Aufbruchstimmung in Cochabamba

Der Ansturm auf den alternativen Klimagipfel in Bolivien hat selbst die Organisatoren überrascht. Mit dem "Abkommen der Völker" soll das Ergebnis von Cochabamba in die UN-Verhandlungen auf dem Weg zum nächsten Klimagipfel in Mexiko eingebracht werden. Tadzio Müller, Klima-Aktivist aus Berlin findet: Der Aufwand hat sich gelohnt

Aus Cochabamba GERHARD DILGER

Es ist Donnerstagnachmittag. Auf dem Campus der Valle-Universität im bolivianischen Tiquipaya, wo in den die letzten vier Tage die meisten Veranstaltungen des alternativen Klimagipfels stattgefunden haben, herrscht Aufbruchstimmung. Die Menge strömt bereits in Richtung Fußballstadion im nahegelegenen Cochabamba, wo in wenigen Stunden die mit großem Aufwand über 17 Arbeitsgruppen ausgearbeitete Abschlusserklärung verlesen wird. Dort wird der venezolanische Präsident Hugo Chávez die "Erpressungspolitik" der Washingtons geißeln, das Ecuador und Bolivien wegen eigenständiger Positionen in der Klimapolitik bereits zugesagte Gelder entzogen hat.

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Climate Justice Action: Tadzio Müller auf dem Cochabamba-Campus. (Foto: Dilger)

Der Ansturm hat die Organisatoren überrascht, der Austausch zwischen Gleichgesinnten, aber auch die Unübersichtlichkeit erinnert an die Weltsozialforen. Doch hat sich der Aufwand gelohnt?

"Auf jeden Fall", sagt Tadzio Müller. Der langgewachsene 33-Jährige aus Berlin, schwarzes T-Shirt, schwarze, knielange Shorts, kurzer Vollbart, sitzt inmitten einer Handvoll Aktivisten auf der Wiese vor dem Fachbereich Kultur. Gerade hat er mit seinen jungen Mitstreitern vom Netzwerk “Climate Justice Action” (CJA) einen Workshop organisiert, zu dem “an die 100 Leute” gekommen sind. Thema: Die globale "Klimaaktionswoche" im Oktober, an der sich auch der Kleinbauerndachverband Vía Campesina und Kampagnengruppen wie 350.org beteiligen werden.

"Die Tage in Cochabamba waren für mich interessant und produktiv", sagt Müller, der sich stark an die Weltsozialforen in Brasilien erinnert fühlt. Kein Wunder: Hunderte drängen sich an Ständen vorbei, an denen vegetarisches Essen, Politliteratur oder Kunsthandwerk angeboten werden. Junge Künstler bemalen eine Stellwand, andine Folkloregruppen musizieren, aber auch eine Rapperin aus El Alto im Andenhochland trägt ihre Stücke vor. Auf schattigen Rasenstücken ruhen sich farbenfroh gekleidete Indianerfrauen aus.

Doch der Aktivist hat kaum Zeit, um diese Stimmung zu genießen. Immer wieder verteilt er eine Ausgabe des globalisierungskritischen Blatts Turbulence, bei dem er Redakteur ist. Als eine Aymara-Frau mehrfach ein Exemplar einfordert, "um Englisch zu lernen", lässt er sich schließlich lächelnd breitschlagen.

Seitdem Müller während den UN-Klimagipfels in Kopenhagen vier Tage lang in Haft war, ist er ein Star der Szene. Immer wieder wird er von Bekannten angesprochen und umarmt. Gegenüber einem chilenischen Filmteam definiert er sich in gutem Spanisch als Post-Autonomen, dem die Abgrenzung früherer Generationen fremd sei. Am "Green New Deal" sei vor allem die Wachstumsprämisse problematisch – Ähnliches gelte für den "neuen Extraktivismus" der lateinamerikanischen Linksregierungen.

"Wir dürfen Cancún nicht ignorieren, sonst isolieren wir uns zu sehr"

"Einen großen Unterschied gibt es zu den Weltsozialforen", sagt er, "das Gewicht der hiesigen Regierung ist viel stärker." In manchen Arbeitsgruppen wollten Funktionäre die Debatten steuern, doch der bolivianische Vorstoß zur Gründung einer neuen Dachorganisation unter Einbeziehung der sozialen Bewegungen sei zum Scheitern verurteilt.

Aber im Grunde fehlt ihm sowieso das Sitzfleisch für die mehrstündigen Sitzungen der Arbeitsgruppen. "Meine Stärke ist nicht das Zuhören oder die lokale Basisarbeit, sondern das Herumvernetzen", sagt er, mit dem polyglotten CJA-Team gebe es eine "gute Arbeitsteilung". Auch wenn Tadzio Müller Gipfeltreffen und Präsidentenreden eher kalt lassen, ist ihm klargeworden: "Wir dürfen Cancún nicht ignorieren, sonst isolieren wir uns zu sehr."

Arbeitsteilig wird man auch mit den Linksregierungen vorgehen: Bolivien, Kuba und Mexiko haben versprochen, das "Abkommen der Völker" von Cochabamba im Vorfeld des kommenden UN-Klimagipfels einzubringen, der im Dezember im mexikanischen Seebad stattfindet, einzubringen. "Dort müssen wir überzeugen, erklären, überreden und uns Gehör verschaffen", sagte Evo Morales, "wir müssen uns auf der ganzen Welt potenzieren, um die Industrieländer dazu zu zwingen, dass sie die Positionen der sozialen Bewegungen respektieren".

 

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