Antikapitalistische Töne auf dem Gipfel

Klimakonferenz in Bolivien: Der Außenminister analysiert, dass im Kapitalismus das Geld im Mittelpunkt steht, im Sozialismus dagegen der Mensch. Und ruft dazu auf, mit einer Revolution das Klima zu retten: Der Wandel liegt in der Hand der Völker, nicht bei den Präsidenten.

Aus Cochabamba GERHARD DILGER

Soldaten in Kampfmontur sichern den Zufahrtsweg zur Valle-Universität in Tiquipaya, einem Vorort der bolivianischen Großstadt Cochabamba. Flankiert von uniformierten Motorradfahrern brausen Staatschef Evo Morales und sein Vize Álvaro García Linera mit ihrem Sicherheitstross hinter abgedunkelten Scheiben vorbei. Es ist ein seltsamer Kontrast zu dem heiteren Treiben der gut 20.000 Teilnehmer am alternativen Klimagipfel, den Morales Stunden vorher auf dem Sportplatz von Tiquipaya eröffnet hat.

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Außenminister Außenminister David Choquehuanca am Mikrofon

Die "Weltkonferenz der Völker über Klimawandel und Rechte der Mutter Erde" ist ein Zwitter: Organisiert ist sie von der bolivianischen Regierung, die die Kontrolle bei der Redaktion der Schlussdokumente nicht aus der Hand geben will – schließlich ist das Treffen ein wichtiger Baustein ihrer Außen- und Klimapolitik. Andererseits bieten Morales & Co. in- und ausländischen AktivistInnen ein Forum, von dem jene auf offiziellen UN-Klimagipfeln nur träumen können. Auch da bleiben Spannungen nicht aus: Die Kritiker von Bergbau- und Straßenprojekten müssen außerhalb des Campus tagen, doch der Aymara-Indianer Rafael Quispe, einer ihrer Wortführer, ist zugleich Vorsitzender einer "offiziellen" Arbeitsgruppe.

In einer Grundsatzrede machte Vizepräsident Álvaro García Linera klar, dass er die Klimafrage primär auf der globalen Ebene diskutieren möchte: "Isolierte Lösungen gibt es nicht, wir müssen gemeinsam gegen die Verschärfung des Klimadesasters kämpfen". Er wandte sich gegen die "zerstörerische Logik des industriellen Kapitalismus" und seine technischen Scheinlösungen für die Klimafrage wie Agrotreibstoffe oder Bestrebungen, CO2 künstlich zu binden.

"Uns wollen sie in Waldhüter verwandeln, während sie selbst weiter den Planeten zerstören", warf der Altlinke und strategische Kopf der bolivianischen Regierung den Industrienationen vor. Dann attackierte er  einen angeblich "romantischen Konservierungsglauben", der von unberührten Naturvölkern ausgehe anstatt von Indígenas, die schon längst "in die Konsumwelt eingetreten sind". Als Zielvorstellung gab er etwas wolkig eine "dialogische Beziehung mit der Natur" und eine "andere Produktionsweise" aus, das zeitgemäße Motto dazu sei "Mutter Erde oder Barbarei".

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Bolivianerinnen lauschen ihrem Präsidenten. (Fotos: Dilger)

Wenig später setzte Außenminister David Choquehuanca behutsam einen Kontrapunkt. Im Kapitalismus stehe das Geld, im Sozialismus der Mensch im Mittelpunkt, sagte er: "Für uns Indígenas sind aber das Wichtigste die Berge, unsere Flüsse, unsere Luft. Zuerst kommen die Schmetterlinge, die Ameisen, unsere Berge und zuletzt der Mensch".

Die Aufgabe aller indigenen Völker sei es, diese "nach 500 Jahren verschütteten Werte" zurückzugewinnen, auf den "Weg des Gleichgewichts" zurückzukehren, sozialistische Vorstellungen seien damit durchaus vereinbar. "Der Wandel liegt in der Hand der Völker, nicht bei den Präsidenten, Ministern oder Abgeordneten", lautete sein optimistisches Fazit.

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