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Die Polizeiblockade von Cancún

Tausende ziehen friedlich durch die Stadt. Doch dann kommt es zur Blockade: Am Dienstag hat die Klimabewegung in Mexiko ihre Meinung zu den Verhandlungen kund getan - auf zwei verschiedenen Demos. 

Aus Cancún Daniel Boese, Lena Hörnlein und Nick Reimer

Delegierte, die in der Innenstadt von Cancún untergebracht sind, hatten es schwer an diesem Dienstag den Konferenzort zu erreichen: Aktivisten des Kleinbauern-Netzwerks "Via Campesina" und andere Klimaschützer hatten den Highway blockiert, über den die Konferenzteilnehmer per Busshuttle die Messe Cancún erreichen. Damit sich zu den tausenden Demonstranten nicht weitere gesellen, hatte die Polizei einen Kessel um die Aktivisten gebildet. Die Veranstalter sprachen von 5.000 Teilnehmern, die Polizei von 3.000.


Aufgerufen hatten zur Demo neben lokalen Umweltschützern auch weltweite Netzwerke wie das von 350.org. (Foto: BunkerFilms.com)

"No REDD" ist einer der häufigsten Schriftzüge auf den Bannern. "Nein zu Umweltzerstörung, ja zu Kapitalzerstörung" ein anderer. Die Kopenhagener Initiative "Karmakanonen" war mit einem mobilen Solar-Soundsystem in der Demonstration präsent. Sie waren das Herz, der durchaus an Hippie-Zeiten und Loveparade erinnernden Party. Das 800 Watt starke System ist selbstgebaut und benutzt drei Lithium-Batterien, Materialwert 10.000 US Dollar. "Wir sind nicht wirklich politisch, wir treten nur für den Spaß am Radfahren und Solarenergie ein", so ein Mitglied der Gruppe.

Nach dem Marsch durch Cancún fuhren sie dann mit Bussen an den Stadtrand, um von dort über den Highway Richtung Mondpalast und Konferenzzentrum zu marschieren. Die Polizei hatte mindestens fünf Hundertschaften Polizisten in Kampfmontur bereitgestellt und Barrikaden aufgebaut, um die Straße zu blockieren. Schliesslich kam es zum erwähnten Kessel. Bei der Konfrontation der lauten und wütenden Aktivisten mit der Polizei kam es aber - anders als in Kopenhagen - nicht zu Gewaltausbrüchen.

Etwa 500 Meter vor der Polizeibarrikade kommt der Zug zum Stehen. Eine Vertreterin der bolivianischen Gewerkschaftsvereinigung indigener Bäuerinnen hält eine Ansprache. Sergio Arispe, Mitglied der bolivianischen Regierungsdelegation, ist aus dem Konferenzzentrum zum Protest gekommen. Er ärgert sich: Die Veranstalter hatten mit 30.000 Menschen gerechnet. "Es sind weniger gekommen – aber wenn man wenigstens die beiden Demonstrationen vereinigt hätte, wären wir mehr gewesen."


Der Polizeiaufmarsch auf dem Highway. (Foto: Lena Hörnlein)

Am Morgen waren nämlich bei einer anderen Demonstration mehrere tausend Menschen durch die Innenstadt von Cancún gezogen, um für mehr Klimagerechtigkeit und ambitionierteren Klimaschutz zu demonstrieren. Aufgerufen hatte die Gruppe "Dialogo Mexicano - Espacio Mexicano" (Es Mex) - ein Zusammenschluss von etwa 50 mexikanischen und einigen US-amerikanischen Umweltgruppen. Auch internationale Kampagnen wie tck, tck, tck oder 350.org unterstützen den Protest.

"Weltbank – raus aus der Klimafinanzierung" – skandiert Sandra Kintela aus Brasilien. Sie ist mit dem Netzwerk Jubilee South in Cancún. Dass die Beteiligung so entschäuschend ist, könnte auch mit der Regierungspolitik Mexikos zusammenhängen. "Es werden in Mexiko immer noch Menschenrechte verletzt."

Wang-Jin Seo verteilt Fächer mit koreanischen Schriftzügen an die mexikanischen Farmer. Er vertritt die Bürgerbewegung für Umweltgerechtigkeit aus Seoul. "Südkorea ist zwar schon recht fortschrittlich, was etwa erneuerbare Energien angeht. Leider hält die
Regierung aber den Bau eines Riesenstaudamms immer noch für
umweltfreundlich." Von der UN-Konferenz erhofft er sich vor allem eine starke zweite Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls.


Am Pranger stand auch Bayer wegen seiner Saatgutpolitik. (Foto: BunkerFilms.com)

Der Grund für die Spaltung der Bewegung seien vor allem Marktmechanismen wie REDD, glaubt Raúl Garcia, der für eine Umweltorganisation aus Mexiko City nach Cancún gekommen ist. Mexiko habe mit marktbasierter Umweltpolitik sowohl gute als auch schlechte Erfahrung gemacht, entsprechend positioniert hätten sich die Protagonisten.

Die Bewegung sei in Mexiko eben vielfältig und jeder betrachte den Klimawandel aus einem anderen Blickwinkel, sagt dagegen Cecilia Navarro von Greenpeace Mexiko. "Die einen fordern Klimagerechtigkeit, die anderen Nahrungsmittelsicherheit." Greenpeace sei hier, um den Delegierten zu sagen, dass sie jetzt ambitioniertere Klimaschutzziele umsetzen müssen. "Dass der Protest insgesamt nicht so groß war wie in Kopenhagen im vergangen Jahr, bedeutet nicht, dass die Menschen in Mexiko über den Klimawandel nicht besorgt sind", sagt Navarro. Im Gegenteil, "Hurrikane, Meeresspiegelanstieg und veränderte Erntezeiten sind in Mexiko ein großes Problem."

Der nationale Bauernverband Conoc hatte mehrere hundert Teilnehmer in den Touristenort Cancún an die Ostspitze Mexikos gebracht. Im Bus saß beispielsweise Laetitia Lopez, eine Mittdreißigerin aus Mexikos Norden. "Wir kommen aus allen Teilen des Landes, sogar aus Chihuahua ganz im Norden. Viele von uns haben eine 46-stündige Busfahrt hinter sich." Wäre die Demonstration an einem weniger abgelegen Ort, etwa Mexico City, gewesen, hätte man mehr Menschen mobilisieren können, ist sich Lopez sicher.


Die Organisatoren der Demonstration sprachen von 5000 Teilnehmern. (Foto: BunkerFilms.com)

Für den Mittwoch sind weitere Proteste in Cancúns Innenstadt angekündigt. Und auch innerhalb des Klimakonferenzgeländes wird es so etwas wie Protest geben: Das Entwicklungshilfe-Netzwerk Misereor wird versuchen, einige Tausend Exemplare einer "Flaschenpost" Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) in die Hand zu drücken. Und der 13jährige Felix Finkenbeiner will die 193 angereisten für den Klimaschutz zuständigen Minister dazu bringen, einen Spaten in die Hand zu nehmen. Sie sollen für seine Kampagne  "Plant for the Planet" einen Baum auf dem Konferenzgelände zu pflanzen.

Alle Beiträge zur COP16 in Mexiko auf einen Blick finden Sie in unserem Cancún-Dossier

 


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