Schwerpunkte

G20 | Trump | Effizienz

"Die Herausforderung ist groß"

bali_fischlin

Die bislang vorliegenden Reduktionsziele führen zu einer Erwärmung von 3 bis 3,4 Grad, sagt der Züricher Klimaforscher und IPCC-Autor Andreas Fischlin im Gespräch mit klimaretter.info. "Wir entscheiden über unser Schicksal hier und jetzt".

Fischlin (61) ist Professor für Systemoekologie an der ETH und wissenschaftlicher Berater der Schweizer Verhandlungsdelegation bei den Klimaverhandlungen in Cancún. Seit 1993 ist er einer der Autoren des Weltklimarats: Beim zweiten IPCC-Bericht 1995 war er Hauptautor für das Kapitel "Climate change impacts on forests", beim jüngsten Report 2007 verantwortete er den Abschnitt "Ecosystems, their properties, goods, and services". Zusammen mit seinen gut 1.300 Kollegen des IPCC wurde Fischlin 2007 der Friedensnobelpreis verliehen.

Klimaretter.info: Das wichtigste Ziel der Klimaverhandlungen ist die Senkung der Treibhausgasemissionen. Wo stehen wir hier bei den Verhandlungen in Cancún?

Andreas Fischlin: Als erstes geht es hier in Cancún darum, die Verpflichtungen aus dem Copenhagen Accord zu formalisieren. Auch wenn es wie juristische Haarspalterei klingt: Der Copenhagen Accord wurde beim Klimagipfel im vergangenen Jahr nicht offiziell verabschiedet, sondern von den Mitgliedern der UN-Klimakonvention nur "zur Kenntnis genommen". Das bedeutet, dass auch die Reduktionsverpflichtungen keinen rechtlichen Status haben, sondern freiwillig sind. Hier in Cancún geht es nun darum, die Verpflichtungen der Industriestaaten im Kyoto-Protokoll festzuschreiben und für die Verpflichtungen der USA und der großen Schwellenländer ein oder zwei neue Gefäße zu definieren, wo auch diese festgehalten werden können. Im Moment ist aber noch nicht klar, wie man das genau machen kann.

Aber die Emissionsziele der Länder im Copenhagen Accord reichen doch gar nicht aus, um die Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen?

Das stimmt und es ist auch allen klar, dass das so ist. Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel einhalten wollen, darf die Menschheit im Jahr 2020 nicht mehr als 44 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, also 44 Gigatonnen, emittieren. Die neue Studie vom UN-Umweltprogramm UNEP, die sich auf 223 Emissionsszenarien stützt und die Erkenntnisse von 15 Klima-Modellierungen auswertet, hat ergeben: Wenn wir einfach so weiter machen wie bisher, dann stoßen wir zwölf Gigatonnen zuviel aus. Das ist fast ein Viertel zuviel.


Demonstration während des Klimagipfels in Cancún. (Foto: Oxfam International)

Wenn die Länder nun aber ihre Reduktionsversprechen aus dem Copenhagen Accord umsetzen, dann kommt es darauf an, wie ehrgeizig sie sind. Orientieren sie sich an der unteren Grenze ihrer Zusagen, dann bleibt eine Lücke zum Zwei-Grad-Ziel von neun Gigatonnen. Und wenn sie sich an der oberen Grenze ihrer Zusagen orientieren, bleibt eine Lücke von fünf Gigatonnen. Das sind immer noch zehn Prozent zuviel.

Das klingt aber machbar.

Machbar schon, vielen Leuten ist aber nicht klar, was das heißt. Das Zwei-Grad Ziel bedeutet, dass die weltweiten Emissionen vor 2020 ihren Höhepunkt oder Peak erreichen und anschließend jedes Jahr um 2,2 bis 3,1 Prozent sinken. Jedes Jahr über mehrere Jahrzehnte. Das ist enorm. Eine Reduktion um drei Prozent pro Jahr gilt als Maximum, das die Wirtschaft noch verkraften kann. Das ist also ein sehr ehrgeiziges Ziel, das große Veränderungen auf dieser Welt beinhaltet. Das ist nichts, was man so nebenbei machen kann.

Und was passiert, wenn wir die fünf Gigatonnen zuviel emittieren?

Dann erwärmt sich das Klima nicht nur um zwei bis 2,4 Grad sondern um drei bis 3,4 Grad.

Wenn die Länder die Lücke von fünf Gigatonnen schließen, haben wir dann eine Garantie, dass sich das Klima um nicht mehr als zwei Grad erwärmt?

