"Was fehlt, ist Wahrheit"

Das Porträt: Einer von 13.000

Bild 13.000 Delegierte und Beobachter suchen auf der Klimakonferenz in Lima derzeit den Fortschritt. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: Mels Jeleussisow, Mitglied der Regierungsdelegation aus Kasachstan.

Kasachstan hat sieben Klimadiplomaten nach Lima geschickt. "Ich bin der einzige, der aus der Zivilgesellschaft kommt", sagt Mels Jeleussisow. Der 65-jährige Jurist leitet die "Ecological Union of Associations and Enterprises of Kazakhstan" – oder einfach kurz "Tabigat", übersetzt "Natur". 

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Hat es als Umweltschützer in einer Öl- und Gas-Oligarchie schwer: Mels Jeleussisow. Sein Heimatland Kasachstan ist der neuntgrößte Staat der Erde, hat aber nur so viele Einwohner wie Nordrhein-Westfalen. (Foto: Nick Reimer)

Jeleussisow hat die Organisation vor 25 Jahren in dem zentralasiatischen Land mitgegründet. "Zweimal bin ich Präsidentschaftskandidat in Kasachstan gewesen. Das habe ich genutzt, um in meinem Wahlkampf auf die Umweltzerstörung und das Klimaproblem aufmerksam zu machen." "Tabigat" kenne in Kasachstan heute jeder.

Mels – das ist die Abkürzung für Marx, Engels, Lenin, Stalin. "Meine Eltern waren überzeugte Kommunisten", sagt Jeleussisow, deshalb laufe er nun mit diesem Namen durchs Leben. Ihn selbst hat die Kommunistische Partei ausgeschlossen, zu einer Zeit, als Kasachstan noch zur Sowjetunion gehörte. "Weil ich dagegen protestiert habe, wie die Staatsmacht mit der Natur umgeht."

Das Umweltministerium wurde gerade abgeschafft

Für ihn ist es schon die sechste Weltklimakonferenz. Besonders viel hält Mels Jeleussisow aber nicht von dem Verhandlungsprozess: "Guckt euch doch um: Das sind alles kluge Leute hier, Wissenschaftler, Professoren, Politiker. Und trotzdem schaffen sie es einfach nicht, ein vernünftiges Abkommen zustande zu bringen." Dabei sei es doch einfach: "Fabriken, Verkehr und Mülldeponien – das sind die wichtigsten Quellen von Treibhausgasen." Die Fabriken auf nachhaltiges Wirtschaften umstellen, den Verkehr zu einem umweltgerechten öffentlichen Verkehr umbauen und den Müll recyceln – "wir wissen doch längst, wie es funktioniert".

Leider wisse man auch, was passiert, wenn weiterhin nichts passiert. "Vor zehn Jahren waren 66 Prozent der kasachischen Landesfläche Wüsten und Steppen. Heute sind es 70 Prozent." Im Landesdurchschnitt habe sich die Temperatur allein seit dem Jahr 2000 um 0,75 Grad erhöht. "Und was passiert? Nichts. Kasachstans Regierung hat gerade das Umweltministerium abgeschafft – und glaubt wohl, damit auch die Umweltprobleme abgeschafft zu haben."

Was natürlich ein Witz sei: "In Kasachstan ist das Öl- und Gasgeschäft in der Hand der Regierungseliten. Die bereichern sich, aber bei den normalen Menschen kommt nichts davon an." Darf man so etwas als Mitglied einer Regierungsdelegation auf der Klimakonferenz überhaupt sagen? "Man muss es sagen. Ohne Wahrheit werden diese Verhandlungen hier keinen Erfolg haben."

"Die Lebensweise in den Industriestaaten ist die Ursache"

Deshalb laufe der Klima-Prozess auch so zäh, "weil zu wenig Wahrheit in den Verhandlungen ist". Die Lebensweise der Menschen in den Industriestaaten sei der Ursprung aller Umweltprobleme, "aber die Industriestaaten weigern sich, das einzugestehen und entsprechend Verantwortung zu übernehmen".

Wahr sei aber auch, dass sein eigenes Land Teil des Problems ist, sagt Jeleussisow. "Es gibt kein Klimaziel in Kasachstan, es gibt keinen Willen zur Transformation der Wirtschaft, warum auch, wenn die Eliten mit dem Gas und Öl prächtig Geld verdienen." Kasachstans Pro-Kopf-Ausstoß an Treibhausgasen hat sich in nur 15 Jahren verdoppelt, mit 15,5 Tonnen pro Jahr und Einwohner belegt das Land einen Spitzenplatz in der Liste der Klimasünder. Nur 15 Staaten sind noch schlechter.


"Wir wissen doch längst, was getan werden müsste" – Mels Jeleussisow im Gespräch mit klimaretter.info-Korrespondentin Angelina Davydova. (Foto: Reimer)

Im Jahr 2017 will Kasachstan eine Weltmesse für "Grüne Wirtschaft" ausrichten. Das immerhin macht Mels Jeleussisow Hoffnung. "Hier auf der COP ist alles so abstrakt". Eine Messe zeige dagegen konkrete Lösungsvorschläge. "Was Praktisches! So was brauchen wir, um die Probleme zu lösen."

Aufgezeichnet von Angelina Davydova

Andere von 13.000:

Emissionshandels-Spezialistin Santikarn: "Andere Systeme laufen"
Mels Jeleussisow aus Kasachstans Delegation:
"Es fehlt Wahrheit"
Agentur-Journalist Wei Xin:
"China erreicht sein Klimaziel früher"
Nobelpreisträger Al Gore:
"Ja, wir müssen, ja, wir können"
US-Umweltaktivist James Jordan:
"Die Welt reorganisieren"
Entwicklungshelfer Foezullah Talukder:
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Umweltschützerin Tatjana Schauro:
"Russland tut viel zu wenig"
Deutschlands Delegationsleiterin Wilke:
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Nomadin Hindou Oumarou Ibrahim:
"Frauen wissen mehr"
"Capacity Building"-Spezialist Moussa:
"Ich hab so meine Zweifel!"

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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

 

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