"Ja, wir müssen, ja, wir können"

Das Porträt: Einer von 13.000

Bild 13.000 Delegierte und Beobachter suchen auf der Klimakonferenz in Lima derzeit den Fortschritt. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: Al Gore, Ex-Vizepräsident der USA, Nobelpreisträger und Oscar-Gewinner.

Wenn Al Gore eine Bühne betritt, schafft er es noch immer innerhalb von Sekunden, seine Zuhörer in den Bann zu ziehen und eine starke Pointe zu setzen. Am Donnerstag spricht der ehemalige Vizepräsident der USA vor den Verhandlern in Lima auf der UN-Klimakonferenz. Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gebildet, die Wangen haben die typische Röte angenommen. Gore holt mit den Armen aus, gestikuliert und erklärt mit druckvoller Stimme, warum es Zeit zum Handeln ist.

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Gast auf jeder Klimakonferenz: Al Gore wird von den einen gefeiert, von den anderen nur müde beklatscht. (Foto: von Brackel)

"Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann wird uns die Generation unserer Kinder eines Tages, in nicht allzu ferner Zeit, eine Frage stellen", sagt er. "Dann, wenn die Welt durch Supertaifune und Wirbelstürme verwüstet ist, wenn das Leben auf der Erde zerrüttet ist, wenn Millionen von Klimaflüchtlingen in der Welt umherwandern und all die anderen Folgen des Klimawandels eintreten, die der Weltklimarat prognostiziert hat. Dann werden unsere Kinder uns fragen: Was habt ihr euch damals bloß gedacht?"

Er kommt zum Ende: "Lasst uns die Ketten der Vergangenheit abwerfen", ruft er. "Ja, wir müssen! Ja, wir können!" Gore umarmt Christiana Figueres, die Chefin des UN-Klimasekretariats, das ihn eingeladen hatte zu sprechen. Freundlicher Applaus setzt ein, wenn auch kein begeisterter. Die Sitze im Plenarsaal weisen viele Lücken auf, die Delegierten kennen inzwischen die Reden von Gore, der Stammgast auf den Klimakonferenzen ist und sozusagen zum Inventar gehört. Manche von ihnen fragen sich, warum Gore nicht in seiner Zeit als Vizepräsident mehr für den Klimawandel getan hat.

Gore hat den Klimaleugnern zugesetzt

Im Gegensatz zur mauen Begeisterung im Plenarsaal ist Gore bei vielen Klimaaktivisten ein Star. Mit seinem Film "Eine unbequeme Wahrheit" hatte er die Stimmung in den USA gedreht und das Bewusstsein für den Klimawandel geweckt. Für die starke Gruppe der sogenannten Klimaleugner in den USA war das ein herber Rückschlag. Für seinen Film bekam Gore einen Oscar, außerdem auch noch den Friedensnobelpreis. Seitdem tourt er um die Erde, zuletzt lief er in erster Reihe auf der Demonstration in New York mit, der größten Klimademo aller Zeiten. Mit seiner Mission verdient Gore auch gut Geld.

Mit seinem Tross zieht Al Gore weiter in einen anderen Flachbau auf dem Gelände der Klimakonferenz. Hier soll Gore erklären, warum die Informations- und Kommunikationstechnologien so wichtig sind im Kampf um den Klimaschutz. "Er ist rastlos, er hört nicht auf, er versucht immer noch, die Staatsführer zu überzeugen", wird der 56-Jährige vorgestellt. Gore überfliegt noch ein paar Papiere, streicht in ihnen herum, dann geht er ans Podium.

Er erzählt von der Zivilisationsgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte, die auf billiger fossiler Energie gegründet war und noch heute gründet. "85 Prozent aller Energie basieren auf fossilen Energien." Um das zu ändern, könnten Kommunikationsmittel helfen, schlägt Gore den Bogen: Vernetzte Lampen, intelligente Heizungs- und Transportsysteme, effiziente Motoren. "Es ist ziemlich einfach, das aufzubauen", sagt er.

"Macht den Markt zu eurem Verbündeten"

In der Diskussion wird er nach der Lösung des Kohleproblems gefragt. "Das ist eine einfache Frage", sagt Gore. "Gebt dem CO2-Ausstoß einen Preis und der Markt wird zu eurem Verbündeten." Der Moderator wird ungeduldig, er weiß um Gores eng getakteten Zeitplan.

Gore eilt aus dem Saal, kommt aber nur bis zum Ausgang. Eine Meute bewaffnet mit Tablets und Smartphones will Fotos oder Autogramme. Gore posiert für ein Gruppenfoto, dann noch eins. Immer nur ein paar Meter kommt er voran. Wie ein Schwarm Bienen umfliegen ihn die Fotografen und Fans, Klimaaktivisten stecken ihm Flyer von ihren Programmen zu. "Herr Gore, es wäre großartig, wenn Sie unser Projekt unterstützen könnten", sagt ein Junge. Gore nimmt das Papier in die Hand. "Großartig, ich schau's mir an", sagt er und eilt weiter. Überall, wo er vorbeikommt, gehen die Blicke nach oben, Handys werden hochgestreckt.

Nach zehn Minuten ist der Gründer der Umweltorganisationen "Allianz für Klimaschutz" und "Das Klimaprojekt" im nächsten Gebäude angekommen, betritt einen Saal und steuert direkt auf das Podium zu. Eine junge Frau im Blumenrock schießt ein Foto mit ihm. Als sie wieder zum Ausgang steuert, sagt sie mit einem breiten Grinsen und leuchtenden Augen zu ihrer Begleiterin: "Donnerwetter!"


Rastloser "Überzeugungstäter": Oskar- und Nobelpreisträger Al Gore. (Foto: von Brackel)

Gore wischt sich derweil mit einem Tuch den Schweiß aus Stirn und Nacken. Dann richtet er das Mikro und spult routiniert sein Programm herunter. Er sei optimistisch, was den Kampf gegen den Klimawandel angeht, sagt er, kommt zu den Erneuerbaren und über einen Vergleich mit der Revolution der Handys ist er wieder beim Technologiethema.

Aufgezeichnet von Benjamin von Brackel

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Emissionshandels-Spezialistin Santikarn: "Andere Systeme laufen"
Mels Jeleussisow aus Kasachstans Delegation:
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Nobelpreisträger Al Gore:
"Ja, wir müssen, ja, wir können"
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Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

 

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