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Superstar Rafael Correa

Szenenapplaus auf der Pressekonferenz, scharfe Töne im Plenum und ein Baum für die Zukunft: Ecuadors Präsident sorgt auf dem Klimagipfel in Mexiko für Furore. 

Aus Cancún Nick Reimer

"Bitte hierher schauen", rufen die Fotojournalisten, oder: "Herr Präsident: Winken Sie doch einmal." Unter prasselndem Blitzlichtgewitter gibt er ihnen, wonach sie verlangen. Rafael Correa, der Staatspräsident von Ecuador, steht minutenlang auf dem Podium und winkt und lächelt und dreht sich vor den Kameras.


Ecuadors Staatspräsident Rafael Correa auf der Pressekonferenz. (Foto: Reimer)

Nicht einmal Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón löste solch ein Medieninteresse auf der Klimakonferenz aus wie Rafael Correa. Und tatsächlich ist der Mann und seine Politik für den Klimaschutz interessant. Aber bis man dahin kommt, muss zunächst eine schwer erträgliche Selbstinszenierung des 47-Jährigen überstanden werden.

Pressekonferenz von Rafael Correa: Hollywoodreif ausstaffierte Indianer und Wunderheilerinnen begleiten Ecuadors Präsidenten. Hostessen verteilen Prospekte und Wink-Elemente - Papierfähnchen mit Plastestäben, wie man sie am 1. Mai in der DDR benutzte. "Wir müssen mit dem Naturkapital das Finanzkapital besiegen", erklärt der Präsident der internationalen Presse. Seine Anhänger klatschen und gleich darauf klatscht der ganze Saal – obwohl die Veranstaltung doch eigentlich als Pressekonferenz konzipiert worden war und nicht als Staatsschauspiel.

Aber die Journalisten – die überwiegende Mehrheit kommt aus Zentral- und Lateinamerika – spielen mit: Die Fragen sind oft keine Fragen, sondern ein Lob des Präsidenten. Der sagt dann: "Vielen Dank für ihre Frage: Sie haben Recht, wir müssen uns gegen den massiven Druck aus den USA wehren".


Die Staffage an seiner Seite: Eine Indigene, die zwar niemals etwas sagt, aber natürlich fürs Foto super ist. (Foto: Reimer)

Am Morgen war Correa zum High-Level-Segment der Klimakonferenz mit der Staatsmaschine eingeflogen. Die Style-Berater hatten ihm statt grauem Anzug das weiße Baumwollhemd mit dem großen bunten Kreis bereit gelegt: Correa sollte auffallen. Und Correa fiel auf.

Zum Beispiel mit seiner Rede: "Wir, die weniger entwickelten Länder, müssen die Industriestaaten dazu bringen, ihre Verantwortung für den fortschreitenden Klimawandel endlich anzuerkennen", sagte Correa. Wären Entwicklungsländer die Schuldigen, hätten die reichen Staaten sie längst zu Entschädigungen gezwungen - "mit Gewalt und mit Invasionen".

Tatsächlich ist Correas Politik enorm innovativ für den Klimaschutz. Mit dem Yasuní-Projekt versucht Ecuador erstmals, Erdöl in der Erde zu lassen und den Regenwald zu schützen. Im Grunde genommen geht es um ein Tauschgeschäft: Ecuador verpflichtet sich, auf die Förderung von rund 850 Millionen Barrel Erdöl im Yasuni-Nationalpark zugunsten von Umwelt und der dort lebenden indigenen Bevölkerung zu verzichten. Im Gegenzug überweist die internationale Gemeinschaft binnen der nächsten 13 Jahre 3,6 Milliarden Dollar an Ecuador – die Hälfte des Gegenwertes des Öls.

Noch vor Jahresfrist schien der Durchbruch für die Yasuní-Initiative zum Greifen nahe. Deutschland wolle den "ersten bedeutenden Beitrag" für einen noch zu schaffenden internationalen Treuhandfonds leisten, erklärte das ecuadorische Außenministerium in Quito. Dies habe Erich Stather, Staatssekretär im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, zugesichert. Ein Jahr später aber entschied Entwicklungsminister Dirk Niebel: "Kein Geld für das Programm 'Kein Öl aus dem Dschungel'".

Dabei ist Präsident Rafael Correa weder der Erfinder der Idee noch ein sonderlicher Verbündeter: Correa drohte nach seinem Amtsantritt damit, im Juni 2009 könnte die Ölförderung in dem artenreichen Regenwaldgebiet beginnen – falls kein Geld fließt. Das ist in der Tat bis heute ausgeblieben: Zusagen etwa aus Portugal, Italien und Kanada wurden nicht eingehalten oder wie im Fall Deutschland einfach zurückgezogen. Bislang hat lediglich Chile 100.000 US-Dollar gezahlt, insgesamt will Chile binnen der nächsten zehn Jahre eine Million Dollar in den Treuhandfonds einzahlen, den Ecuador und das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) im August eingerichtet hatten.


