Schwerpunkte

Meeresspiegel | E-Mobilität | Wahl

"Ich bin ziemlich verärgert"

Das Porträt: Einer von 13.000

Bild 13.000 Delegierte und Beobachter suchen auf der Klimakonferenz in Lima derzeit den Fortschritt. In einer kleinen Serie stellt klimaretter.info einige von ihnen vor. Heute: Foezullah Talukder aus Bangladesch, dem in den letzten sieben Jahren viermal das Haus weggespült wurde.

"Die Geschwindigkeit, mit der die Erderwärmung unsere Lebensgrundlagen in Bangladesch vernichtet, hat enorm zugenommen", sagt Foezullah Talukder von der Christlichen Kommission für Entwicklung in Bangladesch. Die Zyklone, die ihre Salzwasser-Wellen ins flache Küstenland peitschen, seien viel intensiver geworden. Genauso wie die Fluten, die aus den Bergen kommen. "Wir Bangladescher sind dazwischen eingesperrt", sagt Talukder.


Foezullah Talukder aus Bangladesch auf der COP 20, der 20. Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Peru. (Foto: Reimer)

Bangladesch ist mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 814 Euro pro Jahr eines der ärmsten Länder der Welt. Nur 25 Länder sind noch ärmer. "Die Menschen leben von der Natur", sagt Talukder. Die habe aber der Klimawandel schon durcheinandergebracht. "Es dauert sieben bis acht Jahre, bis die versalzenen Ackerböden wieder rekultiviert sind." Weil aber immer öfter die Zyklone das Meerwasser ins Landesinnere drücken, kann an vielen Stellen der Boden gar nicht mehr fruchtbar gemacht werden.

"Die Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage", sagt Talukder. Er hat das am eigenen Leib erfahren, viermal haben ihm die Fluten in den letzten sieben Jahren Haus und Hof weggespült, mit allem was er hatte. "Meine Familie lebt an einem Fluss", sagt der Mittdreißiger. Die sintflutartigen Regenfälle in den Bergen haben den Fluss so stark anschwellen lassen, dass er einen 300 Meter breiten Uferstreifen weggerissen hat. Und mit ihm Foezullah Talukders Haus. "Wir haben damals gedacht, das sei einmalig gewesen, und haben das neue Haus 300 Meter weit vom Fluss entfernt gebaut". Bis dann die nächste Flutwelle kam und sich das nächste Haus holte. Und noch eins und noch eins. "Nach einem Buschfeuer kannst du neu anfangen. Bei weggespültem Land ist das aber schwer."

Mitmischen bei den Verhandlungen

Dabei konnte sich Talukder, der überwiegend in der Hauptstadt Dhaka arbeitet, die Neubauten leisten. "Die meisten können das nicht." In Bangladesch gibt es schon heute Klimaflüchtlinge, nur dass sie nicht so genannt werden. "Die ziehen dann meistens in die Hauptstadt, aber dort finden sie auch kein Auskommen".

"Ich bin ziemlich verärgert", sagt Foezullah Talukder. Während zu Hause die Naturgewalten immer häufiger toben, diskutiert die Klimakonferenz über Verfahrensfragen. "Der UN-Prozess ist der langsamste, den es je gab. Wir haben aber keine Zeit mehr!" Deshalb geht Talukder auf die Delegierten der arabischen Staaten, der Europäer oder Chinesen zu, um ihnen von zu Hause zu erzählen. "Die reichen Länder müssen begreifen, was sie bei uns anrichten. Wir brauchen jetzt drastische Reduktionsschritte, vor allem von den Industriestaaten."

Bild
Nicht mehr nur Bunker, sondern Mehrzweckbau: Mit solchen "Cyclone Shelters" – hier einer im Südwesten des Landes, der auch als Verwaltungsgebäude genutzt werden soll – versuchen die Bangladescher die Flutwellen der Tropenstürme zu überleben. (Foto: Verena Kern)

In Lima sind insgesamt 669 Nichtregierungsorganisationen akkreditiert, die 3.627 Beobachter aufs Konferenzparkett geschickt haben. Alle versuchen die Verhandlungen nicht nur zu verfolgen, sondern wie Foezullah Talukder auch zu beeinflussen: Wissenschaftler, Gewerkschafter, Lobbyisten, Umweltschützer, Indigene oder eben Christen wie Talukder. 1.07o Journalisten sind akkreditiert, 6.877 Regierungsvertreter verhandeln in Lima, dazu kommen Delegierte der UN-Organisationen – des Umweltprogramms UNEP, der Katastrophenhilfe UNDRO, des Welternährungsprogramms WFP oder des Wirtschafts- und Sozialrats ECOSOC. "Wir mussten diesmal die Teilnehmerzahl begrenzen", sagt Alexander Saier, Medienkoordinator beim Weltklimasekretariat. Denn teilnehmen wollten noch viel, viel mehr. 

Aufgezeichnet von Nick Reimer

Andere von 13.000:

Emissionshandels-Spezialistin Santikarn: "Andere Systeme laufen"
Mels Jeleussisow aus Kasachstans Delegation:
"Es fehlt Wahrheit"
Agentur-Journalist Wei Xin:
"China erreicht sein Klimaziel früher"
Nobelpreisträger Al Gore:
"Ja, wir müssen, ja, wir können"
US-Umweltaktivist James Jordan:
"Die Welt reorganisieren"
Entwicklungshelfer Foezullah Talukder:
"Ich bin ziemlich verärgert"
Umweltschützerin Tatjana Schauro:
"Russland tut viel zu wenig"
Deutschlands Delegationsleiterin Wilke:
"Ich versteh die Ungeduld!"
Nomadin Hindou Oumarou Ibrahim:
"Frauen wissen mehr"
"Capacity Building"-Spezialist Moussa:
"Ich hab so meine Zweifel!"

Bild 

Alle Beiträge zur COP 20 in Peru
finden Sie in unserem Lima-Dossier

 

 

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen