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Alles steht und kippt mit Lima

Die globale KonzentrationBild der Treibhausgase darf nur noch wenig ansteigen. Nach einem Temperaturanstieg von zwei Grad drohen Kipp-Systeme, die den Klimawandel zum Selbstläufer machen. Deshalb soll 2015 in Paris ein neuer Weltklimavertrag beschlossen werden, der erstmals alle Staaten verpflichtet, Treibhausgase einzusparen. Die Klimakonferenz in Lima muss dafür wichtige Vorleistungen bringen. Teil 1 unseres Lima-Countdowns.

Von Nick Reimer

Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen: Zum ersten Mal haben Wissenschaftler des Observatoriums auf Hawaii am 9. Mai 2013 eine Konzentration von 400 Teilen Kohlendioxid pro einer Million Teilen Atmosphäre gemessen – englisch parts per million, ppm.

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Das globale Referenz-Observatorium Mauna Loa auf Hawaii hat im Mai 2013 erstmals ein Tagesmittel über 400 ppm Kohlendioxid in der Atmosphäre gemessen. (Foto: University Corporation for Atmospheric Research/Wikimedia Commons)

Mitte des 19. Jahrhunderts – das haben Eisbohrkern-Untersuchungen ergeben – lag die Treibhausgas-Konzentration noch bei 280 ppm. Als die Wissenschaftler 1958 auf dem 4.170 Meter hohen Vulkan Mauna Loa mit ihrer Messreihe begannen, war der Wert bereits auf 315 ppm gestiegen.

1992 kletterte die Konzentration auf 358 ppm. Es war das Jahr, in dem die UN-Klimarahmenkonvention beschlossen wurde. Mit ihr verpflichteten sich die mittlerweile 194 Vertragsstaaten, "die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre auf einem Niveau zu stabilisieren, das eine gefährliche menschliche Beeinflussung des Klimasystems vermeidet". Damit wurde die Erderwärmung offiziell zur vordringlichsten Bedrohung der Menschheit erklärt. I Artikel 7 wurde eine "Konferenz der Vertragsstaaten" festgeschrieben. Das war die Geburt der Weltklimakonferenzen.

Die 20. dieser Konferenzen tritt am 1. Dezember in Perus Hauptstadt Lima zusammen. Und selten war eine "Zwischenkonferenz" so wichtig: Lima muss Fortschritte beim Kyoto-Protokoll, bei den Finanzen und beim Waldschutzmechanismus REDD bringen, damit auf der Konferenz 2015 in Paris ein neuer Weltklimavertrag beschlossen werden kann. Vor allem aber muss dieser Vertragstext schon in Lima in seinen Grundzügen fertig werden. Den Entwurf dafür hatten die Vorsitzenden der entsprechenden Verhandlungsgruppe im Juli vorgelegt.

Reduktionsziele für alle Länder

Erstmals sollen demnach alle Staaten zum Einsparen von Treibhausgasen verpflicht werden – auch jene, die so geringe Pro-Kopf-Emissionen haben, dass sie überhaupt nicht zum Problem beitragen. Im Gegenzug sollen die Staaten des Südens ab 2020 mit jährlich 100 Milliarden US-Dollar entschädigt und in die Lage versetzt werden, sich an die bereits eingetretenen Folgen der Erderwärmung anzupassen. Völlig unklar ist allerdings, wie der dafür eingerichtete Grüne Klimafonds mit Geld gefüllt werden soll.

Um nicht wieder – wie in Kopenhagen 2009 – zu scheitern, hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon eine Diplomatie-Offensive gestartet. Auf dem sogenannten Ban-Ki-Moon-Gipfel im September sollten sich die Staatschefs gegenüber der UNO zu konkreten Reduktionszielen verpflichten. In einem zweiten Schritt sollte bis März 2015 analysiert werden, ob die zugesagten Ziele fair verteilt und ausreichend für das Zwei-Grad-Limit sind. Allerdings wurde daraus nichts: Kein einziger Staat stellte ein neues Klimaziel vor.

Das lag vor allem an den USA: Präsident Barack Obama hatte mit Verweis auf die Midterm Elections angekündigt, erst nach den Wahlen das Klimaziel der USA vorzustellen. Obamas Demokraten verloren die Wahl krachend. Allerdings stellte der US-Präsident danach trotzdem eine Einigung mit China vor: Die USA wollen ihre Emissionen bis 2025 um 26 bis 28 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005 reduzieren. China hat sich im Gegenzug dazu verpflichtet, dass seine Emissionen spätestens im Jahr 2030 ihren absoluten Höhepunkt erreichen und anschließend sinken werden.

Beide Ziele reichen zwar nicht aus, um die Zwei-Grad-Grenze einzuhalten. Sie ermöglichen aber eine neue Klimadiplomatie: China stellte bis dato die USA an den Pranger und forderte, dass sie als Verschmutzer mit ihrer historischen Verantwortung vorangehen müssten. Die USA wiederum wollten nur einen Vertrag akzeptieren, der auch das aufstrebende China mit Reduktionspflichten belegt. In Washington grassierte die Angst vor dem ökonomischen Abstieg. "50 Prozent der US-amerikanischen Klimaschutzpolitik betrifft China", urteilte Alexander Ochs, Leiter der Abteilung für Internationale Klimapolitik beim renommierten Worldwatch Institute. China und die USA sind zusammen für 40 Prozent der globalen Treibhausgasproduktion verantwortlich.

Die Gefahr der Kipp-Elemente

In Kraft treten soll der neue Welt-Klimavertrag 2020. Die lange Übergangsfrist ist notwendig, um den UN-Vertrag zu ratifizieren, also völkerrechtlich in nationales Recht zu überführen. Die Parlamente Belgiens, Russlands oder Kenias müssen dem Vertrag genauso zustimmen wie alle anderen Parlamente der 194 Vertragsstaaten. Beim Kyoto-Protokoll, dem bislang geltenden Weltklimavertrag, dauerte diese Prozedur acht Jahre.

Die Wissenschaft betrachtet eine Konzentration von 450 ppm als Obergrenze, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit wäre eine solche Erderwärmung beherrschbar, jenseits dieser Grenze aber werden sogenannte Kipp-Elemente ausgelöst, die die Erderwärmung verselbständigen.

Beispielsweise sind unter den dauergefrorenen Permafrostböden Sibiriens oder Nordamerikas Milliarden Kubikmeter Methan "gefangen" – ein 24-mal aggressiveres Klimagas als Kohlendioxid. Taut der Permafrost auf, ist es egal, ob der Mensch Klimaschutz betreibt oder nicht: Gegen die Dynamik eines solchen Effekts gäbe es kein Gegenmittel mehr.

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Die Klimakonferenz von Doha 2012 ergab ein Verhandlungsmandat, mit dem 2015 in Paris ein neuer Weltklimavertrag beschlossen werden soll. (Foto: Nick Reimer)

Um am Ende des Jahrhunderts den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, darf die Konzentration der Treibhausgase also 450 ppm nicht überschreiten. Im Mai 2013 ist die Schwelle von 400 ppm zum ersten Mal überschritten worden. "So hoch wie heute ist die Treibhausgas-Belastung der Atmosphäre zuletzt vor zwei Millionen Jahren gewesen", erklärte Pieter Tans von der US-Ozeanografiebehörde NOAA. "Damals war der Meeresspiegel zwischen zehn und 20 Metern höher als heute."

Trotzdem kommen derzeit jährlich zwei ppm hinzu.

Unser Lima-Countdown:Bild

Teil 1: Alles steht und kippt mit Lima

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