der Aufruf unverbindlich blieb, so demonstrierte er vor den Klimakonferenzen in Lima und Paris Enschlossenheit: Die Unterzeichner erkennen an, dass nicht länger umsonst in die Luft gepustet werden darf, was das Leben auf der Erde zerstört. Mit welchem Mechanismus die Länder aber loskommen sollen von Kohle und Öl, ließ die Erklärung bewusst offen: Möglich sei ein Emissionshandel, wie es ihn in Europa, in einigen US-Bundesstaaten oder chinesischen Provinzen gibt. Aber auch eine CO2-Steuer sei denkbar, wie sie Südafrika und Chile gerade eingeführt haben. Über 40 Staaten haben bereits die eine oder andere Form der Kohlenstoff-Bepreisung eingeführt.

Oft hängt aber gerade der Erfolg der Treibhausgas-Reduktion an der Wahl des richtigen Mittels. Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), fordert deshalb die Verhandler auf den Klimakonferenzen auf, weniger über Ziele und Zeitpläne als über die Mittel zu reden, jene zu erreichen. Denn neben Europa hätten auch viele andere Länder ambitionierte Ziele – aber keine passenden Instrumente. "Die Emissionen laufen uns trotzdem aus dem Ruder", sagt Edenhofer.

Bolivien gegen Emissionshandel

Am europäischen Emissionshandel ist das gut zu erkennen: Die Preise für die Zertifikate liegen unter fünf Euro. Das hängt mit der Wirtschaftskrise seit 2008 zusammen und der Ausschüttung von zu vielen kostenlosen Zertifikaten. Laut Edenhofer spielt aber vor allem ein anderer Grund beim niedrigen Preis eine Rolle: Die Investoren erwarten nicht, dass die Politik in absehbarer Zeit die Reform des Emissionshandels wirklich anpackt. Solange aber die Preise im Keller bleiben, investieren die Unternehmen weiter in neue Kohlekraftwerke, die über Jahrzehnte Bestand haben und die vergleichsweise sauberen Gaskraftwerke aus dem Markt drängen.

Der niedrige Preis bietet aber keinen Anreiz, die Kohle im Boden zu lassen. Dabei muss die Mehrzahl der fossilen Energien genau dort bleiben, will die Welt noch das Zwei-Grad-Ziel schaffen. Edenhofer schlägt deshalb einen Mindestpreis für Kohlendioxid vor, um so einen Einstieg in eine kohlenstoffarme Wirtschaft zu finden. "Wenn der CO2-Preis nicht kommt in den nächsten zehn Jahren, dann werden wir scheitern", sagt der Wissenschaftler.

Auch Felix Matthes vom Öko-Institut sieht im Mindestpreis ein mögliches Mittel, um den Emissionshandel effizienter zu machen und alte Kohlekraftwerke aus dem Markt zu drängen. Allerdings hält er es für utopisch, dass die Verhandler auf den UN-Klimakonferenzen auch über solche Instrumente reden. "Wir können uns ja schon kaum über das Ziel einigen", sagt der Experte für internationale Klimapolitik. Die Kulturen und Ideologien würden einfach zu weit auseinander klaffen.

So lehnt es etwa Bolivien kategorisch ab, einen Handel mit Verschmutzungsrechten einzuführen, weil das nur einen Markt stütze, der überhaupt erst für die klimaschädliche Produktionsweise verantwortlich sei. Andererseits ist es Matthes zufolge kaum denkbar, dass etwa Europa eine Klimaschutz-Lösung außerhalb des Marktes wählt. "Es wird niemals das eine Instrument geben, mit dem das ganze Problem gelöst wird."

Trend geht zur Mischform

Der Trend geht zur Mischform. Europa hat sich erst im Oktober eine Marktstabilitätsreserve für die Zeit nach 2020 verordnet, damit der Emissionshandel wieder Signale zum Klimaschutz gibt: Wie bei einer Zentralbank fürs Klima werden die Auktionen neuer Zertifikate ausgesetzt, wenn es wie derzeit zu viele Emissionsrechte gibt. Schlägt das Pendel zur anderen Seite aus, kommen die Zertifikate wieder in den Handel. Ein reines Marktinstrument ist der Emissionshandel damit nicht mehr.

In den USA wiederum schreibt der Clean Action Plan den Bundesstaaten je nach Wirtschaftsleistung Emissionsobergrenzen vor. Wie sie die erreichen, bleibt ihnen selbst überlassen – über eines der regionalen Emissionshandelssysteme oder über Vorgaben zur Kraftwerkseffizienz etwa.

China hingegen hat neben diversen Klimaschutzmaßnahmen in den Millionenstädten bereits in mehreren Provinzen Emissionshandelssysteme ausprobiert und plant noch in dieser Dekade einen landesweiten Handel. In diese Richtung geht auch die Ankündigung des chinesischen Staatsrats Mitte November, den Energieverbrauch ab 2020 zu deckeln. Auch wenn die Obergrenzen hoch gewählt sind, so will China mit der Deckelung des Kohle-, Stahl- und Zementverbrauchs einen Strukturwandel erreichen, der langfristig sowohl das Klima schützen als auch die Wirtschaft auf eine CO2-arme Zukunft einstellen soll.

Zumindest in diesem Punkt könnte China auch für Deutschland ein Vorbild sein: "Bei uns geht es um die Zementierung der Grundstrukturen. Eine Deckelung des Stahlverbrauchs etwa wäre hier undenkbar", sagt Matthes.

Bild
Emissionshandel oder CO2 -Steuer – es gibt nicht das eine Allheilmittel, um den Treibhausgas-Ausstoß zu senken. (Foto: Sabine Vielmo/Greenpeace)

Und so testen die Länder rund um den Erdball noch vorsichtig neue Wege, um sich allmählich von den fossilen Ressourcen zu entwöhnen. Das erinnert an eine Elefantenhorde, die sich nach langer Rast an einer versiegenden Wasserquelle aufrappelt und – noch etwas unwillig – in Bewegung setzt. Ob das Umdenken noch rechtzeitig genug kommt? Es wird knapp.

Unser Lima-Countdown:Bild

Teil 1: Alles steht und kippt mit Lima
Teil 2: Drei Fonds, aber kein Geld
Teil 3: "Kein rechtlicher Schutz für Klimaflüchtlinge"
Teil 4: Die Welt tüftelt am Kohlendioxid-Preis

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen