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Klimaschäden namens LULUCF

Klimaschäden aus Flächenversiegelung, Waldrodung und intensiver Landwirtschaft firmieren in der Klimasprache unter LULUCF. Dieses gilt als eines der größten ungelösten Probleme.

Aus Cancún Nick Reimer

Wird in Deutschland auf der grünen Wiese ein Parkplatz gebaut, schadet das dem Klima: Sowohl im Gras als vor allem auch im Humus ist jede Menge Kohlendioxid gespeichert, dass bei der Umnutzung der Fläche frei wird. Und nach wie vor passiert das in der Bundesrepublik in rasanter Geschwindigkeit: Jeden Tag wird eine Fläche von über 100 Fußballfeldern zubetoniert.

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Das Pflügen setzt Kohlendioxid frei, was bislang aber nicht in die Klimabilanzen eingeht. (Foto: Greenpeace)

Diese Umnutzung der Fläche nennt sich im Klimakonferenz-Sprech- LULUCF: "Land Use, Land-Use Change and Forestry" (Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft). Moore, die trocken gelegt werden, Wiesen, aus denen Ackerland wird, Wälder, die abgeholzt werden, neue Gewerbegebiete oder Straßen - das Problem ist gewaltig. Zwei Drittel des Kohlenstoffs auf der Welt sind im Humus, also der obersten Erdschicht gespeichert. Allein in Deutschland wurde seit 1990 soviel klimarelevante Fläche umgenutzt, dass 80 Milliarden Tonnen Kohlendioxid frei wurden.

80 Milliarden Tonnen Kohlendioxid entsprechen 6,5 Prozent des  deutschen Kohlendioxid-Ausstoßes von 1990. Würde diese Menge dem selbst erklärten Weltmeister im Klimaschutz angekreidet, wäre Deutschland heute bei einen Reduktionsniveau von 1999. Übersetzt heißt dass: Rechnet man diese 80 Milliarden Tonnen auf das Emissionsniveau von 2008 an, läge die Bundesrepublik nicht bei 959 Milliarden Tonnen, sondern bei 1039 Milliarden - etwa soviel wie 1999 und deutlich über dem Kyoto-Ziel.

Allein: Bislang hat sich niemand daran gestört, dass die Landumnutzung LULUCF nicht in die Berechnung der Klimabilanz eine Landes eingehen. "Die Industriestaaten haben kein Interesse daran, dieses Thema in die Verhandlungen einzubeziehen", urteilt Sven Harmeling. Und weil es allein wegen der Berechnung ein ungewöhlich komplexes Thema sei, hätten sich auch die Klimaschützer lange Jahre zu wenig darum gekümmert.

"Das Problem ist längst bekannt", sagt dagegen Chris Henschel von der Canadian Park and Wilderness Society. Trotzdem sah das Kyoto-Protokoll in seiner ersten Reduktionsperiode nur ein freiwilliges Monitoring vor: Länder, die wollten, konnten berechnen, wieviel Kohlendioxid durch die Umnutzung von Flächen frei wurde. "Das hat aber praktisch niemand gemacht. Und das ist auch verständlich: Die Regeln, die vorgegeben wurden, waren unsinnig", so der Kanadier Henschel, der als einer der profiliertesten LULUCF-Kenner in der NGO-Szene gilt.

"Eine zweite Verpflichtungsperiode unter dem Kyoto-Protokoll macht nur Sinn, wenn wir die Fehler aus der ersten beheben", urteilt Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Dazu zählt die so genannte "heiße Luft" - übererfüllte Reduktionsverpflichtungen aus der ersten Reduktionsperiode, die in der zweiten angerechnet werden sollen. Dazu zählt aber auch LULUCF: Es soll ein Mechanismus gefunden werden, wie die Landumnutzung künftig in die Klimabilanz eingeht.

Auf dem Tisch liegt nun doch ein Vorschlag der Industrieländer: Bis zum Jahr 2020 wird ein sogenanntes Referenz-Szenario festgelegt, nach dem die Länder weiterhin Flächen umnutzen dürfen. In die Klimabilanz eines Landes soll demnach nur eingehen, was über oder unterhalb dieses Szenarios liegt.

Ein Rechenbeispiel: Deutschland wird zugestanden, binnen der nächsten zehn Jahre zwölf Prozent seiner Fläche anderen, klimaschädlichen Nutzungsbestimmungen zuzuführen. Die Zahl ist fiktiv, denn über Zahlen wird in Cancún noch nicht geredet. Hat die Bundesrepublik 2020 dann 15 Prozent Fläche umgenutzt, muss die Industrie oder der Verkehr drei Prozent mehr Klimaschutz betreiben, denn die überschüssigen Kompensationen müssen an anderer Stelle wieder eingespart werden. Würde Deutschland hingegen weniger Flächen umnutzen, müssten Industrie oder Verkehr nicht so stark Treibhausgas reduzieren.

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Landnutzungsregeln fehlen bislang. (Foto: Reimer)

Gegen diesen Vorschlag hat Tuvalu sein Veto eingelegt. "Wir haben keine Zeit mehr für solche Rechenspielchen", sagte Ian Fry aus der Delegation gegenüber klimaretter.info. Tuvalu schlägt vor, eine Referenz aus den Jahren 2000 bis 2008 abzuleiten. Das bedeutet: Alle Emissionen, die in dieser Zeit aus der Bodennutzung entstanden sind, werden bilanziert - und in der Folge ein Reduktionsziel in diesem Bereich formuliert.

Allerdings dürfte sich der Inselstaat damit schon aus praktischen Erwägungen nicht durchsetzen können: Die Datenlage ist schlichtweg zu dünn. Eine Alternative haben die Afrikanischen Staaten vorgeschlagen: Die Länder sollen Daten der Jahre 2008 bis 2012 zur Verfügung stellen. Und um den Industriestaaten entgegen zu kommen, wird ein Koeffizient für die nächsten Jahre eingeführt.

Zu befürchten steht, dass die Regeln zu LULUCF in Cancún ohne großen Fortschritt bleiben. Eben weil das Thema so komplex ist, versuchen die Verhandler erst einmal andere Kühe vom Eis zu holen.

[Erklärung]  
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