"Wenn ihr uns rettet, rettet ihr alle"

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"Zeit ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können", sagen zwei Vertreter von Insel-Staaten bei der Frühjahrskoneferenz der UN-Klimadiplomatie in Bonn. Ronny Joumeau, Klimawandel-Botschafter der Seychellen, und Olai Uludong, Verhandlungsführerin der Alliance of Small Island States AOSIS, stammen beide aus Nauru im Pazifik und arbeiten in New York.

 
klimaretter.info: Die Verhandlungen im SBI – dem Gremium, das die Umsetzung der Klimarahmenkonvention überwacht – wurden in Bonn nicht einmal begonnen. Hatten Sie den Impuls, abzubrechen und nach Hause zu fahren?

Ronny Joumeau: Es ist der einzige Prozess, den wir haben. Wie könnten wir den verlassen? Solange wir dabei sind, müssen die anderen auf ihr Gewissen hören. Wir sind das menschliche Gesicht des Klimawandels. Was uns passiert, wird jedem passieren. Auf einem anderen Niveau, aber es wird passieren. Wir bewirken, dass sie sich schuldig fühlen, weil sie Menschen auslöschen. Es gibt noch andere Länder, die sehr leiden werden, wie Bangladesch. Aber die haben immer noch einen Platz, wo sie hingehen können. Die einzigen Länder, die ihre Vernichtung befürchten müssen, sind die kleinen Inseln.

Sie sind enttäuscht.

Natürlich sind wir enttäuscht. Daran, dass wir trotzdem noch lächeln, sehen Sie, was für nette Leute wir sind. Was für nette Leute Sie auf der Welt verlieren. Wir machen das, weil wir keine andere Wahl haben. Wir sind an der Unterkante: Wenn Sie uns retten, retten Sie alle. Wenn Sie entscheiden, uns zu opfern, weil es billiger ist, 5.000 Menschen auf dieser Insel oder 10.000 auf jener irgendwohin umzusiedeln, dann ist die Frage: Wo hört es auf? Wer ist der nächste? Uns zu opfern, wird den Klimawandel nicht stoppen. Wenn wir geopfert werden, heißt das, dass man nicht bereit ist, irgendjemanden zu retten.

Die Inseln haben bei Abstimmungen eine Stimme, so wie große Länder. Aber sie liegen weit weg von den industriellen Zentren. Auch von der Macht?

Ja. Viele Leute wissen nicht einmal, wo Hawaii liegt. Geschweige denn Nauru. Haben Sie den riesigen Globus bei der Klimakonferenz in Kopenhagen gesehen? Es war keine einzige kleine Insel darauf eingezeichnet. Da wussten wir, was sie vorhaben.

Was sagen Sie den anderen Staaten, wenn Sie diese Haltung bemerken?

Der Klimawandel betrifft nicht nur uns, sondern jede einzelne Gemeinschaft an der Küste. Die Zerstörung der Küstenlinien wird jeden Kontinent schrumpfen lassen. Leute von der Liste zu streichen ändert nichts an den Kosten. Wenn ihr uns los seid, geht der Klimawandel trotzdem weiter. Was macht ihr dann? In einem Turm mit Klimaanlage sitzen und eine weiße Fahne schwenken?

Oder zu den am meisten Verwundbaren gehen und sagen: Was immer wir für euch ausgeben, es ist das Effektivste. Denn wenn wir euch retten, retten wir alle anderen auch. Das zu tun macht uns zu dem, was wir sind: Menschliche Wessen. Jeder, der zulässt, dass Menschen verschwinden, wird selbst ein weniger menschliches Wesen sein.

Das ist die moralische Seite. Was lief politisch falsch bei dieser Konferenz?

Murphys Gesetz sagt: Was schieflaufen kann, läuft schief. Das ist auch bei Klimakonferenzen anzuwenden. In jedem Meeting muss etwas schiefgehen. Diesmal war es der SBI.