Nein, mit den genannten Maßnahmen haben wir nur eine Wahrscheinlichkeit von rund 66 Prozent, dass die zwei Grad nicht überschritten werden. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent kann es aber durchaus auch um mehr als zwei Grad wärmer werden. Das Klimasystem verstehen wir keineswegs bis in jede Einzelheiten und es verbleiben Unsicherheiten, zum Beispiel bei den Rückkopplungen in der Vegetation.

Das heißt also, wir gehen ein Risiko von 1 zu 3 ein, dass die Erwärmung höher ausfällt. Ist dieses Risiko nicht ein bischen hoch?

Es braucht hier einen breiten öffentlichen Diskurs, welche Sicherheit man will. Reichen 66 Prozent oder will man 75 Prozent? Wenn man tauchen geht, oder sich für Bungee-Springen entscheidet oder wenn man raucht – überall hat man ein Risiko. Das hat man sich vielleicht überlegt, oder auch nicht, aber man ist bereit, gewisse Risiken einzugehen. Das Problem beim Klimawandel ist aber, dass wir als Gesellschaft anderen aufzwingen, welche Risiken sie eingehen sollen. Wenn man zehn Bungee-Springer hat, die sagen, die ganze Gesellschaft soll hinterherspringen, dann glaube ich nicht, dass alle anderen sagen: 'Das ist kein Problem.' Aber genau das machen wir in der Klimadebatte. Wir sollten jeden fragen, welches Risiko er oder sie eingehen will. In einer Demokratie wäre es wichtig, einen solchen Diskurs zu führen, wo alle mitdenken und als mündige Bürger sagen: 'Das will ich' oder 'das will ich nicht'. Das dauert relativ lange aber hat dann auch Bestand.

Das heißt also, die Gesellschaft muss letztlich entscheiden, wieviel Klimawandel sie haben will?

Genau. Die Bevölkerung in der Schweiz könnte zum Beispiel sagen: 'Wir wollen unsere Schweiz so behalten, wie wir sie gerne haben. Wir wollen unsere Gletscher nicht alle verlieren.'  Und je nachdem, wie man sich entscheidet, ist dann der Emissionspfad mehr oder weniger anspruchsvoll.

Das Problem bei dieser Diskussion ist aber, dass die Folgen der jetzigen Entscheidung oft erst in vielen Jahren auftreten.

Ja, das ist ein Problem. So könnte im nächsten Jahrhundert der westantarktische Eisschild kollabieren und einen 3,3-Meter-hohen Meeresspiegelanstieg verursachen, im allerschlimmsten Fall könnten dabei sogar riesige Tsunamis entstehen. Da kann man sagen: 'Das interessiert mich nicht, dann bin ich eh nicht mehr da.' Aber wenn man die gleiche Diskussion im Jahr 2100 führt, dann wäre das eine weit greifbarere Gefahr. Das ist ein Risiko, das wir jetzt für die dann lebenden Generationen festlegen.

Bei den Klimaverhandlungen entscheiden wir also über die Gefahren, denen unsere Enkel ausgesetzt sind.

Ja, deswegen ist dieser Prozess ja auch sehr wichtig. Es ist eine enorme kulturelle Leistung, dass Vertreter der ganzen Menschheit hier versammelt sind und sich auf 50, 100 Jahre hinaus Gedanken machen. Die Herausforderung ist groß, denn es eilt, wenn wir die Erwärmung auf zwei Grad begrenzen wollen.

Aber sind wir als Menschheit auch entwickelt genug, um nicht nur darüber zu reden, sondern uns auch auf die nötigen Maßnahmen zu einigen?

Ich bin ja auch Biologe und als Biologe denke ich, dass wir als Spezies nur deshalb so lange überlebt haben, weil wir uns Geschick beim Umgang mit Gefahren angeeignet haben, beispielsweise indem wir darum einen großen Bogen machen. So schwierig der Verhandlungsprozess auch ist, so ist das kein Grund, das scheinbar Unmögliche nicht zu versuchen. Woher will jemand mit Bestimmtheit wissen, dass wir das nicht zu Wege bringen? Aber es ist schon so: Wir entscheiden einen wesentlichen Teil unseres Schicksals hier und jetzt.

Interview: Christian Mihatsch

Alle Beiträge zur COP 16 in Mexiko auf einen Blick finden Sie in unserem Cancún-Dossier.

 


[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen