"Andere Systeme laufen besser"

Das Porträt: Eine von 13.000

Bild13.000 Delegierte und Beobachter suchen auf der Klimakonferenz in Lima derzeit den Fortschritt. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: Marissa Santikarn, Spezialistin für Emissionshandelssysteme aus Australien.

"Weltweit gibt es 17 Emissionshandelssysteme", sagt Marissa Santikarn. Die 26-jährige Australierin arbeitet bei International Carbon Action Partnership (ICAP), einem Thinktank, der CO2-Handelssysteme untersucht. "Das älteste, größte ist natürlich der europäische Emissionshandel ETS", sagt Santikarn. Im nächsten Jahr wird das System zehn Jahre alt. Allerdings funktioniert der Handel nicht richtig, es sind zu viele Verschmutzungsaktien im Markt, weshalb der Preis für die Emissions-Zertifikate im Keller ist. "Als Vorreiter muss der ETS viel Lehrgeld zahlen", urteilt Santikarn.

Bild
Marissa Santikarn hat den Emissionshandel weltweit untersucht und herausgefunden: In Nordamerika funktioniert er am besten. (Foto: Reimer)

"Andere Systeme funktionieren besser", so das Urteil der Expertin, die Jura und Staatswissenschaften studiert hat. US-Bundestaaten im Norden und Osten haben sich beispielsweise zur Regional Greenhouse Gas Initiative zusammen geschlossen, in China haben sieben Provinzen einen Emissionshandel aufgebaut. Auch Peking und Shanghai betreiben ein Emissionshandelssystem. "Ziel ist, 2017 in ganz China ein Zertifikate-Handelssystem einzuführen."

Besonders gut klappt nach Santikarns Einschätzung der Emissionshandel in Kalifornien. "Dort ist ein Mindestpreis von zwölf Dollar festgeschrieben, und der steigt jedes Jahr langsam an." Außerdem gibt es eine Art Zentralbank, die eine Preispolitik betreibt: Sind zu viele Zertifikate auf dem Markt, werden einige vorrübergehend stillgelegt, sind zu wenige verfügbar – und der Preis steigt exorbitant – kann die Zentralbank solche Zertifikate wieder in den Markt geben, um die Belastung für die Wirtschaft erträglich zu halten.

Im vergangenen Jahr hat sich der kalifornische Emissionshandel mit dem der kanadischen Provinz Québec zusammengeschlossen. "Jetzt können Firmen aus Kanada in Kalifornien Zertifikate kaufen und umgekehrt." Santikarn vergleicht das mit der Eurozone, wo auch alle mit einer Währung bezahlen. Das müsse das Ziel sein: immer mehr Handelssysteme miteinander kompatibel zu machen: "Ein weltweiter Emissionshandel wäre wünschenswert." Santikarn räumt aber ein, dass das politisch schwer umzusetzen ist.

Sauer auf das Heimatland

Neuseeland hat ein Handelssystem, die Schweiz, die Stadt Tokio. "Am 1. Januar startet Südkorea." 17 solcher lokalen Systeme werden dann weltweit arbeiten, und Aufgabe von Santikarns Denkfabrik ist es, die besten Ansätze herauszufinden, die für den Klimaschutz effizientesten Konstruktionen. Die Zentrale der International Carbon Action Partnership hat ihren Sitz in Berlin.

Nach Lima ist Santikarn mit ihrem Thema gekommen, um auf einem Side Event die Erfahrungen aus Québec und Kalifornien vorzustellen. Side Events, das sind die zahlreichen Nebenveranstaltungen der Klimakonferenz, auf denen zum Beispiel neue Erkenntnisse der Wissenschaft präsentiert werden. "Es gibt gute Erfahrungen", sagt die in Thailand geborene junge Frau. Und: Bereits 40 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts stammten aus Firmen, die zur Teilnahme an einem Emissionshandelssystem verpflichtet sind.

Auf ihr eigenes Land ist Marissa Santikarn überhaupt nicht gut zu sprechen. "Nirgendwo in der Welt regiert ein Klimaskeptiker – außer in Australien." Mit fast 17 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr zählt ihr Land zu den schlimmsten Klimasündern, nur 13 Länder sind noch schlimmer. "Dabei spüren wir in Australien die Auswirkungen der Erderwärmung bereits heute sehr deutlich." Dürre und Hochwasser wechseln sich ab, die Zahl der Extremwetterereignisse sei rapide gestiegen.


Im Zentrum für Side Events in Lima: Marissa Santikarn wird oft um Rat gefragt. (Foto: Reimer)

Eigentlich hatte Australien angefangen, Klimaschutz ernst zu nehmen. Als erste Amtshandlung nach seiner Vereidigung setzte 2007 der damalige Ministerpräsident Kevin Rudd das Kyoto-Protokoll in nationales Recht um – damit waren die USA weltweit isoliert. Australien führte eine CO2-Steuer ein und baute ein Emissionshandelssystem auf. "Das hat der Klimaskeptiker Tony Abbott alles wieder abgeschafft." Jetzt will der liberal-konservative Premier auch noch aus dem Kyoto-Protokoll aussteigen. In Lima haben die Umweltschützer der australischen Delegation mehrfach den Schmähpreis "Fossil of the Day" verliehen – wegen ihrer destruktiven Verhandlungspolitik.

Aufgezeichnet von Nick Reimer

Andere von 13.000:

Emissionshandels-Spezialistin Santikarn: "Andere Systeme laufen"
Mels Jeleussisow aus Kasachstans Delegation:
"Es fehlt Wahrheit"
Agentur-Journalist Wei Xin:
"China erreicht sein Klimaziel früher"
Nobelpreisträger Al Gore:
"Ja, wir müssen, ja, wir können"
US-Umweltaktivist James Jordan:
"Die Welt reorganisieren"
Entwicklungshelfer Foezullah Talukder:
"Ich bin ziemlich verärgert"
Umweltschützerin Tatjana Schauro:
"Russland tut viel zu wenig"
Deutschlands Delegationsleiterin Wilke:
"Ich versteh die Ungeduld!"
Nomadin Hindou Oumarou Ibrahim:
"Frauen wissen mehr"
"Capacity Building"-Spezialist Moussa:
"Ich hab so meine Zweifel!"

Bild 

Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

 

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen