Die Verteidigung von Mutter Erde

"Es geht nicht mehr um Kapitalismus, Sozialismus oder Kommunismus": Auf dem alternativen Klimagipfel in Bolivien ruft Präsident Evo Morales ein "neues planetarisches Paradigma" aus. Indigene und Umweltaktivisten machen erfolgreich Druck von unten

Aus Cochabamba GERHARD DILGER

Auf den ersten Blick sieht alles nach einem alternativen Jahrmarkt aus: Hunderte drängen sich an Ständen vorbei, an denen vegetarisches Essen, Politliteratur oder Kunsthandwerk angeboten werden. Junge Künstler bemalen eine Stellwand, Folkloregruppen musizieren und tanzen auf einer zentral gelegenen Bühne. Auf schattigen Rasenstücken lagern farbenfroh gekleidete Indianerfrauen und Jugendliche mit ausgefallenen Frisuren.

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Alternativer Jahrmarkt Cochabamba. (Fotos: Dilger)

 Doch ein paar Schritte weiter herrscht konzentrierte Arbeitsstimmung: In überfüllten Hörsälen wird auf spanisch und englisch über Klimaschulden, Aktionsstrategien oder Technologietransfer gestritten. In einem riesigen Auditorium tragen Intellektuelle und Politiker ihre Thesen über Umweltzerstörung und internationale Machtverhältnisse vor.

Der Campus der Valle-Universität in Tiquipaya, einem Vorort der bolivianischen Großstadt Cochabamba, ist Schauplatz der "Weltkonferenz der Völker über Klimawandel und Rechte der Mutter Erde", zu der Evo Morales geladen hat. Über 20.000 Aktivisten aus 130 Ländern sind gekommen – ohne Vulkanwolke über Europa wären es vermutlich noch etliche mehr geworden.

Boliviens sozialistischer Präsident ist allgegenwärtig: Auf riesigen Plakaten an Unigebäuden oder an Ständen diverser Ministerien, auf Buchdeckeln oder Stellwänden, in den Reden begeisterter Anhänger aus dem In- und Ausland. Und Morales kommt auch selbst vorbei: Mal lauscht er einer Podiumsdiskussion, mal eilt er mit seinem Gefolge zur einer Wiese, wo er mit dem burundischen Vizepräsidenten per Hubschrauber zu einer Stippvisite in die Provinz fliegt. Dort wird er eine Sporthalle einweihen und Fußball spielen.

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Boliviens Außenminister David Choquehuanca, Präsident Evo Morales und UN-Botschafter Pablo Solón

In einem nahegelegen Luxushotel gibt der Staatschef eine Pressekonferenz. Umrahmt von Außenminister David Choquehuanca und UN-Botschafter Pablo Solón sammelt er Fragen, die er anchließend en bloc beantwortet – ein beliebte Methode, um unbequeme Themen auszuklammern. Und doch ist dieser Auftritt weitaus überzeugender als seine Eröffungsrede vom Dienstag, als er sich auf dem örtlichen Sportplatz mit ein paar verunglückten Bemerkungen Aufsehen erregt hatte.

Die weiblichen Hormone industriell hochgezüchteter Hühner sei ein Auslöser für Homosexualität, scherzte er da, der Verzehr von genmanipulierten Lebensmitteln sei die Ursache für grassierenden Haarausfall. In Bolivien brachte ihm das Spott von der Opposition und den Protest von Schwulengruppen ein, in der internationalen Presse stellte er damit vielerorts seine Ausführungen über die Klimafrage in den Schatten.

Das planetarische Paradigma: Morales fordert ein Klimaschutztribunal

Gegenüber den Journalisten regt Evo Morales die Gründung einer internationalen Organisation ein, die sich für die Rechte von Mutter Erde einsetzt. Des weiteren soll im April 2011 weltweit ein Referendum über die Verwendung der weltweiten Militärausgaben von gut 4 Milliarden US-Dollar täglich organisiert werden: "Die wirkliche internationalen Verteidigung muss die Verteidigung von Mutter Erde sein". Als weitere Maßnahme schlägt er die Gründung eines Klimaschutztribunals vor.