Der Grund, warum Russland, Weißrussland und die Ukraine den SBI blockiert haben, war aber keiner, der den SBI betrifft, sondern etwas, das bei der Klimakonferenzen selbst geregelt werden muss. Aber wenn es Absicht war, dann war es gut ausgedacht. Denn der SBI ist das wichtigste Organ für die am meisten Betroffenen wegen des Loss-and-Damage-Prozesses. Wenn man so was macht, trifft es nicht nur den SBI, dann trifft es den ganzen Verhandlungsprozess.

Russland hatte allerdings recht mit seiner Beschwerde darüber, wie bei der letzten COP mit ihm umgegangen wurde. Das ist aber auch vorher schon passiert, in Kopenhagen zum Beispiel mit Venezuela. Nur haben sich die anderen nie beschwert, weil ihnen die Verhandlungen so wichtig waren, weil so viel auf dem Spiel stand. Doch Russland hat sich entschieden, die anderen als Geiseln zu nehmen.

Man hat den Russen gesagt: Schaut, lasst uns darüber in einer eigenen Arbeitsgruppe reden. Wenn man dann "nein" sagt, ist das eine bewusste Entscheidung, die das Schicksal der am meisten Verwundbaren betrifft. Wir reden hier über die Zukunft der Menschheit. Das ist größer als solche Protokollfragen.

Das Surreale ist: Wir sind alle hierhergekommen und haben diskutiert. Und wenn wir  hier rausgegangen sind, schalten wir den Gedanken an den Klimawandel ab, wie wir den Fernseher abschalten, als ob nichts geschehen wäre. Unsere Diskussionen hören sich so an, als ob Marsianer auf dem Mars über den Klimawandel auf der Erde reden.

Was werden Sie jetzt tun?

Wir haben keine Geheimwaffe. Was den SBI betrifft, muss eine Lösung außerhalb der Verhandlungen gefunden werden. Das müssen Leute in höherer Position machen und die Russen fragen, was sie wollen. Hier ist alles versucht worden. Aber das Problem muss gelöst werden, sonst tritt es in Warschau wieder auf. Und dort müssen wir die Arbeit von drei Wochen in einer schaffen. Wir müssen den Zeitplan einhalten.

Jede Klimakonferenz von jetzt an bis zum Jahr 2015 ist so wichtig, dass wir es uns nicht leisten können, Zeit zu verlieren. So wie wir es immer auf den Inseln sagen: Zeit ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können. Darum rede ich auch nicht mehr mit Klimaskeptikern. Ich kann mir die Zeit nicht leisten. Ich werde ihnen nichts sagen, was ihre Meinung ändern könnte. Ich habe Wichtigeres zu tun. Da gehe ich lieber in den SBI und lasse mich dort frustrieren.

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Der Inselstaat Nauru mit seinen 10.000 Einwohnern ist der drittkleinste Staat der Erde. Er liegt etwa 2.000 Kilometer östlich von Papua-Neuginea. (Foto: ARM Program)

Wie sind Sie mit dem Misserfolg in Kopenhagen umgegangen?

Ronny Joumeau: Als ich nach Nauru kam, bin ich nicht aus dem Haus gegangen. So wütend war ich. Wenn ich rausgegagen wäre, hätte man mich sofort gefragt: "Oh, was war da los in Kopenhagen?" Und ich selbst habe mich gefragt: "Was haben wir euch getan?"

Olai Uludong: In Kopenhagen haben wir das Momentum verloren, den Impuls für das Vorantreiben der Verhandlungen. Mit ihrem Vorschlag im Rahmen der neuen Plattform ADP wollen die AOSIS-Staaten ehrgeizigere Reduktionsziele anstoßen und das Momentum zurückholen. Bei unserer Initiative sind jetzt auch die afrikanischen Länder dabei. Wir müssen positiv denken. Wie könnten wir sonst zu unseren Inseln zurückkehren? Sie werden sagen, was sie immer sagen: "Ah, habt ihr mal wieder eine schöne Reise gemacht. Und – was hat es genützt?"

Interview: Susanne Ehlerding

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