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Das Problem Indien

Indien ist mit 1,4 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr der viertgrößte Produzent von Treibhausgasen. Und die Regierungs-Prognosen lassen die Befürchtung zu, dass diese gigantische Menge sich bis 2030 verdreifacht. Fragen an Indiens Umweltminister Jairam Ramesh: Welche Pläne haben Sie?

Aus Cancún Nick Reimer

Die weltgrößten Klimasünder USA und China spielen auf dem Verhandlungsparkett eine wichtige Rolle. Auch Brasilien mit dem weltgrößten Regenwald ist deutlich präsent. Was aber ist eigentlich mit Indien?


Indiens Stromversorgung bricht immer wieder zusammen. Notstrom auf Diesel-Basis (im Foto links) ist alltäglich und allgegenwärtig. (Fotos: Reimer)

2007 hatte China erstmals die Vereinigten Staaten als weltgrößter Treibhausgas Emittent überholt – mit 6,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxid gegen über dem US-Ausstoß mit 6,4 Milliarden. Auf Rang drei folgt Russland, das für 1,7 Milliarden Tonnen verantwortlich ist, auf dem vierten Rang Indien mit der Produktion von 1,4 Milliarden Tonnen. Bilanziert man die EU gemeinsam, kommen allerdings die Europäer auf Platz drei – mit fünf Milliarden Tonnen. Natürlich sind das absolute Zahlen – bei den Pro-Kopf-Emissionen liegt Indien immer noch weit hinten.

38 Prozent der indischen Treibhausgas-Emissionen von 1,4 Milliarden Tonnen stammen aus dem Energiesektor. Der wiederum ist zu 70 Prozent auf den Rohstoff Kohle angewiesen. Aber ein großes Problem Indiens ist, dass zu den 1,3 Milliarden Indern jährlich zehn Millionen hinzu kommen. Angesichts eines seit Jahren robusten Wirtschaftswachstums steigen so Indiens Emissionen überproportional stark. Und als Entwicklungsland ist der zweitbevölkerungsreichste Staat der Welt nach dem Kyoto-Protokoll nicht verpflichtet, die eigenen Emissionen zu reduzieren. Wie wird sich das entwickeln?

"Indiens Energieproblem der Zukunft mit erneuerbaren Kraftwerken lösen zu können ist eine romantische Vorstellung, die nichts mit der Realität zu tun hat", sagt der indische Umweltminister Jairam Ramesh auf der Klimakonferenz in Cancún. Armutsbekämpfung sei oberstes Ziel der Regierung, und diese bedeute oft den Einsatz von mehr Energie.


Indiens Umweltminister Jairam Ramesh, hier auf einer Übertragungsleinwand auf der Klimakonferenz.

"Wir sind mit 500 Millionen Tonnen jährlich der drittgrößte Kohleförderer der Welt", sagt Ramesh. Ein Drittel der weltweiten Kohlereserven lagert in Indien. "Es wäre illusorisch zu glauben, dass Indiens Energieversorgung auf die Kohle verzichten kann", so Ramesh. Deshalb sei sein Land sehr an den "Green-Coal"-Technologien interessiert: Kraftwerke mit einem hohen Wirkungsgrad bei geringen Emissionen.

Drei Prozent seines Stromes produziert Indien in Atomkraftwerken. Ramesh kündigte an, bis 2020 diesen Anteil verdoppeln zu wollen. Außerdem sollen 2020 mindestens 15 Prozent erneuerbare Energie in den Netzen sein. Derzeit sind es acht. "Erdgas spielt in Indiens Energie-Sektor kaum eine Rolle", erläutert Ramesh. Lediglich sieben bis acht Prozent des indischen Stromes werden in Erdgaskraftwerken gewonnen. Und das soll auch so bleiben: "Wir importieren zwar sehr viel Erdgas, aber das ist für die chemische Industrie bestimmt". In der Summe könnte der Energiemix Indiens bis 2020 so verschoben werden, dass dann noch 50 bis 60 Prozent des Stromes aus Kohle erzeugt werden.

Aber Herr Ramesh, wir haben doch ein Klimaproblem? Nach einem Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP schmelzen Indiens Himalaja-Gletscher rapide – und damit auch ein wichtiger Trinkwasserspeicher für das Milliardenvolk.

"Natürlich haben die Industrieländer uns ein Problem beschert, das wir jetzt gemeinsam lösen müssen. Indien wird seinen Teil beitragen", sagt der Umweltminister. So habe das Land eine Kohlenstoff-Steuer von 1,20 Dollar je Tonne Kohle eingeführt, um Energieeffizienz zu fördern. "Benzin wird jetzt in Indien stärker besteuert als Kerosin", sagt Ramesh. Ersteres ist Treibstoff für die Autos der reichen indischen Schichten, letzteres Brennstoff für die Armen. Und Indien hat einen wahren Jatropha-Boom ausgelöst: Bis 2017 will das Land 13 Millionen Tonnen "grünen" Treibstoff aus der Pflanze gewinnen.


Gefragter Mann, der auf der Klimakonferenz mit schwarzem City-Rucksack unterwegs ist: Indiens Umweltminister Ramesh.

Dennoch prognostiziert ein Bericht der indischen Regierung, dass der Treibhausgas-Ausstoß bis zum Jahr 2031 auf einen Wert zwischen vier und 7,1 Milliarden Tonnen ansteigen könnte. Der statistische Pro-Kopf-Ausstoß eines jeden Inders werde vermutlich auf geschätzte 2,1 Tonnen im Jahr 2020 und 3,5 Tonnen im Jahr 2030 steigen. 2007 waren die Inder statistisch gesehen noch mit einer Tonne pro Kopf dabei. Zum Vergleich: Die Deutschen liegen bei 10,5 Tonnen pro Kopf.

Es muss also etwas passieren auf dem Subkontinent. Ist CCS – das unterirdische Verpressen von Kohlendioxid – für Indien eine Lösung? "Norwegen hat uns eingeladen, an einem Pilotprojekt teilzunehmen", sagt Ramesh, "CCS ist eine interessante Option, aber nicht so wichtig für uns", sagt Ramesh. "Wir setzen auf die Erforschung der Kohlevergasung."

 

Alle Beiträge zur COP16 in Mexiko auf einen Blick finden Sie in unserem Cancún-Dossier

 

 

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