"Mit zwei Grad gehen wir unter"

Die kleinen Inselstaaten sind besonders vom Klimawandel betroffen – der steigende Meeresspiegel bedroht Inseln und Atolle der Malediven oder Kiribati. Klimaretter.info sprach mit Anote Tong, dem Präsidenten von Kiribati, über seine Forderungen an die internationale Gemeinschaft.

 
klimaretter.info: Herr Präsident, Ihr Land zählt zu den am meisten vom Klimawandel bedrohten Staaten. Wie wirkt sich der Klimawandel konkret auf Kiribati aus?

Anote Tong: Wir beobachten eine Kombination mehrerer Faktoren. Menschen müssen umsiedeln. Auf den verschiedenen Inseln Kiribatis gibt es starke Erosion. Manche Inseln wurden von Flutwellen getroffen. Durchschnittlich liegt Kiribati zwei Meter über dem Meeresspiegel. Der höchste Punkt der Insel Tarawa erreicht kaum drei Meter. Es ist also nur ein kleiner Unterschied zwischen dem Wasserstand bei Flut und dem höchsten Punkt der Insel Tarawa. In Kombination mit dem Meeresspiegelanstieg könnte eine einzige Flutwelle den Lebensraum vernichten.

Welche Möglichkeiten haben Sie, um Erosion, Flutwellen und Meeresspiegelanstieg zu begegnen?

Wir bekommen etwas Unterstützung durch die Anpassungsprogramme von Geberländern und Weltbank. Diese Programme konzentrieren sich aber auf Bewusstseinsbildung und Beratung und nicht auf das Problem selbst. Die Menschen fragen sich natürlich: Wozu brauchen wir Programme für die Bewusstseinsbildung? Es muss um die Probleme vor Ort gehen.

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen Programme, die direkter an die Probleme der Bevölkerung angepasst sind. Einige Inseln setzen zum Beispiel Maßnahmen um, die ihre Küsten schützen. Aber wir können das nicht überall machen, denn Küstenschutz kostet sehr viel Geld. Gegen das größte Problem können wir ohnehin nichts tun: die Änderung des Wetters. Glücklicherweise haben wir bis heute auf Kiribati noch keine Hurrikane und Zyklone erlebt. Von so einem solchen Wetterereignis könnte sich Kiribati nie erholen.

Muss Kiribatis Bevölkerung umsiedeln?

Das ist eine ernsthafte Option und die ersten Gemeinden machen das auch schon. Mit der Zeit wird dies aber schwieriger werden, da wir keine Berge haben, auf die wir uns zurückziehen können. Unsere Möglichkeiten sind also sehr beschränkt.


Der Inselstaat Kiribati ist vom Untergang bedroht. Präsident Anote Tong fordert eine Festlegung der internationalen Gemeinschaft auf nicht mehr als 1,5 Grad Celsius Erderwärmung. (Foto: Angela Kepler/Wikimedia Commons)

Kiribati hat sich, zusammen mit den anderen kleinen Inselstaaten, den AOSIS, immer für eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls eingesetzt. Jetzt scheint AOSIS auch für andere Lösungen offen zu sein. Wie realistisch ist Kyoto noch?

Ich denke, Kyoto hat seinen Zweck erfüllt. Die Dinge entwickeln sich weiter. Es gab viele Veränderungen und wir müssen nach neuen Lösungen suchen.

Wenn also Kyoto nicht gerettet werden kann, was ist Ihr Vorschlag?

Die internationale Gemeinschaft muss sich auf ein Ziel von maximal 1,5 Grad Celsius Erderwärmung einigen. Angesichts der Menge an Treibhausgasen, die bereits in der Atmosphäre sind, ist es wirklich entscheidend, die Emissionen deutlich zu reduzieren.

Oft reden wir über die Zukunft, aber wir sind bereits Opfer. Das können wir nicht rückgängig machen. Der Meeresspiegelanstieg und die Wetterveränderungen werden fortschreiten und wir müssen uns die Frage stellen, was wir tun können, um zu überleben. Die internationale Gemeinschaft konzentriert sich auf alles andere, außer auf die Bedürfnisse der Bevölkerungsgruppen, die am meisten betroffen sind. Manchmal geht es mehr um die Eisbären, und die Menschen werden vergessen.

Woran liegt das?

Kiribati ist eine kleine Gemeinschaft. Auf der Erde leben mehrere Milliarden Menschen. Wir sind nur 100.000. Diese Zahl ist verschwindend gering, wenn man zum Beispiel an die Milliarden Chinesen denkt. Sie werden zwar auch Schaden erleiden, aber sie haben Orte, an die sie ziehen können. Wir können das nicht. Für uns bedeutet der Klimawandel, dass unser ganzes Volk zur Ausrottung getrieben wird.

Ich hoffe, in dieser Hinsicht werden sich die Einstellungen ändern. Präsident Jacob Zuma aus Südafrika hat auf einem Staatsbankett unser Problem mit der Zeit der Apartheid verglichen. Damals haben die Vereinten Nationen auch gesagt, die Apartheid ist schlecht. Aber sie taten nichts dagegen.

Die Emissionen in Südafrika steigen stark an, genauso wie in anderen Schwellenländern. Die kleinen Inselstaaten wollen, dass auch die Schwellenländer ihre Treibhausgase reduzieren. Was erwarten Sie von Brasilien, China, Indien und Südafrika?

Ich glaube an das Gute im Menschen. China und Brasilien haben auf einer Konferenz auf Kiribati im November erklärt, dass die am stärksten gefährdeten Staaten dringend unterstützt werden müssen. Es gibt also Hoffnung.

Hoffnung klingt gut, aber die Klimakonferenz in Cancún hat wieder nur einen Minimalkonsens erreicht. Wie kann die Blockade im UN-Prozess aufgelöst werden?

Wir müssten eigentlich einige grundlegende Regeln der internationalen Gemeinschaft verändern. Es muss eine Zeit kommen, in der Klimapolitik mit der Welthandelsorganisation oder dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verbunden ist. Dann würden Länder, die bestimmte Engagements nicht erfüllen, auch in anderen Gremien ihr Mitspracherecht verlieren. Für viele Länder ist der Klimawandel eine Sicherheitsfrage. Wer sich in der Klimawandelpolitik nicht beteiligt, sollte auch nicht Mitglied im Sicherheitsrat werden. Doch diese Veränderungen werden nicht leicht sein.

Was müssen die nächsten Schritte sein?

Präsident Jacob Zuma, Gastgeber der nächsten Klimakonferenz in Südafrika, will noch vor dem nächsten Weltklimagipfel Klarheit bei der Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen schaffen. Das hat mich sehr ermutigt.

Apropos Anpassungsfinanzierung: Kiribati hat den Copenhagen Accord nicht unterzeichnet. Darin haben die Industrieländer doch aber 30 Milliarden US-Dollar bis 2012 zugesagt.

Kiribati hat den Accord nicht unterzeichnet, weil er nichts aussagt. Zwei Grad Erderwärmung bedeuten, dass wir unter Wasser stehen. Wir haben uns später aber mit dem Accord assoziiert, weil wir dachten, dass uns diese Zusage Zugang zu schneller Finanzierung ermöglichen würde. Bislang haben wir noch kein Geld gesehen.

Interview: Lena Hörnlein 


Alle Beiträge zur COP 16 in Mexiko auf einen Blick finden Sie in unserem Cancún-Dossier.

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