Wird es nichts mit Yasuní, dürfte Klimaheld Correa ein Glaubwürdigkeits-Problem bekommen. (Foto: Reimer)

Vor der Klimakonferenz in Cancún hatte Spanien eine neue Finanzzusage gegeben: Eine Million Dollar binnen der nächsten zehn Jahre. Eine ähnliche Zusage liegt aus Italien vor. Zu wenig, um das Projekt überlebensfähig zu machen: Wenn bis Ende 2011 nicht wenigsten 100 Millionen Dollar zusammen gekommen sind, will Correa die Idee begraben – und Öl wieder fördern lassen.

Auch international geht Correa neue Wege: Mit Bolivien, Venezuela, Kuba und Nicaragua haben sich die linksgerichteten Regierungen Lateinamerikas in der Klimapolitik zur so genannten ALBA-Gruppe zusammen geschlossen. Als solche riefen sie auch zum Gegenentwurf der Weltklimadiplomatie auf, dem Gipfel der Völker von Cochabamba.

Der hatte im April 2010 die "Universal Declaration of the Rights of Mother Earth" verabschiedet: In dieser wird die Erde praktisch wie ein Lebewesen behandelt, das so wie andere Lebewesen einklagbare Rechte hat. Diesen juristischen Ansatz zu Grunde gelegt, könnten "Kapitalisten", die Regenwald abholzen oder Öl ins Meer einleiten, auf eine Art "Körperverletzung der Mutter Erde" angeklagt und zur Rechenschaft gezogen werden.

Dass diese Erklärung verabschiedet wurde, wird für die "linken Helden" auf dem Klimaparkett zunehmend zum Problem: Boliviens Präsident Evo Morales reiste zum Klimagipfel aus Tokyo an, wo er mit dem japanischen Regierungschef Naoto Kan ein milliardenschweres Investitionsprogramm verabschiedete. Japan möchte Löcher in die "Mutter Erde" Boliviens treiben, um das seltene und dadurch strategisch wichtige Metall Lithium auszubeuten. Japan und Bolivien sind bislang die größten Bremser in Cancún.

Deshalb wandelt auch Correa auf einem schmalen Grad mit seinem Yasuní-Projekt. Als Wirtschafts-Professor lehrte er an verschiedenen Universitäten Ecuadors, bevor er 2005 zum  Wirtschafts- und Finanzminister der Regierung Alfredo Palacios ernannt wurde.

Allerdings ging das nicht lange gut: Ausgerechnet im Streit um die Frage des ecuadorianischen Ölfördergeldes trat er nur vier Monate später wieder zurück. 2006 gewann der selbsterklärte "Linksnationalist" die Präsidentschaftswahlen - und überstand seither eine Verfassungskrise und einen Putschversuch der Sicherheitskräfte.


Suchbild mit Päsidenten: Correa pflanzt medienwirksam einen Baum auf dem Gelände der Klimakonferenz in Cancún. (Auflösung: links, unterhalb des Mannes mit dem "Knopf im Ohr"). (Foto: Daniel Boese)

Bevor Correa wieder die Regierungsmaschine Richtung Ecuador besteigt, hat er sich Zeit genommen, der Klimakonferenz persönlich die Vorteile des Yasuní-Projektes zu erläutern. Im Raum "Monati" des Tagungszentrums ist also der Videobeamer installiert, Prospekte sind ausgeteilt und ein Dutzend Kameras aufgebaut. Es wird ein so genanntes Side Event geben: eine Veranstaltung, die nichts mit den UN-Verhandlungen zu tun hat, mit dem Thema aber sehr direkt. Rund 150 Delegierte oder Pressevertreter sind gekommen.

Allerdings lässt der Präsident auf sich warten. Felix Finkbeiner, ein 13-jähriger Deutscher, der die Kampagne "Plant for the Planet" gegründet hatte, lud an diesem Nachmittag alle 194 Staatenvertreter ein, auf dem Konferenzgelände einen Baum zu pflanzen. Das gibt gute Bilder, zumal die ecuadorianische Wunderheilerin, die stets an Correas Seite weilt, nun auch einmal beweisen kann, was sie drauf hat: Sie beschwört den von Correa gepflanzten Baum, auf dass er besser anwachse.

Noch immer warten die Yasuní-Interessierten in Raum. Endlich kommt der Präsident. Beifall brandet auf. Und dann beginnt Correa die Vorteile auszuführen. Der Nachteil: Er tut es auf spanisch. Und zum ersten Mal auf dieser Klimakonferenz gibt es keine Übersetzer.

 

Alle Beiträge zur COP 16 in Mexiko auf einen Blick finden Sie in unserem Cancún-Dossier.

 

[Erklärung]  
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