Cochabamba statt Kopenhagen?

In wenigen Tagen beginnt im bolivianischen Cochabamba die "Weltkonferenz der Völker zum Klimawandel und die Rechte der Mutter Erde". Einige Umweltschützer setzen große Hoffnungen in den Alternativgipfel. Andere befürchten bereits jetzt, dass Cochabamba nur ein weiteres Treffen wird, auf dem bloß "Phrasen gedroschen werden"

Aus Berlin FELIX WERDERMANN

Es sind provokante Thesen, mit denen Benjamin Beutler den alternativen Klimagipfel im bolivianischen Cochabamba kritisiert: "Die gescheiterte Klimapolitik wird genutzt um die eigenen Reihen zu schließen." Boliviens Präsident Evo Morales bediene sich des Themas um im eigenen Land Beliebtheitspunkte zu sammeln. Ist Cochabamba bloß eine Nebelbombe, um vergessen zu machen, dass "langsam Erfolge linker Politik spürbar werden" müssen?

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15.000 Menschen zum Alternativgipfel erwartet

Beutler ist freier Journalist und berichtet seit fünf Jahren über Bolivien und andere Länder Lateinamerikas. Er sitzt auf dem Podium in Berlin um über den Alternativgipfel in Cochabamba zu diskutieren, der in der kommenden Woche von Dienstag bis Donnerstag stattfindet. Kurz nach dem gescheiterten UN-Klimagipfel in Kopenhagen hatte Boliviens Staatschef Morales zu dem Treffen aufgerufen, inzwischen mobilisieren Klimaschützer aus aller Welt in die viertgrößte Stadt Boliviens.

Mehrere tausend Teilnehmer erwartet Walter Prudencio Magne Veliz, der Botschafter Boliviens in der Bundesrepublik. "Mehr als 15.000 Menschen werden über den Klimawandel sprechen, diskutieren und auch eine neue Perspektive entwickeln." Eine neue Perspektive – damit meint er eine antikapitalistische Sichtweise auf das Thema. "Es gibt ein Konzept von Klimawandel, das die Neoliberalen gemacht haben", sagt er. "Und wir werden ein anderes Konzept in Cochabamba entwickeln."

Die "Rechte der Mutter Erde"

erde-wikipediaTatsächlich hört es sich ganz anders an, wenn der bolivianische Botschafter über Klimaschutz spricht. Während europäische Diplomaten über Minderungsziele und Finanzhilfen feilschen, redet Magne Veliz von den "Rechten der Mutter Erde". In Ecuador sind sie in der Verfassung vorgeschrieben, auf dem Klimagipfel in Bolivien sollen soziale Bewegungen diskutieren, was diese Rechte bedeuten. Magne Veliz spricht etwas schwammig von einem Leben "in Harmonie mit der Natur".

Auf der Diskussionsveranstaltung in Berlin stößt das bislang weitgehend unbekannte Konzept auf Interesse. Stefan Krug von der Umweltorganisation Greenpeace erklärt, diesen "quasi-religiösen Ansatz" finde er "hochinteressant". Schließlich handle es sich um eine Sichtweise, die dem Kapitalismus sowie dem Sozialismus bislang fremd gewesen sei. Was die Rechte der Mutter Erde konkret bedeuten, verriet er aber auch nicht.

Diffuse Erwartungen an Cochabamba

Auch sonst bleibt über den alternativen Klimagipfel in Cochabamba noch vieles im Dunklen. Klar ist: Es soll 17 verschiedene Arbeitsgruppen geben – zu Themen wie strukturellen Ursachen, dem Kyoto-Protokoll oder Klimaflüchtlingen. Die Erwartungen sind bislang aber noch recht diffus. So erhofft zum Beispiel die Klimaaktivistin Ines Koburger von der Gruppe Gegenstrom Berlin einen "produktiven Austausch, was Forderungen sein können". Es gehe darum, "Interessen zu formulieren" und eine "Klimabewegung aufzubauen und zu entwickeln".

Greenpeace-Mann Krug befürchtet bereits jetzt, dass Cochabamba nur ein weiterer Gipfel wird, auf dem "Phrasen gedroschen werden". Sollte es anders kommen, dann könnte aus der bolivianischen Stadt tatsächlich ein starkes Zeichen ausgehen. Greenpeace erhofft sich aber anscheinend nicht allzu viel. Eine Delegation von fünf Leuten werde zum Alternativgipfel reisen, sagt Krug. In Kopenhagen waren es noch zehnmal so viele. Krug sagt, bei vielen Organisationen herrsche "Frustration" nach dem Scheitern in Kopenhagen.

Ist der UN-Prozess noch zu retten?

Was für die einen einen Rückschlag bedeutet, ist für die anderen eine Bestätigung ihrer These. Radikalere Klimaaktivisten wie Koburger hatten bereits vor Kopenhagen behauptet, die Vereinten Nationen seien nicht in der Lage, eine dem Problem angemessene Lösung zu finden. "Diese Einschätzung hat sich tatsächlich leider bestätigt", sagt Koburger. Nun könne der Gipfel in Cochabamba den politischen Raum für Diskussionen um Alternativen wieder öffnen. Klimawandel müsse als "grundsätzliches Problem" des Kapitalismus begriffen werden, es gelte, mit "Profitmaximierung und Wachstumszwang zu brechen".

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Greenpeace-Experte Krug widerspricht: "Ich glaube nicht, dass Umweltzerstörung an ein wirtschaftliches System gebunden ist." Nicht nur im Kapitalismus drohe der Umweltschutz unter die Räder zu kommen. Und auch die offiziellen Klimaverhandlungen verteidigt er: Das Scheitern in Kopenhagen "heißt nicht, dass der gesamte Prozess falsch ist". Wer weltweit verbindliche Emissionsminderungen wolle, dem bleibe nichts anderes als die anstrengenden Verhandlungen innerhalb der Vereinten Nationen.

Trotzdem habe Kopenhagen gezeigt, "dass die zivilgesellschaftliche Bewegung wichtiger denn je ist". Wird Cochabamba ein Forum für die Klimabewegung oder bloß eine bolivianische Regierungsveranstaltung? Lateinamerika-Experte Beutler glaubt zumindest, dass Länder wie Bolivien die Konferenz nutzen wollen, um sich zu profilieren nach dem Motto: "Wir sozialistischen Länder sind umweltfreundlicher als ihr Industrieländer."

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