"Es geht nicht mehr um Kapitalismus, Sozialismus oder Kommunismus , sondern um etwas Tieferes, ein neues planetarisches Paradigma", erklärt er, "wenn wir die Rechte der Natur verteidigen, dann verteidigen wir auch die Menschenrechte". Die Ratlosigkeit, in die der Berliner Mauerfall die internationale Linke gestürzt habe, sei nun vorbei.

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Rocking Cochabamba: Rapperin Nina Uma aus El Alto

Als Gesellschaftsform schwebt dem Präsidenten ein "kommunitärer Sozialismus" vor. Auf dem Andenhochland, "wo ich geboren bin, gibt es kein Privateigentum". Zur Förderung der Bodenschätze, dem von linken Ökologen kritisierten "neuen Extraktivismus", sieht er kurz- und mittelfristig allerdings keine Alternative, ebensowenig zum Bau neuer Überlandstraßen. Hinter den Protesten gegen solche Projekte steckten NGOs, die die lokale Bevölkerung manipulierten.

17 Arbeitsgruppen und ein Eigentor

Andererseits bieten Morales & Co. in- und ausländischen Aktivisten ein Forum, von dem die auf offiziellen UN-Klimagipfeln nur träumen können. Dass die Kritiker von Bergbau-, Staudamm- oder Straßenprojekten, die sich zur Arbeitsgruppe 18 zusammengeschlossen haben, außerhalb des Campus tagen müssen, hat sich als Eigentor erwiesen: Mehr als die 17 "offiziellen" Gruppen stehen sie im im Mittelpunkt des Medieninteresses, auch Promis wie die kanadische Bestsellerautorin Naomi Klein oder Ecuador früherer Energieminister Alberto Acosta treten dort auf. Nach zwei Tagen wird die Forderung an Evo Morales verabschiedet, sämtliche Großprojekte abzublasen, von denen indigene Völker direkt betroffen sind. Außerdem solle die Regierung ein Wirtschaftsmodell anstreben, das nicht mehr auf dem Export von Rohstoffen basiert.

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"Wunderbarer Konsens" in der Gruppe "Wälder": Camila Moreno und Osmarino Rodrigues

Aber auch in der Arbeitsgruppe "Wälder" geht es hoch her, da feilschen Spezialisten um jede einzelne Formulierung. Schließlich setzten sich die Kritiker des Emissionshandels gegenüber den regierungsnahen Funktionären aus Venezuela oder Bolivien durch. Vorsitzende Camila Moreno aus Brasilien lobt den "wunderbaren Konsens", den man erreicht habe: "Anders als bislang in der Klimakonvention dürfen künstlich angelegte Monokulturen wie Eukalyptusplantagen nicht als Wälder definiert werden, und die Rechte der Indígenas müssen ausdrücklich berücksichtigt werden."

Absage an neoliberale Mechanismen: Abrechnung statt Almosen

Besonders freut sie sich über das klare Nein zum Emissionshandel als "neoliberalem Mechanismus" zur Privatisierung von Urwäldern. Stattdessen wünsche man sich die Einrichtung von freiwilligen Fonds, die auf der Anerkennung der "Klimaschulden" des Nordens gründen. "Das ist ein ganz entscheidender Unterschied", erläutert Camila Moreno, "wir wollen keine Almosen des Nordens als Gegenleistung für so genannte Umweltdienstleistungen, sondern die Anerkennung, dass er uns das schuldet. Wir wollen die ökologische Restaurierung der Wälder durch die Völker".

Die Beschlüsse der Wäldergruppe sind das klarste Beispiel dafür, wie sich Positionen, die selbst bei Südamerikas fortschrittlichen Regierungen noch keine Chance haben, auf der Konferenz Gehör verschaffen können. Das ist das Neue an Cochabamba: Durch Druck von unten scheint es wieder möglich, marktbasierte, von der internationalen Klimadiplomatie ersonnene Mechanismen in Frage zu stellen, deren Haupttriebfeder der Profit von Privatunternehmen ist. "Es ist ein wichtiger Schritt nach vorne", sagt Alberto Acosta: "Das ist der größte Verdienst von Evo Morales".


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